Arzneimittelengpässe: 74.000 Packungen täglich betroffen
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 11:32 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Arzneimittelversorgung in Deutschland und Österreich steht seit Monaten unter Druck. Während Fachverbände auf strukturelle Lieferengpässe bei wichtigen Wirkstoffen hinweisen, passen Gremien gleichzeitig Richtlinien an, um Patienten in Krisensituationen besser zu schützen.
Ein aktuelles Beispiel ist die Überarbeitung der Substitutionsrichtlinie durch die Bundesärztekammer, die künftig nasales Take-home-Naloxon als Harm-Reduction-Maßnahme bei Opioid-Überdosierungen vorsieht.
Neue Substitutionsrichtlinie mit Fokus auf Notfälle
Laut einem Bericht von hausaerztlichepraxis.digital vom 17. September 2026 nimmt die Bundesärztekammer nasales Take-home-Naloxon in die überarbeitete Substitutionsrichtlinie auf. Das Mittel soll künftig verordnungs- und bereitstellbar sein, um im Notfall schnell gegen eine Opioid-Überdosierung eingesetzt werden zu können.
Die überarbeitete Fassung passt zudem Regelungen zur Substitution bei Schwangeren, Gebärenden und Stillenden sowie zum Therapieverlauf und zu Diamorphin an. Sie berücksichtigt die S3-Leitlinie „Opioidbezogene Störungen" aus dem Jahr 2025 und trat Mitte Juli 2026 in Kraft.
Engpässe bei Psychopharmaka in Österreich
Zum Welttag der Patientensicherheit warnte der Verband Pharmig laut ORF vor Engpässen bei Psychopharmaka. Konkret ist Quetiapin in retardierter Form laut dem Register des österreichischen Bundesamts für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) derzeit nicht verfügbar. Als mögliche Lieferzeitpunkte werden Mitte Oktober beziehungsweise März 2027 genannt, Ursache seien Verzögerungen bei der Herstellung.
Der Großhandelsverband Phagro bezifferte die Zahl der täglich von Lieferengpässen betroffenen Medikamentenpackungen mit Stand Ende Mai auf 74.000. Der Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) verwies laut ORF auf eine eigene Studie aus dem Jahr 2022, wonach rund 70 Prozent der für Europa bestimmten Wirkstoffe in Asien produziert werden.
Laut BASG gingen im Jahr 2024 insgesamt 1.177 Meldungen zu nicht oder ungenügend verfügbaren Arzneispezialitäten in Österreich ein, wobei Arzneimittel für das Nervensystem den größten Anteil ausmachten.
Krisenszenarien für Deutschland
Auch in Deutschland zeichnet ein Papier des Verbands Pro Generika laut einem Bericht der FAZ ein kritisches Bild: Die deutsche Arzneimittelversorgung sei unzureichend auf Krisen vorbereitet, ein großer Teil der benötigten Arzneimittel werde in Asien beziehungsweise China produziert.
Das Papier beschreibt fünf Szenarien – Lieferengpässe, Cyberangriffe, hybride Angriffe, wirtschaftlichen Druck und den Verteidigungsfall. Als Größenordnung nennt Pro Generika unter Verweis auf eine eigene Studie aus dem Jahr 2020 einen europäischen Jahresbedarf an Amoxicillin von rund 3.670 Tonnen, wovon etwa 30 Prozent in Europa produziert würden.
Um den europäischen Produktionsanteil auf 60 Prozent zu steigern, wären demnach zusätzlich 1.101 Tonnen beziehungsweise rund 66 Millionen Euro nötig, für 90 Prozent zusätzlich 2.202 Tonnen beziehungsweise rund 132 Millionen Euro.
Wirtschaftlicher Druck auf den Großhandel
Zur Eröffnung der Expopharm sprach Phagro-Vorstandsvorsitzender Marcus Freitag laut einem Bericht vom 15. September 2026 davon, dass rund 65 Prozent der ausgelieferten Packungen defizitär seien.
