Alzheimer-Genetik, DNA-Abschnitte

Alzheimer-Genetik: 48 bisher unbekannte DNA-Abschnitte entdeckt

Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 09:26 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine internationale Datenauswertung verknüpft 127 Genorte mit Alzheimer-Risiko und benennt fünf mögliche Ziele für weitere Therapieforschung.
Mikroskopische Aufnahme eines komplexen neuronalen Netzwerks im menschlichen Gehirn. Illustration mit AI erstellt.

Die Erforschung der Alzheimer-Demenz erreicht durch groß angelegte genomweite Assoziationsstudien einen neuen Detaillierungsgrad. In einer am 28. Oktober 2026 im Fachjournal Nature veröffentlichten Untersuchung haben Forschungsteams der Universität Oslo und des Oslo Universitätsklinikums 127 DNA-Regionen identifiziert, die mit dem Risiko für die Alzheimer-Krankheit verknüpft sind.

Davon waren 48 Abschnitte der Wissenschaft bislang unbekannt. Die Ergebnisse liefern vertiefte Einblicke in die biologischen Ursachen der Erkrankung, die weltweit als häufigste Demenzursache gilt. Prognosen zufolge könnte die Zahl der Demenzfälle weltweit bis zum Jahr 2050 auf über 150 Millionen steigen.

Umfangreiche Datenbasis und statistische Varianz

Für die populationsübergreifende Analyse griffen die Wissenschaftler der Universität Oslo und des Oslo Universitätsklinikums auf Daten von 30 Forschungsgruppen und Kohorten zurück, die insgesamt rund 2,8 Millionen Menschen umfassten, darunter 183.620 Alzheimer-Kranke sowie 74.131 sogenannte Proxy-Fälle.

Die effektive Stichprobengröße belief sich auf 416.493 Personen, zusammengesetzt aus 109.479 Alzheimer-Fällen, 74.141 Proxy-Fällen, 2.131.799 Kontrollpersonen und 499.708 Proxy-Kontrollen. Rund 91 Prozent der erfassten Teilnehmer wiesen eine europäische Abstammung auf.

Aus den Berechnungen gingen 118 Genorte in der populationsübergreifenden Auswertung hervor, während neun weitere in abstammungsspezifischen Analysen entdeckt wurden. Häufige genetische Varianten erklären bei Menschen europäischer Abstammung schätzungsweise 16 Prozent des Alzheimer-Risikos.

Dieser Wert übertrifft frühere Schätzungen von 5 bis 6 Prozent deutlich, was vor allem auf ein statistisches Verfahren zurückzuführen ist, das die Rolle des bekannten Gens APOE präziser berücksichtigt.

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Bei der sogenannten SNP-Heritabilität ergab das Modell SBayesRC 16 Prozent bei europäischer, 13 Prozent bei ostasiatischer und 10 Prozent bei afrikanischer Abstammung, während die aus Zwillingsstudien bekannte Heritabilität bei 60 bis 80 Prozent liegt. Ein polygener Risikoscore erklärte im Schnitt 12,8 Prozent der Varianz in europäischen Kohorten.

Bei Teilnehmern der UK-Biobank im Alter von 65 Jahren oder älter erwies sich die Alzheimer-Prävalenz im höchsten Dezil dieses Risikoscores als siebenmal höher als im niedrigsten Dezil. Die Forscher weisen darauf hin, dass diese Befunde für Populationsebenen gelten und keine direkte individuelle Vorhersage erlauben.

Zelluläre Mechanismen und Ansatzpunkte für Wirkstoffe

Die identifizierten genetischen Risikosignale konzentrieren sich vor allem auf Mikroglia, die Immunzellen des Gehirns, sowie auf bestimmte Neuronen. Die Fehlregulation beider Zelltypen bildet den Forschern zufolge zentrale Konvergenzpunkte des Krankheitsgeschehens. Insgesamt wurden 72 assoziierte Gensets mit Funktionen wie der Lipidbindung, der Immunaktivierung und dem Abbau von Amyloid in Verbindung gebracht.

Zudem filterte das Team fünf potenzielle therapeutische Angriffspunkte heraus: RRM2B, SYK, KEAP1, CACNA1S und AXL. Obwohl die neu entdeckten Regionen neue Ansatzpunkte für künftige Medikamente bieten könnten, betonen die Wissenschaftler, dass bis zur Entwicklung konkreter Therapien noch umfangreiche Forschungsarbeiten erforderlich sind.

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Ergänzende Rolle modifizierbarer Risikofaktoren

Neben nicht veränderbaren genetischen Faktoren rücken auch modifizierbare Einflüsse auf Demenzerkrankungen weiter in den Fokus der Wissenschaft. Eine am 2. November 2026 von der Universität Tohoku im Journal of the American Medical Directors Association veröffentlichte Untersuchung unterstrich die Relevanz physischer Risiken.

Auf Basis der JAGES-Kohorte mit rund 47.000 Personen ab 65 Jahren in Japan und einer neunjährigen Nachbeobachtung analysierten die Forscher den Einfluss von Zahnverlust im Vergleich zu den zwölf Risikofaktoren der Lancet Commission von 2024.

Demnach trägt ein Zahnverlust von aktuell unter 20 Zähnen 7,2 Prozent zum Demenzrisiko bei (bevölkerungsattributierbarer Anteil) und belegt damit Rang drei der modifizierbaren Risikofaktoren hinter Depression mit 10,5 Prozent und sozialer Isolation mit 9,4 Prozent.

Bei Männern erreicht Zahnverlust mit 12,0 Prozent sogar den ersten Rang. Die Befunde verdeutlichen, dass neben der fortschreitenden Aufschlüsselung genetischer Profile auch präventive Maßnahmen an veränderbaren Risiken integraler Bestandteil künftiger Gesundheitsstrategien bleiben.

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