Alzheimer: Gehirnveränderungen beginnen 20 Jahre vor Symptomen
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 00:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Alzheimer beginnt nicht erst mit den ersten Gedächtnislücken. Veränderungen im Gehirn setzen laut Prof. Dr. Ne?e Tuncer bereits rund 20 Jahre vor den ersten Symptomen ein – ein Zeitfenster, das Fachleute zunehmend als Chance für Prävention begreifen. Anlässlich des Welt-Alzheimertags am 21. September rücken Risikofaktoren, neue Diagnoseverfahren und die wachsende Zahl Betroffener in den Fokus.
Steigende Fallzahlen weltweit
In der Türkei sind laut Tuncer derzeit rund 700.000 Menschen von Alzheimer betroffen, bis 2050 wird eine 2,5-fache Steigerung erwartet. In Ungarn leben Schätzungen zufolge 200.000 bis 300.000 Menschen mit Demenz, etwa 10 Prozent der über 65-Jährigen – zählt man Angehörige und Pflegekräfte hinzu, sind es fast eine Million Betroffene, wie ein Bericht vom 20. September 2026 festhält.
In Österreich leben laut dem Österreichischen Demenzbericht 2025 rund 170.000 Menschen mit Demenz, zwei Drittel davon Frauen; bis 2050 könnte die Zahl auf mehr als 290.000 steigen. In Deutschland beziffert die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) die Betroffenenzahl auf rund 1,8 Millionen – die Erkrankung werde jedoch häufig erst spät erkannt.
Risikofaktoren im Lebensstil
Nach Einschätzung von Tuncer zählen zu den beeinflussbaren Risikofaktoren unter anderem Bewegungsmangel, unbehandelter Bluthochdruck, hohes Cholesterin, unbehandelter Hörverlust, Diabetes und Insulinresistenz, Adipositas, Rauchen und Alkoholkonsum, soziale Isolation, schlechter Schlaf, ungesunde Ernährung, Depression, Kopftrauma und Luftverschmutzung. Sie empfiehlt mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche, eine Mittelmeerdiät sowie 7 bis 8 Stunden Schlaf. Der Lancet-Kommission von 2024 zufolge, die 14 Risikofaktoren definiert, gelten 45 Prozent der Demenzfälle als potenziell verhinderbar.
Eine Studie der Murdoch University, veröffentlicht im Fachjournal Nutrients, untersuchte 185 ältere Erwachsene aus Perth ohne Demenz, zu Studienbeginn im Schnitt 70,6 Jahre alt, darunter 57 Träger des APOE-?4-Risikogens.
Über 90 Monate hinweg zeigte sich bei den Trägern der Genvariante ein Zusammenhang zwischen westlicher Ernährung – rotem und verarbeitetem Fleisch, Pommes, Süßigkeiten, Weißmehl, Bier und Pizza – und schnellerem Aufmerksamkeitsverlust. Bei Personen ohne die Genvariante fand sich kein belastbarer Zusammenhang.
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Nach Ausschluss von 19 Teilnehmern unterhalb eines kognitiven Grenzwerts verschwand die Signifikanz jedoch, und mit nur 36 verbliebenen Teilnehmern mit vollständigen Daten lassen sich laut den Studienautoren keine individuellen Ernährungsempfehlungen ableiten.
Auch die Mundgesundheit rückt in den Blick: Forschende der Universitätsmedizin Greifswald, darunter Mitautor Hans Jörgen Grabe, fanden einen Zusammenhang zwischen der Tiefe von Zahnfleischtaschen und dem für Alzheimer typischen Verlust von Gehirnsubstanz.
Ein Zahnhygieneprogramm normalisierte demnach die beobachtete Hirnalterung teilweise. Als möglicher Auslöser gilt der Keim P. gingivalis, wobei Amyloid-Plaques offenbar antimikrobielle Eigenschaften besitzen.
Eine Analyse der UK Biobank mit 183.450 Frauen, mittleres Alter zu Beobachtungsbeginn rund 60 Jahre, über einen Zeitraum von 13 Jahren mit knapp 4.000 Demenzdiagnosen, untersuchte den Zusammenhang zwischen Hormontherapie und Demenzrisiko. Da es sich um Beobachtungsdaten handelt, lässt sich daraus laut den Studienautoren keine Kausalität ableiten; randomisierte Langzeitstudien fehlen bislang.
Genetik und Alter
Eine Studie der Columbia University, veröffentlicht in PLOS Biology, zeigt anhand der GERA-Kohorte mit 57.696 Menschen europäischer Abstammung sowie der UK Biobank mit 117.648 Personen britischer Abstammung, dass das Risikogen APOE ?4 ab etwa 70 Jahren in der Bevölkerung stetig seltener wird. Ein zweites Signal betrifft die CHRNA3-Genvariante, die bei Vätern mit höherem Todesalter seltener auftritt.
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Neue Ansätze bei Diagnose und Therapie
Im Herbst 2025 startete das Projekt LETHE-AT eine Teststudie mit Risikopatienten ohne Demenz. An der Med Uni Graz wird untersucht, wie Neurofilamente mit Veränderungen des alternden Gehirns zusammenhängen; zudem wurde ein Verfahren zur präziseren Bestimmung des Hippocampus-Volumens entwickelt.
Dort stehen an der Gedächtnisambulanz bereits die Anti-Amyloid-Antikörper Lecanemab und Donanemab zur Verfügung, die Einrichtung ist zudem an den Projekten InRAD und LETHE-AT beteiligt.
In Österreich leben Schätzungen zufolge rund 50.000 Menschen mit mildem Alzheimer und 200.000 mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen. Nach Berücksichtigung von Gegenanzeigen kommen 5 bis 20 Prozent für eine entsprechende Therapie infrage.
Lecanemab soll den Krankheitsverlauf laut Studien um 27 Prozent verlangsamen, bei einem Fünftel der Behandelten treten allerdings Schwellungen oder Ödeme im Gehirn auf. Die Therapie erfolgt alle 14 Tage per Infusion, begleitet von regelmäßigen MRT-Kontrollen.
Auch bei der Früherkennung tut sich etwas: Neue Bluttests versprechen laut einem Bericht der ZEIT, eine Demenz-Diagnose bereits Jahre vor Ausbruch der Krankheit zu ermöglichen.
Forderungen zum Welt-Alzheimertag
Zum Welt-Alzheimertag am 21. September forderte PVÖ-Präsidentin Birgit Gerstorfer einen Rechtsanspruch auf demenzgerechte Versorgung, verbunden mit Entlastungstagen und einem Angehörigenbonus ab Pflegegeldstufe 3. Die DGG veröffentlichte anlässlich desselben Tages einen kostenlosen Demenz-Comic, um über die oft spät erkannte Erkrankung aufzuklären.
In Augsburg verweist die Gesellschaft auf lokale Anlaufstellen wie den Pflegestützpunkt, die Alzheimer-Gesellschaft sowie AWO, Caritas und Diakonie als erste Ansprechpartner für Betroffene und Angehörige.
