Apothekensterben: Versorgung auf Tiefstand seit fast 50 Jahren
02.06.2026 - 18:39:09 | boerse-global.deDie wohnortnahe Arzneimittelversorgung steht vor massiven Herausforderungen: Während die Zahl der Apotheken auf den niedrigsten Stand seit 1977 gefallen ist, steigen die Anforderungen an den Gesundheitsschutz – besonders bei Hitze.
Regionale Unterschiede bei der Erreichbarkeit
Eine aktuelle Studie der Barmer-Krankenkasse vom 2. Juni 2026 zeigt ein differenziertes Bild der Apothekenversorgung. In Rheinland-Pfalz erreichen 94 Prozent der Bevölkerung die nächste Apotheke innerhalb von sechs Kilometern. Sogar 65 Prozent der Einwohner haben eine Apotheke in maximal zwei Kilometern Entfernung.
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Doch die Schere zwischen Stadt und Land klafft weit auseinander. In Mainz finden sich durchschnittlich 48,7 Apotheken im umkreis von sechs Kilometern. Im ländlichen Kreis Cochem-Zell sind es gerade einmal 1,4. Der Landesdurchschnitt liegt bei elf Apotheken pro Einwohner im selben Radius.
Struktureller Niedergang: 3.700 Apotheken weniger in elf Jahren
Der Apothekenmarkt schrumpft dramatisch. Von 20.249 Standorten im Jahr 2015 sind bis März 2026 nur noch 16.541 übrig – der niedrigste Versorgungsgrad seit fast fünf Jahrzehnten.
Die Gründe dafür sind vielfältig:
- Stagnierende Honorare: Das Fixum pro verschriebener Packung liegt seit 2013 bei 8,35 Euro. Eine geplante Erhöhung auf 9,50 Euro lässt weiter auf sich warten.
- Wachsende Online-Konkurrenz: Versandapotheken wie Shop Apotheke (Redcare) erzielten 2025 Erlöse von 1,6 Milliarden Euro, Doc Morris knackte die Milliardengrenze. Sie profitieren von EU-weiten Rabattregelungen und niedrigeren Mehrwertsteuersätzen.
- Steigende Betriebskosten: Personal- und Energieausgaben steigen, während die Vergütung gleich bleibt.
Gesundheitsökonomen raten den stationären Apotheken daher zu einem erweiterten Leistungsangebot: Mehr Impfungen, Diagnostik und Präventionsangebote könnten die Existenz sichern. Einige Betreiber setzen bereits auf medizinische Versorgungszentren, Pflegenetzwerke oder eigene Markenprodukte.
Hitzeschutz: Apotheken als erste Anlaufstelle für Senioren
Mit steigenden Temperaturen rückt der Schutz älterer Menschen in den Fokus. Die Apothekerkammer Sachsen-Anhalt warnte am heutigen Dienstag eindringlich vor den Gefahren extremer Hitze.
Kammerpräsident Jens-Andreas Münch betont: Mit zunehmendem Alter lasse das Durstgefühl nach – das Risiko einer Dehydrierung steige massiv. Apotheken beraten daher verstärkt zur richtigen Medikamenteneinnahme bei Hitze. Denn viele Arzneimittel müssen bei hohen Temperaturen anders dosiert oder kühl gelagert werden, um ihre Wirkung zu behalten.
Weitere Hitzeschutzmaßnahmen laufen bereits an:
- Hitzeschutztag: Am 11. Juni 2026 soll bundesweit für die Gesundheitsrisiken durch Hitze sensibilisiert werden.
- Berliner Kältehilfe im Sommer: Vom 1. Juni bis 31. August bietet die Hauptstadt obdachlosen Menschen Kühlräume, Wasser und medizinische Beratung.
- Pflegeheim-Notprogramm: Gewerkschaften und die Diakonie fordern in Nordrhein-Westfalen ein 125-Millionen-Euro-Sofortprogramm für Klimaanlagen und Hitzeschutz in Pflegeheimen – über fünf Jahre verteilt.
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Neue Regeln und Rabattverträge
Die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern sich. Die Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) hat kürzlich den Bundesrat passiert. Die geplante Erhöhung des Fixums auf 9,50 Euro soll per eigener Verordnung folgen. Allerdings steigt gleichzeitig der Pflichtrabatt, den Apotheken an die Krankenkassen abführen müssen, auf 2,07 Euro. Ab 2028 wird die Vergütung dann jährlich zwischen dem Deutschen Apothekerverband (DAV) und dem GKV-Spitzenverband neu verhandelt.
Kurzfristig stehen die Apotheken vor neuen logistischen Hürden. Seit dem 1. Juni 2026 gelten neue Rabattverträge für zahlreiche Medikamente. Und ab dem 1. Juli startet eine Ausschreibung für 48 Wirkstoffe – darunter der umsatzstarke Blutverdünner Rivaroxaban – mit einer Laufzeit von 24 Monaten. Für die Apotheken bedeutet das: präzise Bestandsführung, sonst drohen Regressforderungen der Kassen.
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