Apothekenmarkt: Rossmann greift mit 12-Millionen-App an
Veröffentlicht am: 24.07.2026 um 17:40 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die deutsche Apothekenlandschaft erlebt einen tiefgreifenden Umbruch. Während Großkonzerne mit Millionen-Apps und grenzüberschreitenden Versandapotheken den Markt erobern, kämpfen traditionelle Apotheken ums Überleben. Der Fall Sanicare zeigt: Nicht alle überleben den Wandel.
Rossmann und dm: Der Kampf ums E-Rezept
Rossmann baut seine Position im Apothekenmarkt massiv aus. Der Drogerieriese errichtet eine Versandapotheke im niederländischen Emmen – mit einem klaren Ziel: von dort aus rezeptpflichtige Medikamente nach Deutschland liefern. Die bestehende App mit rund 12 Millionen Nutzern wird zur zentralen Drehscheibe für die E-Rezept-Abwicklung.
Der Konkurrent dm hält dagegen – allerdings mit Einschränkungen. Derzeit verschickt dm nur apothekenpflichtige, aber nicht rezeptpflichtige Produkte aus Tschechien. Rossmanns Vorstoß könnte die Karten im milliardenschweren Online-Apothekenmarkt neu mischen.
Sanicare: Zweite Insolvenz binnen 14 Jahren
Doch nicht alle Akteure profitieren vom Boom. Die Online-Apotheke Sanicare musste Mitte Juli 2026 ein vorläufiges Insolvenzverfahren beantragen. Bei einem Umsatz von 80 Millionen Euro im Jahr 2025 und 74 Beschäftigten erwiesen sich die hohen Investitionen in IT und Logistik als zu große Belastung. Es ist bereits die zweite Insolvenz seit 2012.
Ein Einzelfall? Wohl kaum. Der Markt konsolidiert sich – und die Schere zwischen finanzstarken Playern und spezialisierten Anbietern öffnet sich.
Rekordumsätze im Online-Handel
Trotz der Probleme einzelner Unternehmen wächst der Markt. Laut Daten von DatamedIQ für den deutschen Consumer-Health-Care-Markt (CHC) stiegen die Versandumsätze bis Juni 2026 um 3,7 Prozent. Im März 2026 wurde mit 368,6 Millionen Euro ein Rekordmonat erzielt – bei einem durchschnittlichen Warenkorbwert von 42,89 Euro.
Der Online-Anteil am CHC-Markt liegt mittlerweile bei 26,5 Prozent beim Umsatz und 25,7 Prozent beim Volumen. Jeder vierte Euro fließt also bereits digital.
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Haustiere als neues Geschäftsfeld
Ein überraschender Wachstumstreiber: die Tiermedizin. Der US-Konzern CVS Health hat im Juli 2026 sein Angebot ausgeweitet: In rund 9.000 Filialen gibt es jetzt rezeptpflichtige Medikamente für Hunde und Katzen – von Antibiotika über Insulin bis zu Allergiemitteln. Die Medikamente sind automatisch nachbestellbar und über die App verwaltbar.
Das Modell zeigt: Apotheken wollen den gesamten Gesundheitsbedarf eines Haushalts abdecken – Mensch und Tier aus einer Hand.
Telepharmazie: Klinische Beratung per App
Einen Schritt weiter geht YourPharmacy aus Sheffield. Der Anbieter hat seinen Online-Dienst zur Gewichtsmanagement-Beratung auf ganz Großbritannien ausgeweitet. Das Prinzip: Digitale Plattform trifft ärztliche Betreuung. Patienten erhalten nicht nur Medikamente, sondern auch klinische Begleitung – ein Modell, das als „Tele-Pharmazie" bezeichnet wird.
Der Preiskampf trifft die Vor-Ort-Apotheken
Die Folgen für traditionelle Apotheken sind dramatisch. In Deutschland sank die Zahl der Apotheken bis Ende 2025 auf rund 16.600. Allein in Hessen schlossen 34 Apotheken im Jahr 2025.
Ein Preisvergleich der FAS vom Juni 2026 zeigt: Online-Warenkörbe kosten zwischen 15,86 und 24,53 Euro – stationäre Apotheken verlangen 23,80 bis 37,25 Euro. Doch der günstigere Preis ist nicht alles.
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Gesundheitsökonomen betonen: Vor-Ort-Apotheken übernehmen unverzichtbare Aufgaben – von der akuten Notfallversorgung bis zum Nachtdienst. Diese Leistungen werden über die Handelsspanne finanziert. Der reine Preisvergleich greift also zu kurz.
Bonus-Zahlungen: Der nächste Streitpunkt
Verschärft wird der Wettbewerb durch aggressive Bonus-Modelle. Der niederländische Anbieter DocMorris übernimmt mittlerweile die Zuzahlungen für verschreibungspflichtige Medikamente. Die Apothekerverbände laufen Sturm und fordern strengere Regeln für Rabatte und Boni.
Der Kampf um den Kunden ist eröffnet – und er wird entscheiden, welche Apotheken die Zukunft überleben.
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