Arbeitsbelastung in der EU: 45 Prozent berichten von Risiken für die Psyche
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 14:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) und ihre nationalen Kontaktstellen haben mit der Europäischen Woche für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (19. bis 24. Oktober 2026) den Fokus auf das psychische Wohlbefinden von Beschäftigten gerichtet.
Begleitet wird dieser Zeitraum vom Start der mehrjährigen Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze 2026–2028: Gemeinsam für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“, die den Umgang mit psychosozialen Risiken in den Mittelpunkt stellt.
Belastungen und Risikofaktoren in europäischen Betrieben
Erhebungen der EU-OSHA verdeutlichen das Ausmaß arbeitsbedingter Belastungen. Nach Angaben der Agentur berichten 45 % der Beschäftigten in der Europäischen Union über Risiken für ihr psychisches Wohlbefinden am Arbeitsplatz.
Ergebnisse der EU-weiten Umfrage OSH Pulse 2025 zeigen zudem konkrete Auswirkungen auf die Gesundheit: 29 % der befragten Erwerbstätigen gaben an, durch ihre Arbeit unter Stress, Depressionen oder Angstzuständen zu leiden, während 37 % über allgemeine Müdigkeit klagten. Mehr als vier von zehn Beschäftigten sahen sich starkem Zeitdruck oder Arbeitsüberlastung ausgesetzt.
Trotz dieser Belastungen variiert der Einsatz von Gegenmaßnahmen in den Betrieben. Nach den Daten der OSH-Pulse-Umfrage erhalten 53 % der EU-Beschäftigten Informationen oder Schulungen zu diesen Themen.
Bei 45 % findet eine Konsultation bezüglich relevanter Stressfaktoren statt. Psychologische Unterstützung steht 40 % der Befragten zur Verfügung, während 35 % angaben, dass in ihren Organisationen organisatorische Maßnahmen zur Verringerung der Belastungen ergriffen wurden.
Rechtliche Vorgaben und Schwerpunkte der neuen Kampagne
Der offizielle Start der Kampagne 2026–2028 fand am 13. Oktober 2026 in Brüssel statt, wo EU-Kommissarin Roxana Mînzatu die psychische Gesundheit als Priorität einstufte. Rechtlich sind Unternehmen bereits durch die europäische Rahmenrichtlinie 89/391/EWG verpflichtet, alle am Arbeitsplatz auftretenden Risiken zu bewerten, was psychosoziale Gefährdungen ausdrücklich einschließt.
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Daten zur betrieblichen Umsetzung lieferte unter anderem die Erhebung ESENER-3 aus dem Jahr 2019, in deren Rahmen mehr als 45.000 Betriebe in 33 europäischen Ländern befragt wurden.
Inhaltlich gliedert die EU-OSHA ihre Kampagne in fünf Prioritätsbereiche:
- Bewertung und Management psychosozialer Risiken
- Belästigung, sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz
- Zusammenhang zwischen physischen Gefährdungen und psychischer Gesundheit
- Psychosoziale Risiken im Gesundheits- und Sozialsektor
- Allgemeine Förderung psychischer Gesundheit bei der Arbeit
Unterstützung erhält die Initiative von Fachverbänden. So begrüßte die Federation of European Ergonomics Societies den Start der Kampagne und rief ihre Mitgliedsgesellschaften zur Beteiligung auf. Der ergonomische Ansatz ziele darauf ab, Gefährdungen zu identifizieren, Risiken zu bewerten, entsprechende Maßnahmen umzusetzen und deren Wirksamkeit fortlaufend zu überprüfen.
Regionale Initiativen und Instrumente zur Gefährdungsbeurteilung
In den Mitgliedstaaten setzen nationale Kontaktstellen und Fachinstitute begleitende Maßnahmen um. Die luxemburgische Aufsichtsbehörde Inspection du Travail et des Mines (ITM) mahnte als nationaler Kontaktpunkt einen kollektiven Präventionsansatz an und verwies auf wesentliche Risikofaktoren wie Stress, Überlastung, mangelnde Kommunikation und Belästigung.
Das Finnische Institut für Arbeitsgesundheit (Työterveyslaitos), das die Kampagne auf nationaler Ebene koordiniert, betonte durch Institutsleiterin Kirsi Ahola die Notwendigkeit, Risiken proaktiv zu erkennen, anstatt erst auf bereits entstandene Probleme zu reagieren.
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Zudem veranstaltete die EU-OSHA am 20. Oktober 2026 ein Webinar zu Erkenntnissen aus den nordischen Ländern bezüglich psychosozialer Arbeitsbedingungen.
Auch im südlichen Europa fanden Auftaktveranstaltungen statt. In Guadalajara eröffnete das Instituto Regional de Seguridad y Salud Laboral die Aktionswoche mit einer Fachtagung zu psychischer Gesundheit, an der rund 40 Personen teilnahmen. Im italienischen Asti stellte Expertin Francesca Grosso von der Unfallversicherungsanstalt INAIL die Inhalte der europäischen Kampagne vor.
Für den weiteren Verlauf sind zusätzliche Fachforen und Hilfsmittel angekündigt. Während in Madrid eine Fachveranstaltung des spanischen Instituts für Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit (INSST) zur Prävention psychosozialer Risiken terminiert ist, plant der belgische EU-OSHA-Kontaktpunkt für den 10. November 2026 ein Kolloquium zum Start der Kampagne.
Über das Portal BeSWIC steht Arbeitgebern zudem ein kostenloses Online-Risikoanalyse-Tool zur Verfügung, um psychosoziale Belastungen im Betrieb systematisch zu erfassen.
