Arzneimittelwirkungen: Bis zu 10 Prozent der Klinikaufenthalte hängen damit zusammen
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 03:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deMit Beginn der kälteren Jahreszeit greifen viele Menschen vermehrt zu freiverkäuflichen Erkältungsmedikamenten. Mediziner und Fachgesellschaften weisen darauf hin, dass eine sorgfältige Beratung notwendig ist, und warnen vor den Gefahren unbedachter Arzneimittelkombinationen. Insbesondere für Personen mit chronischen Erkrankungen oder ältere Menschen bergen wechselseitige Wirkungen und eigenmächtige Dosierungen erhebliche gesundheitliche Risiken.
Gefahren durch Kombipräparate und Mehrfachdosierungen
In der hausärztlichen Versorgung führt der Temperaturabfall regelmäßig zu einer höheren Nachfrage nach Beratungen und Präparaten. So meldeten etwa kommunale Gesundheitszentren im chinesischen Lanzhou laut Berichten einen Anstieg bei Folgebesuchen und Arzneimittelausgaben, wenngleich die Vorräte stabil seien und kein Grund zu Hamsterkäufen bestehe.
Dortige Medizinerinnen wie Zhang Jianhua mahnen jedoch zur Vorsicht bei Erkältungskombinationen: Werde beispielsweise Lianhua Qingwen mit Präparaten wie Compound Paracetamol-Amantadin kombiniert, drohe durch überlappende Inhaltsstoffe eine Überdosierung fiebersenkender Komponenten, was Leber und Nieren schädigen könne.
Auch Verbraucherschützer und Arzneimittelexperten in Europa sehen Mehrfachpräparate kritisch. Die Stiftung Warentest rät grundsätzlich zu gezielten Einzelmitteln statt Kombipräparaten.
Der Mediziner Dietmar Fischer wies darauf hin, dass das Kombinationsmittel Wick Medinait den Blutdruck erhöhen könne und für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ungeeignet sei; eine zusätzliche Gabe von Paracetamol berge Vergiftungsgefahren, da die Abbaukapazität der Leber begrenzt sei.
Dagegen sei Grippostad C wirksam und relativ gut verträglich – auch bei Asthma oder Bluthochdruck –, wenngleich die darin enthaltene Vitamin-C-Dosis zu niedrig für einen spürbaren Effekt bleibe.
Für Schmerzmittel gelten klare Obergrenzen: Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) liegt die Höchstdosis für Ibuprofen bei Erwachsenen und Jugendlichen ab 15 Jahren bei maximal 2400 Milligramm pro Tag mit maximal 800 Milligramm als Einzeldosis.
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Bei Paracetamol beträgt das Limit in dieser Altersgruppe höchstens 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Einzeldosis sowie maximal 60 Milligramm pro Kilogramm und Tag. Eine Selbstbehandlung sollte drei Tage nicht überschreiten.
Besondere Vorsicht bei chronischen Erkrankungen
Vor unüberlegten Anpassungen warnen Fachleute insbesondere bei Vorerkrankungen. Die Ärztin Zhao Hui betont, dass chronisch Kranke ihre Medikation keinesfalls eigenmächtig ändern dürfen. Halte ein erhöhter Blutdruck drei bis fünf Tage an oder träten Symptome wie Schwindel, Brustenge oder Sehstörungen auf, sei eine Praxis aufzusuchen.
Ältere Menschen reagieren aufgrund altersbedingter Veränderungen des Immunsystems oft atypisch auf Infektionen; statt hohem Fieber zeigen sich vermehrt Müdigkeit, Verwirrtheit oder Appetitlosigkeit. Bei Erkältungsmitteln ist zudem auf Wechselwirkungen mit Blutdrucksenkern, Antidepressiva und Blutverdünnern zu achten.
Wie folgenschwer Fehlmedikationen sein können, zeigt eine Erhebung des katalanischen Gesundheitsministeriums: Demnach stehen 5 Prozent bis 10 Prozent der Krankenhausaufenthalte mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen in Zusammenhang, wovon fast die Hälfte als vermeidbar gilt.
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Katalonien reagierte mit einer Kampagne gegen Verschreibungskaskaden, bei denen Nebenwirkungen fälschlicherweise als neue Krankheiten diagnostiziert werden – etwa wenn nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen oder Diclofenac den Blutdruck steigern und zu einer vermeintlichen Hypertonie führen.
Im Rahmen dieser Problematik dokumentierte die Pharmazeutin Marta Tello einen Fall, bei dem ein Patient 18 verschiedene Medikamente einnahm, darunter Venlafaxin und Hydrocortison.
Richtiger Umgang und Lagerung
Zur Vermeidung von Komplikationen raten Fachleute zu bewusster Vorsorge. Der Internist Dr. Keihan Ahmadi-Simab erklärt, dass Halsschmerzen und Schnupfen meist nach drei bis fünf Tagen abklingen, während Husten zwei bis drei Wochen anhalten könne. Bei Fieber über 38,5 Grad oder längerem Husten sei ärztlicher Rat erforderlich, um bakterielle Superinfektionen wie Bronchitis oder Herzmuskelentzündungen auszuschließen.
Zudem spielt die richtige Aufbewahrung eine Rolle. Apothekerin Rachel Jones warnt davor, Medikamente im Badezimmer aufzubewahren, da Feuchtigkeit, Dampf und Heizungswärme die Stabilität mindern können; Paracetamol, Ibuprofen oder verschreibungspflichtige Arzneien gehören trocken und kühl in die Originalverpackung.
Begleitend empfiehlt die Apothekerkammer Nordrhein die Überprüfung des Impfstatus, insbesondere gegen Tetanus, Diphtherie und Keuchhusten. Für den Zeitraum vom 2. bis 8. November 2026 kündigte die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker zudem ihre Beteiligung an der internationalen Kampagne zur Meldung von Nebenwirkungen an, um die Sensibilität bei Fachkräften und Patienten weiter zu schärfen.
