Alzheimer, Immunzellen

Alzheimer: Neue Immunzellen direkt an Plaques entdeckt

27.05.2026 - 10:01:34 | boerse-global.de

Forscher identifizieren HPAM-Zellen, die sich direkt an Alzheimer-Plaques anlagern. Die Entdeckung eröffnet neue Ansätze für Diagnose und Therapie.

Alzheimer: Neue Immunzellen direkt an Plaques entdeckt - Foto: über boerse-global.de
Alzheimer: Neue Immunzellen direkt an Plaques entdeckt - Foto: über boerse-global.de

Ein internationales Team der Universität Leipzig und der Oregon Health and Science University hat eine bisher unbekannte Gruppe von Immunzellen im Gehirn identifiziert. Die sogenannten HPAM-Zellen könnten eine zentrale Rolle bei der Reaktion auf krankheitstypische Ablagerungen spielen. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Nature Neuroscience.

Hochauflösende Bildgebung zeigt spezialisierte Zellen an Plaques

Die Entdeckung gelang durch eine optimierte Mikroskopie-Technologie namens CODEX-CNS. Die Forscher untersuchten Gewebeproben von acht Alzheimer-Patienten und acht Kontrollpersonen. Insgesamt analysierten sie 704.000 Zellen und identifizierten 16 verschiedene Cluster von Mikroglia – den Immunzellen des Gehirns.

Die HPAM-Zellen reichern sich direkt in der Nähe der Amyloid-beta-Plaques an. Diese Eiweißablagerungen gelten als Hauptmerkmal der Alzheimer-Erkrankung. Rund 40 Prozent der Immunzell-Signale im direkten Umfeld der Plaques stammten von der neu entdeckten Population.

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„Diese Zellpopulation ist eng mit den Ablagerungen verknüpft und kommt im Alzheimer-Gehirn deutlich häufiger vor als bei gesunden Personen", erklärt Dr. Dennis-Dominik Rosmus von der Universität Leipzig. Die Zellen wiesen ein aktives immunologisches Profil auf und übernähmen spezialisierte Funktionen. Die Forscher planen nun, die Technik auch bei anderen neurologischen Erkrankungen einzusetzen.

Früherkennung per Augenscan und Bakterien-Forschung

Parallel zur Grundlagenforschung gewinnen neue Ansätze zur Früherkennung an Bedeutung. Das österreichische Start-up Thyra Imaging präsentierte im Mai 2026 eine Technologie zur Demenz-Früherkennung mittels Augenscan. Das System nutzt die Adaptive Optik (AO) – ein Verfahren, das ursprünglich für die Astronomie entwickelt wurde.

Ein nur zwei Sekunden dauernder Scan soll zelluläre Veränderungen der Netzhaut sichtbar machen. Eine künstliche Intelligenz analysiert Millionen von Datenpunkten, um frühzeitige Warnsignale zu identifizieren. Das Projekt wird durch eine PreSeed-Förderung des Austria Wirtschaftsservice (AWS) unterstützt. Für eine breite Markteinführung muss das Gerät jedoch noch weiter verkleinert werden.

Eine weitere Studie deutet darauf hin, dass das Bakterium Porphyromonas gingivalis – bekannt als Erreger von Zahnfleischentzündungen – das Alzheimer-Risiko um mehr als das Sechsfache erhöhen könnte. Der Erreger aktiviert spezifische Signalwege, die zu einer Schädigung der Mikroglia führen. Passend dazu brachte die Firma PerioTrap bereits im Januar 2026 eine spezialisierte Zahnpasta gegen diesen Erreger auf den Markt.

Innovative Therapieansätze: Nanopartikel und Enzym-Inhibitoren

Forscher des IBEC Barcelona veröffentlichten im Oktober 2025 Ergebnisse zu supramolekularen Nanopartikeln. Drei Injektionen dieser Partikel entfernten bei Mäusen innerhalb einer Stunde zwischen 50 und 60 Prozent der Amyloid-Ablagerungen im Gehirn. Der Mechanismus aktiviert den LRP1-Rezeptor und stellt die natürliche Reinigungsfunktion der Blut-Hirn-Schranke wieder her. Ältere Mäuse zeigten anschließend die kognitive Leistungsfähigkeit junger Tiere. Klinische Studien am Menschen sind in fünf bis zehn Jahren geplant.

