Arbeitszeit, Merz

Arbeitszeit: Merz' 200-Stunden-Behauptung schrumpft bei genauer Betrachtung

Veröffentlicht am: 22.07.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Ein Faktencheck relativiert Kanzler Merz' Behauptung zur Arbeitszeitlücke zwischen Schweiz und Deutschland. Die Produktivität pro Stunde ist entscheidend.

Merz' Arbeitszeit-Aussage: Faktencheck zur 200-Stunden-Differenz
Moderner BĂĽroarbeitsplatz mit Monitoren, die komplexe Wirtschaftsdaten und Diagramme anzeigen. Illustration mit AI erstellt ĂĽbermittelt durch boerse-global.de

Kanzler Friedrich Merz sorgt mit einer Aussage zur Arbeitszeit für Diskussionen. Im Sommerinterview am 20. Juli 2026 behauptete er: Schweizer Arbeitnehmer leisten jährlich rund 200 Stunden mehr als Deutsche. Ein Faktencheck zeigt: Die Zahl stimmt – aber nur für einen bestimmten Personenkreis.

Die 200-Stunden-LĂĽcke schrumpft

Betrachtet man ausschließlich Vollzeitbeschäftigte, arbeiten Schweizer tatsächlich mehr: 42,5 Stunden pro Woche gegenüber 38,4 Stunden in Deutschland. Die Rechnung geht also auf.

Doch das Bild ändert sich radikal, wenn man die gesamte Erwerbsbevölkerung einbezieht – inklusive Teilzeitkräfte und Rentner. Dann liegen die Schweizer bei 35,2 Wochenstunden, die Deutschen bei 34,3. Die jährliche Differenz? Weniger als 50 Stunden.

Ökonomen wie Kohlrausch und Zurlinden erklären den Effekt: Eine hohe Vollzeitnorm führt oft zu einer höheren Teilzeitquote. Und in beiden Ländern arbeiten die Menschen übrigens weniger als der EU-Durchschnitt.

Länger arbeiten heißt nicht mehr schaffen

Die entscheidende Frage ist eine andere: Zählt nur die Anwesenheit – oder was dabei rauskommt?

OECD und Weltbank betonen regelmäßig: Für wirtschaftliche Stärke ist die Produktivität pro Stunde entscheidend, nicht die reine Stundenzahl. Eine ING-Studie deutet sogar darauf hin, dass längere Arbeitszeiten die Stundenproduktivität senken können.

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Branchenexperten sehen ganz andere Bremsen für das deutsche Wachstum: hohe Energiekosten, Investitionsstau, Bürokratie und Digitalisierungsdefizite. Ein Blick nach Griechenland, Rumänien oder Bulgarien zeigt: Dort wird am längsten gearbeitet – trotzdem sind es nicht die wirtschaftlichen Spitzenreiter.

Industrie fordert Reformen

Siemens-Chef Busch und Deutsche-Bank-Chef Sewing präsentierten am 21. Juli 2026 Fortschritte der Initiative „Made for Germany“. Die Investitionszusagen bis 2028? 800 Milliarden Euro. Trotzdem sieht die Industrie massiven Handlungsbedarf.

Die Forderungen: Arbeitszeitregeln flexibilisieren – weg von täglicher, hin zu wöchentlicher Höchstarbeitszeit. Dazu Anreize gegen Teilzeit, niedrigere Unternehmenssteuern und sinkende Sozialabgaben.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zeigt sich skeptisch. Die Investitionszusagen seien statistisch schwer nachvollziehbar. 2025 investierten deutsche Unternehmen rund 53 Milliarden Euro – ein Plus von sechs Prozent zum Vorjahr.

Startup-Boom als Lichtblick

Die Bundesregierung verweist auf positive Signale: Im ersten Halbjahr 2026 entstanden 3.053 Startups – 52 Prozent mehr als im zweiten Halbjahr 2025. Damit ist die Gesamtzahl von 2024 bereits übertroffen.

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Kritiker warnen vor voreiligem Optimismus. Ein durchschnittliches Startup beschäftigt 2025 nur 15,8 Mitarbeiter – mit fallender Tendenz. Und die Datendebatte über unbezahlte Mehrarbeit bleibt: 2024 leisteten deutsche Arbeitnehmer 637,5 Millionen Überstunden.

Die Bundesregierung will die Themen Arbeitszeitflexibilisierung und BĂĽrokratieabbau im Herbst 2026 erneut auf die Agenda setzen.

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