Angemessenheitsprüfung, Fachverbände

Angemessenheitsprüfung: Fachverbände warnen vor Patienten-Versorgungslücke

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 15:05 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Die Bundesregierung plant die Streichung der Angemessenheitsprüfung für Psychotherapeuten. Verbände warnen vor Versorgungsengpässen und Praxisaufgaben.

Neues Gesetz: Psychotherapeuten fürchten massive Vergütungskürzungen
Eine einsame, silhouettierte Person steht in einem schwach beleuchteten, leeren Wartezimmer und blickt aus einem Fenster. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Fachverbände und Berufsvertretungen schlagen Alarm. Sie befürchten eine Verschlechterung der Patientenversorgung und das Aus für viele Praxen.

Streit um die Angemessenheitsprüfung

Im Zentrum der Debatte steht der Änderungsantrag Nr. 15 zum geplanten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Er sieht die Streichung der sogenannten Angemessenheitsprüfung vor. Bislang stellte diese sicher, dass Psychotherapeuten ähnlich vergütet werden wie Fachärzte.

Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) und die Deutsche Gesellschaft für Psychologie (DGPs) protestieren scharf. Die Angemessenheitsprüfung sei verfassungsrechtlich geboten, betonen sie. BPtK-Präsidentin Andrea Benecke bezeichnet den Antrag als absurd. Das Bundessozialgericht habe die Prüfung als notwendigen Schutzmechanismus etabliert. Ohne sie drohe die Vergütung von der allgemeinen Honorarentwicklung abgekoppelt zu werden.

Existenzängste in den Praxen

Die wirtschaftliche Lage vieler Psychotherapeuten ist bereits angespannt. Nach Angaben des Ärzteverbands MEDI sank die Vergütung zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent. Weitere Kürzungen könnten die Existenz vieler Praxen gefährden, warnt der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP).

Die Einkommensunterschiede im ambulanten Sektor sind deutlich: Psychotherapeutische Praxen erzielen im Schnitt einen Reinertrag von 86.000 Euro. Ärzte kommen auf einen Standardlohn von 124.000 Euro. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, spricht von einem massiven Fehltritt gegenüber der Berufsgruppe.

Fachleute wie Dieter Adler vom Verband Deutsche Psychotherapeuten (DPNW) befürchten einen Ausstieg vieler Therapeuten aus dem GKV-System. Immer mehr könnten auf Privatbehandlungen setzen. Die Versorgungslücke für gesetzlich Versicherte würde weiter wachsen.

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Patienten und Ausbildung unter Druck

Die DGPs warnt vor den Folgen für die evidenzbasierte Versorgung und die Ausbildung künftiger Fachkräfte. Präsidentin Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier und Dr. Matthias Sperl appellieren an die Politik, die wissenschaftliche Psychologie nicht aufs Spiel zu setzen.

Die befürchteten Konsequenzen der Reform sind weitreichend:

  • Therapieplätze könnten sich sowohl in ländlichen als auch in städtischen Regionen verknappen
  • Die ohnehin hohen Wartezeiten für Patienten würden weiter steigen
  • Krankengeldtage könnten aufgrund fehlender frühzeitiger Behandlung zunehmen
  • Klagewellen gegen die neuen Vergütungsstrukturen drohen

Koalition plant Nachbesserungen

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Innerhalb der Regierungskoalition gibt es Bewegung. Am 8. Juli kündigten Vertreter einen Entschließungsantrag für September an. Dieser sieht Ausnahmen für besonders vulnerable Gruppen vor. Die extrabudgetäre Vergütung und die Schutzregelungen für die Kinder- und Jugendpsychotherapie sowie für schwer psychisch Kranke sollen erhalten bleiben.

Die Grünen kritisieren diese Pläne als unzureichend. Sie erwägen, das Gesetz vor dem Bundesverfassungsgericht prüfen zu lassen. Auch SPD-Vertreter wie Dirk Wiese signalisieren Gesprächsbereitschaft für Nachbesserungen. Die Fachverbände fordern unterdessen die vollständige Rücknahme der Kürzungspläne bis zum Jahresende.

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