Antibiotika und Zucker: Bakterielle Vielfalt sinkt bei Blutkrebspatienten um 24 Prozent
Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 09:54 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Untersuchungen zu mikrobiellen Zusammensetzungen und Synbiotika liefern neue Einblicke in Stoffwechselprozesse bei Mensch und Tier. Von Krebstherapien ĂŒber neurologische Ereignisse bis hin zu ErnĂ€hrungseffekten verdeutlichen wissenschaftliche Arbeiten, wie eng die bakterielle Besiedlung des Darms mit physiologischen AblĂ€ufen verknĂŒpft ist.
Mikrobielle Stoffwechselprodukte beeinflussen Immuntherapien
In einer in der Fachzeitschrift Cell veröffentlichten Studie an drei deutschen UniversitĂ€tskliniken in MĂŒnchen, Heidelberg und Regensburg untersuchten Forschende Daten von 129 CAR-T-Patientinnen und -Patienten.
Die Auswertung ergab, dass mikrobielle Stoffwechselprodukte direkt mit dem Therapieerfolg zusammenhÀngen. Ein niedriger Spiegel von ValeriansÀure vor Beginn der Behandlung korrelierte mit einem höheren Progressionsrisiko, wÀhrend ValeriansÀure in humanen und Mausmodellen die CAR-T-Funktion verbesserte.
Dagegen waren Indol-Metaboliten mit ungĂŒnstigen VerlĂ€ufen sowie einer geringeren Wirksamkeit verbunden. IsovaleriansĂ€ure zeigte zwar teils positive Effekte auf CAR-T-Zellen, wies zugleich jedoch eine tumorfördernde Wirkung auf.
Die Forschenden entwickelten einen metabolitgestĂŒtzten Risiko-Score zur Vorhersage des Ansprechens, dessen BestĂ€tigung in weiteren Kohorten noch aussteht. Zudem befindet sich die CARBiome-Studie zum Transfer von Mikrobiota bei Multiplem Myelom in Vorbereitung.
Wechselwirkungen im Gehirn und bei Infektionen
Forschende der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen zeigten im Fachjournal Cell im Jahr 2026 Mechanismen nach einem Schlaganfall auf. Im Mausmodell verschlimmerten indolproduzierende Darmbakterien die HirnschĂ€digung.
Das Stoffwechselprodukt Indol aktiviert AHR in dendritischen Zellen; wurde dieser Rezeptor ausgeschaltet, waren die Tiere besser geschĂŒtzt und die Wanderung schĂŒtzender T-Zellen vom Darm zu den HirnhĂ€uten verstĂ€rkte sich.
Die Nature-Studie an 173 Blutkrebspatienten zeigt: Pro 100 g zusĂ€tzlich aufgenommenem SĂŒĂem sank die bakterielle Vielfalt wĂ€hrend einer Breitbandantibiotika-Therapie um durchschnittlich 24 Prozent â und Enterococcus faecium breitete sich aus. Unser kostenloser Guide zeigt, wie Sie Ihre Darmflora nach einer Antibiotika-Behandlung Schritt fĂŒr Schritt wieder aufbauen. Jetzt kostenlosen Darm-Guide anfordern
Bei Betroffenen ging eine höhere HĂ€ufigkeit des bakteriellen tnaA-Gens mit einem schlechteren funktionellen Ergebnis einher. Diese tnaA-Bakterien traten auch bei Menschen mit Ăbergewicht und Typ-2-Diabetes hĂ€ufiger auf, die Ăbertragbarkeit des Mechanismus auf den Menschen bedarf jedoch weiterer KlĂ€rung.
Am UniversitĂ€tsklinikum Bonn und der UniversitĂ€t Bonn untersuchten Forschende in Cell Metabolism immunologische VorgĂ€nge im Fettgewebe adipöser MĂ€use. Das Enzym ACC1 reguliert demnach den Erhalt und die Funktion von ILC2-Immunzellen. Eine fettreiche ErnĂ€hrung steigerte die FettsĂ€ureaufnahme und unterdrĂŒckte ACC1, was die Funktion der Zellen beeintrĂ€chtigte und GewebeentzĂŒndungen sowie eine DiabetesprĂ€disposition begĂŒnstigte.
An der CharitĂ© widmeten sich Wissenschaftler in Nature Communications dem Bakterium Helicobacter pylori. Der Erreger löst ĂŒber EntzĂŒndungen und Interleukin-1? im Bindegewebe ein Gewebshormon aus, das die Magenschleimhaut in einen Reparaturmodus versetzt, unkontrolliertes Zellwachstum fördert und zu Krebsvorstufen fĂŒhren kann. Marker fĂŒr umprogrammierte Schleimhaut werden derzeit erforscht.
ErnÀhrung, Antibiotika und Stoffwechselmarker
EinflĂŒsse der ErnĂ€hrung auf das Mikrobiom wurden in einer Nature-Studie bei 173 Blutkrebspatientinnen und -patienten anhand von 9.419 Mahlzeiten und ĂŒber 1.000 Stuhlproben analysiert. WĂ€hrend der Gabe von Breitbandantibiotika sank die bakterielle Vielfalt pro 100 g zusĂ€tzlich aufgenommenem SĂŒĂem durchschnittlich um 24 %, wĂ€hrend sich Enterococcus faecium verstĂ€rkt ausbreitete.
Bei MĂ€usen verstĂ€rkte zusĂ€tzlicher Zucker unter Antibiotikatherapie die Enterokokken-Vermehrung. Ob sich diese Ergebnisse auf Menschen mit gewöhnlichen Infektionen ĂŒbertragen lassen, ist offen; eine allgemeine Empfehlung zum Zuckerverzicht existiert noch nicht.
Sie greifen zur Antibiotika-Packung und fragen sich, ob der Zucker in Ihrem Kaffee den Darm zusĂ€tzlich belastet? Die Studienlage ist klar genug, um genauer hinzuschauen: Zucker allein schadet der Vielfalt nicht â aber unter Breitbandantibiotika verstĂ€rkt er die Vermehrung schĂ€dlicher Enterokokken. Unser Guide zeigt Ihnen, welche Zucker-Fallen im Alltag lauern und wie Sie sie umgehen. Zucker-Fallen-Guide jetzt sichern
Weitere Forschungsarbeiten beleuchten biochemische Signaturen: Eine Studie in Cell Reports Medicine an mehr als 1.400 gesunden Erwachsenen zeigte, dass Menschen mit ein bis drei StuhlgĂ€ngen tĂ€glich die gĂŒnstigsten Werte aufwiesen, wĂ€hrend bei Verstopfung Stoffwechselprodukte wie Indoxylsulfat, p-Cresolsulfat und Phenylacetylglutamin im Blut erhöht waren.
Ăhnliche Marker der mikrobiellen Proteinfermentation wiesen die UniversitĂ€t Kopenhagen und die NASA bei 52 Besatzungsmitgliedern der Raumstation ISS nach, deren Werte nach der Ankunft im All stiegen und sich erst auf der Erde normalisierten.