Wissenschaftler der University of Southern California (USC) identifizierten im Mai 2026 das Enzym cPLA2 als wesentlichen Treiber von Entzündungsprozessen im Gehirn. Besonders bei Trägern der Genvariante APOE4 ist eine erhöhte Aktivität dieses Enzyms mit einem gesteigerten Krankheitsrisiko verbunden. Mittels computergestützter Screenings von Milliarden Molekülen fanden die Forscher einen Inhibitor, der cPLA2 selektiv hemmt und die Blut-Hirn-Schranke überwinden kann. Die Gründer haben das Unternehmen PeBRx ins Leben gerufen.

Eine Studie der Flinders University, veröffentlicht am 25. Mai 2026 in Nature Communications, belegt zudem, dass das Tau-Protein essenziell für die Bildung und Stabilisierung von Langzeiterinnerungen ist. Während eine kontrollierte Phosphorylierung für die normale Gedächtnisfunktion notwendig ist, stören krankhafte Formen des Proteins die Gedächtnisbildung massiv.

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Wirkstofftests an reanimiertem Hirngewebe

Das Start-up Bexorg verfolgt einen innovativen Ansatz zur Beschleunigung der Medikamentenentwicklung. Es nutzt die an der Yale University entwickelte BrainEx-Technologie, um kürzlich verstorbene menschliche Gehirne metabolisch aktiv zu halten. Durch eine künstliche Blutversorgung bleibt das Gewebe über einen gewissen Zeitraum funktionsfähig.

Seit Juni 2025 besteht eine Partnerschaft mit dem Unternehmen Biohaven, um Therapien gegen neurologische Erkrankungen direkt an menschlichem Gewebe zu testen. Diese Methode soll realistischere Daten liefern als herkömmliche Tier- oder Zellmodelle. Das Verfahren wirft jedoch komplexe ethische Fragen auf – insbesondere zur Einwilligung der Spender und zum potenziellen Bewusstseinsstatus des Gewebes.

Paradigmenwechsel in der Alzheimer-Forschung

Die aktuellen Entwicklungen markieren einen Wandel in der Alzheimer-Forschung. Während sich die Forschung über Jahrzehnte primär auf die Reduktion von Amyloid-Plaques konzentrierte, rückt nun die räumliche Biologie und die Heterogenität der Immunantwort in den Fokus. Die Entdeckung der HPAM-Zellen zeigt: Mikroglia reagieren nicht einheitlich, sondern nehmen je nach Umgebung spezifische Zustände an.

Die Kombination aus hochauflösender Bildgebung und KI-Analyse ermöglicht es, die Krankheit bereits in Stadien zu untersuchen, in denen noch keine klinischen Symptome vorliegen. Der Trend zur personalisierten Medizin wird durch die Identifikation spezifischer genetischer Trigger wie cPLA2 verstärkt.

Herausforderungen auf dem Weg zur klinischen Anwendung

Trotz der Erfolge in der Grundlagenforschung steht die Übertragung auf den Menschen vor großen Hürden. Die Entdeckung der HPAM-Zellen bietet zwar neue therapeutische Zielstrukturen – der klinische Nutzen muss jedoch erst nachgewiesen werden. Die Augenscan-Technologie von Thyra Imaging könnte vergleichsweise zeitnah in die Praxis einfließen, sofern die Hardware-Miniaturisierung gelingt.

Bei den medikamentösen Ansätzen ist mit langwierigen klinischen Prüfphasen zu rechnen. Die Nutzung von Technologien wie BrainEx könnte diesen Prozess verkürzen, indem bereits in frühen Phasen präzisere Daten zur Wirkung im menschlichen Gehirn gewonnen werden. Ob die nun identifizierten Zellpopulationen und Signalwege tatsächlich den Schlüssel für eine wirksame Prävention und Heilung darstellen, werden die kommenden Jahre zeigen.

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