Angst und Reizdarm: Genstudie mit 693.000 Menschen findet starke Verbindung
Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 07:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Umfangreiche Genomanalysen liefern neue Einblicke in die biologischen Grundlagen von Angstzuständen und deren Wechselwirkungen mit somatischen Beschwerden.
Eine im Fachjournal Nature Human Behaviour publizierte Untersuchung, die als bislang größte genetische Studie zur Schwere von Angstsymptomen gilt, veranschaulicht sowohl die multifaktorielle Natur psychischer Belastungen als auch deren enge biologische Verknüpfung mit körperlichen Krankheitsbildern.
Dutzende neue Genorte und Verbindung zum Reizdarmsyndrom
Für die Untersuchung wertete ein Forschungsteam genetische Datensätze von mehr als 693.000 Personen europäischer Abstammung aus. Dabei identifizierten die Wissenschaftler 74 genomische Loci, die mit Angst assoziiert sind. Von diesen Genorten waren 39 zuvor unbekannt. Insgesamt erklärt das ermittelte Modell rund 6 Prozent der Variation in der Schwere von Angstsymptomen.
Ein zentrales Ergebnis der Arbeit betrifft die Schnittstelle zwischen Psyche und Magen-Darm-Trakt: Die Analyse ergab eine genetische Korrelation von 0,57 zwischen Angst und dem Reizdarmsyndrom. Diese ausgeprägte Übereinstimmung deutet auf gemeinsame erbliche Mechanismen hin, die sowohl die mentale Vulnerabilität als auch chronische funktionelle Beschwerden des Verdauungssystems beeinflussen.
Trotz der Erkenntnisse betonen die Studienautoren wesentliche Einschränkungen. Die analysierten Daten basieren ausschließlich auf Personen europäischer Abstammung, und die Erfassung der Angstsymptome erfolgte über standardisierte Selbstauskünfte. Konkrete neue Behandlungsformen oder unmittelbare Anpassungen der klinischen Praxis leiten die Forschenden aus den Ergebnissen derzeit nicht ab.
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Entzündungsmarker und kardiometabolische Zusammenhänge
Ergänzend zu rein genomischen Assoziationen untersuchen Wissenschaftler zunehmend das Zusammenspiel von Genetik, Immunsystem und Stoffwechsel. Eine am Amsterdam UMC durchgeführte Longitudinalstudie, erschienen in der Fachzeitschrift Brain, Behavior, and Immunity, analysierte Daten von 2.716 Teilnehmern der NESDA-Kohorte über einen Zeitraum von sechs Jahren mit drei Messzeitpunkten.
Nach statistischer Korrektur für multiples Testen zeigten sich keine signifikanten Wechselwirkungen zwischen Entzündungsbiomarkern wie dem C-reaktiven Protein (CRP), Interleukin-6 (IL-6) oder dem Tumornekrosefaktor-alpha (TNF-?) und einer akuten Diagnose von Angststörungen oder Major Depression.
In der Gesamtstichprobe korrelierten erhöhte Werte dieser drei Entzündungsmarker jedoch konsistent mit einem höheren Body-Mass-Index, größerem Taillenumfang, erhöhten Triglyceriden und niedrigerem HDL-Cholesterin. CRP und IL-6 standen zudem mit Blutdruckwerten und Glukose-Parametern in Verbindung.
Ein polygener Risikoscore für CRP erklärte dabei zwischen 0,16 Prozent der Varianz beim systolischen Blutdruck und 0,72 Prozent beim Body-Mass-Index. Alle acht untersuchten kardiometabolischen polygenen Risikoscores wiesen positive Assoziationen mit ihren korrespondierenden Werten auf und erklärten bei LDL-Cholesterin bis zu 12,88 Prozent der Varianz.
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Chronische Prozesse im Fokus der Psychiatrie
Die Verflechtung von Entzündungswegen und psychischen Störungsbildern war auch Gegenstand auf dem CINP-Kongress in Glasgow. Dort verwies Marion Leboyer von der Universität Paris-Est Créteil darauf, dass bei 20 bis 40 Prozent der Patienten mit psychiatrischen Erkrankungen chronische niedriggradige Entzündungen nachweisbar seien, die mehrheitlich auf sterile Prozesse zurückgehen. Bei 30 bis 40 Prozent fänden sich zudem erhöhte Zytokinwerte.
Die jüngsten Forschungsarbeiten verdeutlichen, dass Angstsymptome in komplexe polygene Netzwerke eingebunden sind. Während direkte therapeutische Ableitungen noch ausstehen, liefert die Identifikation gemeinsamer Genorte mit chronischen Erkrankungen wie dem Reizdarmsyndrom wichtige Grundlagen für das Verständnis systemischer Zusammenhänge.