Während Quetiapin retardiert laut BASG-Register derzeit nicht verfügbar ist und als Lieferzeitpunkte Mitte Oktober beziehungsweise März 2027 genannt werden, meldet der Großhandelsverband Phagro 74.000 täglich von Engpässen betroffene Packungen. Wer seine Offizin jetzt aufstellt, verliert weniger Rezepte an die Konkurrenz. Praxis-Report Lieferengpass-Management jetzt anfordern
Der Pharmagroßhandel stehe unter erheblichem wirtschaftlichem Druck; die jüngste Honorarerhöhung für Apotheken sei zwar überfällig gewesen, reiche aber nicht aus. Der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands, Hubmann, erklärte bei derselben Veranstaltung, die Apothekenreform sei in dieser Legislatur weitgehend abgeschlossen.
Regulatorische Reaktionen auf Rezeptur-Urteil
Das Bundesgesundheitsministerium prüft laut einem Bericht der Pharmazeutischen Zeitung vom 16. September 2026 die Folgen eines Urteils des Bundesverwaltungsgerichts zu Rezepturen. Ein Erlass des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers Karl-Josef Laumann (CDU) ordnet an, die Arzneimittelüberwachung im Einzelfall unter Berücksichtigung der Versorgungssituation zu handhaben.
Das Ministerium bezeichnete die NRW-Hinweise als grundsätzlich plausibel, eine bundesweite Regelung sei jedoch nicht möglich; die Herstellung auf Individualrezept bleibe weiterhin möglich.
Auf dem Deutschen Apothekertag sprachen sich die Delegierten laut demselben Bericht mehrheitlich für ein vollständiges Versandverbot verschreibungspflichtiger Medikamente aus, basierend auf einem Leitantrag des Apothekerverbands Nordrhein und der Landesapothekerkammer Hessen.
Zusätzlich forderten sie eine Stärkung der Paritätischen Stelle zur Ahndung von Rechtsbrüchen der Versender, wobei Kritiker auf ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags verwiesen.
Reform der EU-Arzneimittelgesetzgebung
Auf europäischer Ebene erzielten Parlament, Rat und Kommission laut einem Bericht von gesund.at vom 16. September 2026 eine vorläufige Einigung zur Reform der zwanzig Jahre alten EU-Arzneimittelgesetzgebung.
Die Datenschutzfrist für neue Arzneimittel bleibt demnach bei acht Jahren, der Marktschutz sinkt von zwei auf ein Jahr, wobei für innovative Medikamente eine Verlängerung um ein Jahr möglich ist. Entwickler neuer Antibiotika sollen einen Gutschein erhalten, mit dem sie die Exklusivvermarktung eines anderen Medikaments um ein Jahr verlängern können.
Vorgesehen sind zudem verpflichtende digitale Beipackzettel und ein beschleunigtes Prüfverfahren bei der Europäischen Arzneimittelagentur. Rat und Parlament müssen der Einigung noch formal zustimmen.
Preisregelungen für spezielle Rezepturen
Eine Schiedsstelle erzielte einen Kompromiss zu Arbeitspreisen für parenterale Rezepturen, wie die Pharmazeutische Zeitung berichtete. Bislang lag der Preis bei 100 Euro netto pro Spezialrezeptur, festgelegt im Jahr 2022. Nun kommen neue Abschläge für Wirkstoffe wie Eribulin, nab-Paclitaxel, Natriumfolinat, Bevacizumab, Rituximab und Trastuzumab hinzu.
Rund 65 Prozent der ausgelieferten Großhandelspackungen sind defizitär, und ein großer Teil der Wirkstoffe wird in Asien produziert — die Abhängigkeit ist strukturell, nicht saisonal. Dieser Leitfaden zeigt die fünf Krisenszenarien und was Apotheken und Praxen daraus konkret vorbereiten müssen. Krisenvorsorge-Leitfaden jetzt sichern
Anhang 4 der entsprechenden Vereinbarung wird zum 1. Januar 2027 gestrichen, ab diesem Datum gilt eine neue Preisbildungssystematik für austauschbare Biologika. Die technischen Änderungen sollen bereits zum 1. Oktober 2026 im Artikelstamm umgesetzt werden.
Insgesamt zeigt sich ein Versorgungssystem, das gleichzeitig an mehreren Fronten reagiert: auf akute Lieferengpässe bei einzelnen Wirkstoffen, auf strukturelle Abhängigkeiten von asiatischen Produzenten und auf die Notwendigkeit, Notfallbehandlungen wie bei Opioid-Überdosierungen rechtlich und praktisch abzusichern.
