Alzheimer und Gehör: Tinnitus kann sechs bis zehn Jahre vorher auftreten
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 06:43 Uhr | Redaktion boerse-global.deWissenschaftliche Publikationen weisen darauf hin, dass VerĂ€nderungen im Hörbereich wie Tinnitus oder Schwerhörigkeit Jahre vor einer klinischen Alzheimer-Diagnose als potenzielle Warnsignale auftreten können. Aktuelle Untersuchungen verknĂŒpfen sensorische EinschrĂ€nkungen zunehmend mit dem Risiko kognitiver Verschlechterungen und beleuchten die Rolle des Hörvermögens bei neurodegenerativen Erkrankungen.
Langfristige Vorboten im HNO-Bereich
Laut einer Studie können Tinnitus und Hörverlust bereits sechs bis zehn Jahre vor einer Diagnose von frĂŒh auftretendem Alzheimer festgestellt werden. Eine finnische Untersuchung, die im Fachjournal Alzheimer's & Dementia erschien, verglich 407 frĂŒh an Alzheimer erkrankte Personen mit 4.035 gesunden Kontrollpersonen.
Das Durchschnittsalter bei der Diagnose lag bei 60 Jahren. Bei den Erkrankten handelte es sich um Patienten aus Oulu und Kuopio aus den Jahren 2010 bis 2021; der Frauenanteil betrug in beiden Gruppen 58,5 Prozent, und das mittlere Diagnosealter lag bei 60,6 Jahren. Bei 62,2 Prozent der Betroffenen lag eine BestĂ€tigung ĂŒber Amyloid- oder Tau-Marker im Nervenwasser vor.
Die Auswertung der finnischen Daten zeigte, dass im Zeitraum von fĂŒnf Jahren vor der Diagnose Schwindel bei 5,9 Prozent der Betroffenen auftrat, verglichen mit 2,1 Prozent in der Kontrollgruppe. HNO-Erkrankungen betrafen 5,2 Prozent der spĂ€teren Alzheimer-Patienten gegenĂŒber 2,9 Prozent der Gesunden.
Im Intervall von sechs bis zehn Jahren vor der Diagnose blieben HNO-Erkrankungen mit 4,7 Prozent gegenĂŒber 2,1 Prozent signifikant erhöht. Speziell Hörstörungen wie Tinnitus oder eine beidseitige sensorineurale Schwerhörigkeit waren in dieser Phase erhöht nachweisbar. Elf bis 15 Jahre vor der Diagnose ergaben sich hingegen keine signifikanten Unterschiede.
In den Jahren eins bis fĂŒnf vor der Diagnose suchten die spĂ€ter an frĂŒh auftretendem Alzheimer Erkrankten zudem hĂ€ufiger medizinische Hilfe wegen Depressionen (5,7 Prozent gegenĂŒber 2,3 Prozent), Kopfschmerzen (4,9 Prozent gegenĂŒber 1,6 Prozent), SchlaganfĂ€llen (4,4 Prozent gegenĂŒber 2,0 Prozent), Delir (1,5 Prozent gegenĂŒber 0,1 Prozent), Alkoholkrankheiten (3,4 Prozent gegenĂŒber 1,4 Prozent), SchĂ€del-Hirn-Traumata (2,9 Prozent gegenĂŒber 0,9 Prozent), SchilddrĂŒsenerkrankungen (2,5 Prozent gegenĂŒber 0,8 Prozent) sowie Epilepsie (2,2 Prozent gegenĂŒber 0,7 Prozent).
Kein Unterschied zeigte sich hingegen bei Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen. Die Zahl der Arztbesuche stieg im Jahr vor der Diagnose auf durchschnittlich 3,3 gegenĂŒber 1,9 in der Kontrollgruppe und erreichte im Diagnosejahr 6,3 gegenĂŒber 2,0. Die Autoren betonten, dass die finnische Beobachtungsstudie lediglich statistische Assoziationen abbildet, jedoch keine KausalitĂ€t nachweist und die Ergebnisse möglicherweise nicht auf andere Populationen ĂŒbertragbar sind.
Asymmetrischer Hörverlust und kognitive Folgen
ErgĂ€nzende Erkenntnisse liefert eine Untersuchung der Katholischen UniversitĂ€t Korea am Eunpyeong St. Mary's Hospital, die Daten von ĂŒber 100.000 Personen analysierte. Demnach erhöht eine einseitige Schwerhörigkeit das Alzheimer-Risiko um den Faktor 1,49 gegenĂŒber Normalhörenden.
Bei beidseitiger Schwerhörigkeit steigt das Risiko um den Faktor 1,89. Eine linksseitige einseitige Schwerhörigkeit war dabei möglicherweise stÀrker mit dem Alzheimer-Risiko assoziiert als eine rechtsseitige, bereinigt um Faktoren wie Alter, Geschlecht, Bildung, Rauchen, Alkoholkonsum, Schlaf, Adipositas, Bluthochdruck, Diabetes und Genetik.
