Alzheimer: Bluttests erkennen Krankheit Jahre vor Symptomen
10.06.2026 - 03:30:05 | boerse-global.de
Neue Wirkstoffkandidaten zielen auf bisher unberührte Zellmechanismen, während Bluttests die Krankheit Jahre vor den ersten Symptomen erkennen können.
ETH-Forscher entdecken Schutzschalter für Nervenzellen
Ein Team der ETH Zürich um Ursula Quitterer hat einen vielversprechenden Kandidaten gefunden. Der Wirkstoff „Substanz 10“ verlangsamt im Mausmodell das Fortschreiten von Alzheimer.
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Der Mechanismus ist neu: Das Enzym GRK2 bildet Verklumpungen, schädigt die Mitochondrien und treibt die Produktion von schädlichem Beta-Amyloid an. Substanz 10 verhindert diese Verklumpungen und schützt so die Nervenzellen. Die Forscher beobachteten zudem allgemeine Anti-Aging-Effekte.
Die Grundlagenforschung ist abgeschlossen, ein Patent angemeldet. Nun sucht die ETH Partner aus der Industrie für die weitere Entwicklung.
Longevity-Pille aus dem Silicon Valley
Parallel arbeitet das US-Unternehmen Retro Biosciences an RTR242 – einer Pille, die den Alterungsprozess von Zellen aufhalten soll. Finanziert wird die Firma unter anderem von Sam Altman.
Der Wirkstoff reaktiviert die Autophagie, die zelluläre Müllabfuhr, und stellt die Funktion der Lysosomen im Alter wieder her. Fachleute sehen darin einen Ansatz zur Alzheimer-Prävention. Eine Phase-1-Studie läuft in Australien, erste Daten werden für August 2026 erwartet.
Bluttests erkennen Alzheimer Jahre vor Symptomen
In der Diagnostik zeichnet sich ein echter Durchbruch ab. Eine Studie der University of California, San Francisco, veröffentlicht am 30. Mai in The Lancet, zeigt: Bluttests auf fehlgefaltete Amyloid- und Tau-Proteine können die Krankheit bereits bei Menschen Mitte 40 nachweisen.
Die CARDIA-Kohorte mit 1350 Teilnehmern lieferte die Daten. Bei sechs Prozent der Probanden (Durchschnittsalter: 61 Jahre) fanden sich erhöhte Werte. Diese Gruppe hatte ein 2,5- bis 4-fach höheres Risiko für raschen kognitiven Verfall innerhalb von fünf Jahren. Die Autoren warnen jedoch: Die Tests sollten derzeit nur ergänzend zu etablierten Verfahren eingesetzt werden.
KI analysiert Darmbakterien und Arztnotizen
Einen ungewöhnlichen Weg gehen Forscher der University of East Anglia. Sie untersuchten die Darm-Hirn-Achse. Ein KI-Modell analysierte Stoffwechselprodukte von Darmbakterien im Blut und unterschied mit 79 Prozent Genauigkeit zwischen gesunden Personen und solchen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen. Ein marktreifer Test ist daraus aber noch nicht entstanden.
Das KI-System „DementAI“ des Anbieters Katalyze Data verfolgt einen anderen Ansatz. Es wertet strukturierte Daten wie Gehirnscans und unstrukturierte Informationen wie Arztnotizen aus. Ziel: Alzheimer bis zu zwei Jahre früher erkennen als mit herkömmlichen Methoden. Das System wurde beim SAS Hackathon 2025 ausgezeichnet.
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Entzündung als neuer Angriffspunkt
Neben der Amyloid-Hypothese rücken entzündliche Prozesse in den Fokus. Anfang Mai zeigte eine Studie in Nature Communications, dass T-Zellen eine wesentliche Rolle bei Alzheimer-bedingten Entzündungen spielen. Eine Untersuchung in Nature Medicine vom 4. Juni befasste sich mit der Blockade eines sogenannten Todeskomplexes durch den Wirkstoff FP802.
Und noch ein überraschender Kandidat: Sialidase-Inhibitoren, ursprünglich als Grippemittel entwickelt, könnten laut einer Studie in Med vom 5. Juni positive Effekte im Alzheimer-Kontext haben.
Die Forschung wird komplexer – und setzt zunehmend auf multidisziplinäre Ansätze aus Biologie, Chemie und Informatik.
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