Apotheken-Krise: 16.541 Standorte im März – niedrigster Stand seit 1977
02.06.2026 - 09:54:18 | boerse-global.de
Immer mehr stationäre Apotheken schließen, während digitale Konkurrenten und neue gesetzliche Regelungen das Geschäftsmodell radikal verändern. Am 12. Juni 2026 befasst sich der Bundesrat mit dem Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) – einem Paket, das die lokale Arzneimittelversorgung stabilisieren soll.
Dramatischer Rückgang: 16.541 Apotheken im März 2026
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Gab es 2015 noch 20.249 Apotheken in Deutschland, waren es 2025 nur noch 16.601 – der niedrigste Stand seit 1977. Ende März 2026 sank die Zahl weiter auf 16.541 Apotheken. Das entspricht einem Rückgang von zwölf Prozent seit 2022.
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Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) bezeichnet diese Entwicklung als dramatisch. Ein zentraler Streitpunkt: das seit 2013 unveränderte Fixum von 8,35 Euro für verschreibungspflichtige Medikamente. Eigentlich war eine Erhöhung auf 9,50 Euro vereinbart – doch die angespannte Finanzlage der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) machte einen Strich durch die Rechnung.
Neue Regeln: Höhere Abgaben, spätere Verhandlungen
Das ApoVWG sieht vor, den Kassenabschlag – den Rabatt, den Apotheken an die Krankenkassen zahlen müssen – von 1,77 auf 2,07 Euro anzuheben. Immerhin: Ab 2028 sollen jährliche Honorarverhandlungen zwischen dem Deutschen Apothekerverband (DAV) und dem GKV-Spitzenverband möglich sein.
Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die eigentliche Herausforderung kommt von ganz anderer Seite.
Angriff aus dem Netz: DocMorris und Redcare auf Rekordkurs
Stationäre Apotheken geraten zunehmend unter Druck durch Online-Riesen wie Redcare Pharmacy (ehemals Shop Apotheke), DocMorris und Apo.com. Sie nutzen EU-Recht, um von den Niederlanden aus Rabatte auf verschreibungspflichtige Medikamente zu gewähren – was in Deutschland selbst nicht erlaubt ist.
Die Erfolge sind beeindruckend: Redcare erzielte 2025 in Deutschland rund 1,6 Milliarden Euro Umsatz – fast doppelt so viel wie im Vorjahr. DocMorris meldete deutsche Erlöse von über einer Milliarde Euro.
Chroniker-Regelung: Ein Turbo fĂĽr den Versandhandel?
Ab dem 1. Juli 2026 greift eine neue Pauschalvergütung für chronisch Kranke. Sie dürfen dann nur noch alle sechs Monate zum Arzt – was Branchenkenner als Einladung zum Versandhandel werten. DocMorris-Chef Hess bestätigte: Chroniker stehen im Fokus der Wachstumsstrategie.
Apotheken als Gesundheits-Tankstellen
Um das Überleben zu sichern, setzen Branchenkenner auf eine radikale Neuausrichtung. Gesundheitsökonom David Matusiewicz schlägt vor, Apotheken zu sogenannten „Gesundheits-Tankstellen" zu machen – mit einem Mix aus analogen und digitalen Angeboten, Prävention und Langlebigkeitsberatung.
Auf der Pharmacon-Tagung in Meran betonte BAK-Präsident Dr. Armin Hoffmann: „Apotheken sind eine Investition in die Gesundheitsversorgung vor Ort, kein Kostenfaktor." Die Reform erlaubt Apothekern künftig mehr Diagnostik, Tests und Impfungen – etwa gegen Tetanus und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME).
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Neue Dienste, neue Risiken
Die erweiterten pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) und die Medikationstherapiesicherheit (AMTS) sollen Apotheken zu zentralen Anlaufstellen der Primärversorgung machen. Doch der Alltag bleibt kompliziert: Erst am 1. Juni 2026 starteten mehrere Rabattverträge für Biologika – obwohl das Gesundheitsministerium zuvor Einschränkungen solcher Ausschreibungen signalisiert hatte. Die Folge: Apotheker fürchten Regressforderungen (Retaxationen) bei Abgabefehlern hochpreisiger Medikamente.
Der Umbruch ist in vollem Gange. Ob die Reform den Niedergang stoppen kann, wird sich zeigen – spätestens am 12. Juni im Bundesrat.
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