Studienleiter Han Jae-sang erklÀrte, dass einseitige Schwerhörigkeit im Klinikalltag hÀufig als harmlos unterschÀtzt werde, wodurch sich Interventionen verzögerten.
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Laut einer Ăbersichtsarbeit des Tinnituszentrums der CharitĂ© â UniversitĂ€tsmedizin Berlin hat fast jeder vierte Mensch in Deutschland bereits eine Tinnitusepisode erlebt. Bei mehr als 90 Prozent der Betroffenen bestehen enge Verbindungen zur allgemeinen HörfĂ€higkeit.
Ein Tinnitus kann GedÀchtnis, Aufmerksamkeit und Konzentration beeintrÀchtigen, insbesondere bei Àlteren Menschen und bei bestehendem Hörverlust. Dem Bericht zufolge können HörgerÀte und kognitive Verhaltenstherapie solchen Belastungen entgegenwirken.
Angesichts der ZusammenhĂ€nge verweist die Medizinische UniversitĂ€t Innsbruck auf Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), wonach ein Hörverlust von ĂŒber 35 Dezibel als beeintrĂ€chtigend eingestuft wird. Ein auffĂ€lliger Befund liege vor, wenn in zwei von vier frequenzen mindestens 40 Dezibel Verlust gemessen werden; ein entsprechendes Screening ab einem Alter von 50 Jahren sei nach WHO-Empfehlung denkbar.
Potenzial durch HörgerÀteversorgung
Die Lancet-Kommission zur DemenzprĂ€vention fĂŒhrt unbehandelte Schwerhörigkeit im mittleren Lebensalter als gröĂten oder gleich groĂen modifizierbaren Risikofaktor fĂŒr Demenzerkrankungen an. SchĂ€tzungsweise sieben bis acht Prozent aller DemenzfĂ€lle werden dem Hörverlust zugeschrieben â ein höherer Anteil als durch Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel oder soziale Isolation.
Insgesamt nennt die Kommission 14 beeinflussbare Risikofaktoren, darunter geringe Bildung, Depressionen, Kopfverletzungen, Luftverschmutzung und SehschwÀche, durch deren Kontrolle bis zu 45 Prozent der DemenzfÀlle potenziell verhindert oder verzögert werden könnten.
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Eine im Fachjournal The Lancet publizierte Studie hebt hervor, dass frĂŒhe Hörinterventionen wie HörgerĂ€te den kognitiven Abbau bei gefĂ€hrdeten Senioren um nahezu 48 Prozent verlangsamen können.
Im September 2026 veröffentlichte Daten der CHOICE-Studie in JAMA Neurology, die zwischen 2020 und 2024 am Shanghai Ninth People's Hospital mit 703 Teilnehmern im mittleren Alter von 74,5 Jahren durchgefĂŒhrt wurde, untersuchten Personen ab 60 Jahren mit mittelgradiger bis schwerer Schwerhörigkeit und leichter kognitiver BeeintrĂ€chtigung.
Nach zwei Jahren kehrten 15,34 Prozent der Teilnehmer in der HörgerĂ€tegruppe zu einer normalen Kognition zurĂŒck, verglichen mit 2,36 Prozent in der Kontrollgruppe, was einem RisikoverhĂ€ltnis von 5,94 entspricht.
Zuvor hatte eine randomisierte Studie mit 700 Erwachsenen ab 60 Jahren nach zwei Jahren eine Demenzinzidenz von drei Prozent mit HörgerĂ€ten gegenĂŒber fĂŒnf Prozent in der Kontrollgruppe verzeichnet, was statistisch nicht signifikant war; in einer SekundĂ€ranalyse kehrten jedoch auch dort signifikant mehr Patienten mit HörgerĂ€ten zu normaler Kognition zurĂŒck.
Demenz- und Hörexperten weisen zudem auf bestehende VersorgungslĂŒcken hin. Laut WHO lag die weltweite PrĂ€valenz mittelgradiger bis schwerer Hörbehinderungen bei ĂŒber 60-JĂ€hrigen im Jahr 2021 bei 12,7 Prozent im Alter von 60 Jahren, stieg um 7,5 Prozent pro fĂŒnf Lebensjahre und erreichte 58 Prozent bei 90-JĂ€hrigen.
Ein chinesischer Bericht aus dem Jahr 2025 bezifferte die Nutzung von HörgerĂ€ten bei HörgeschĂ€digten in China auf lediglich etwa zehn Prozent und bei altersschwerhörigen Personen ĂŒber 60 Jahren auf 3,5 Prozent.
FachĂ€rzte betonen, dass Schwerhörigkeit zwar nicht direkt Demenz verursacht, den Abbau jedoch beschleunigen kann, da bei fehlender akustischer Stimulation das SprachverstĂ€ndnis trotz ausreichender LautstĂ€rke leidet. Bei anhaltenden VerstĂ€ndnisproblemen im Alltag wird daher eine frĂŒhe audiometrische Untersuchung empfohlen.
