Altersarmut: Berlin mit 8,8 Prozent Quote doppelt so hart betroffen
Veröffentlicht am: 05.08.2026 um 03:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Immer mehr Senioren in Deutschland sind auf staatliche Unterstützung angewiesen. Die Zahl der Grundsicherungsempfänger über der Regelaltersgrenze steigt kontinuierlich – mit besonders drastischen Werten in den Städten.
Berlin als Brennpunkt der Altersarmut
Die Bundeshauptstadt verzeichnet die höchste Betroffenheit. Ende 2025 bezogen rund 61.000 Berliner über der Regelaltersgrenze Grundsicherung – ein Anstieg von etwa 50 Prozent gegenüber 2016, als es noch rund 41.000 waren.
Die Quote der Grundsicherungsempfänger lag 2024 bei 8,8 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt (4,1 Prozent). Parallel explodierten die Ausgaben: Von 287 Millionen Euro im Jahr 2020 stiegen sie auf über 521 Millionen Euro im Jahr 2025.
Auch beim Wohngeld zeigt sich die Entwicklung deutlich: Die Zahl der älteren Empfänger in Berlin vervierfachte sich zwischen 2015 und 2024 auf über 33.000.
Bayern und Hessen: Unterschiedliche Entwicklungen
In Bayern bleibt die Lage vergleichsweise entspannt. 2025 bezogen 64.130 ältere Menschen Grundsicherung – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr (63.360). Die Quote liegt mit 2,6 Prozent deutlich unter dem Bundesschnitt. Auffällig ist die Geschlechterverteilung: 36.330 Frauen, aber nur 27.800 Männer erhielten Unterstützung.
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Der Grund liegt in den Rentenlücken: Nach 45 Versicherungsjahren beziehen 56,4 Prozent der Frauen eine Rente unter 1.446 Euro. Bei den Männern sind es nur 19 Prozent.
In Hessen sieht es anders aus: Die Armutsgefährdung für Menschen ab 65 Jahren liegt bei 19,5 Prozent. Besonders Nordhessen kämpft mit steigenden Zahlen – in Kassel ist Schätzungen zufolge mittlerweile jeder zehnte Rentner auf Grundsicherung angewiesen.
Bundeszahlen und geplante Kürzungen
Bundesweit prognostizierte die Regierung für Ende 2025 rund 764.000 Empfänger von Grundsicherung im Alter – ein Zuwachs von 3,4 Prozent. Die Zahl der älteren Wohngeldempfänger stieg von 195.000 (2015) auf 709.000 (2024).
Doch trotz des wachsenden Bedarfs plant die Bundesregierung, die Mittel für das Wohngeld von fünf auf drei Milliarden Euro zu kürzen. Sozialverbände schlagen Alarm – zumal die Dunkelziffer hoch sein dürfte: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) schätzt, dass 50 bis 60 Prozent der Berechtigten ihre Ansprüche nicht geltend machen. Andere Schätzungen gehen sogar von bis zu 70 Prozent aus. Scham und Unkenntnis über die rechtlichen Ansprüche gelten als Hauptgründe.
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Reformvorschläge: Mehr Netto vom eigenen Einkommen
Die Alterssicherungskommission will gegensteuern und schlägt eine Anpassung der Freibeträge vor. Geplant ist ein Freibetrag von 20 bis 30 Prozent der Bruttorente ab dem ersten Euro. Die Obergrenze soll auf zwei Drittel der Regelbedarfsstufe 1 angehoben werden – beim aktuellen Stand von 563 Euro eine deutliche Ausweitung.
Bisher gilt: 100 Euro Freibetrag plus 30 Prozent des darüberliegenden Betrags, gedeckelt bei maximal 281,50 Euro. Das Ziel der Reform: Wer langjährig eingezahlt hat, soll sich auch mit Grundsicherung spürbar mehr von seiner eigenen Rente behalten dürfen. Ob die Bundesregierung den Vorschlag umsetzt, bleibt abzuwarten – der Druck aus den Sozialverbänden wächst.
