Atemwegsinfekte: Bei 19 Prozent halten Beschwerden mindestens zwölf Wochen an
Veröffentlicht am: 04.10.2026 um 10:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die gesundheitlichen Langzeitfolgen nach Atemwegserkrankungen rĂŒcken verstĂ€rkt in den Fokus der medizinischen Forschung. Eine im Rahmen der DigiHero-Studie durchgefĂŒhrte Befragung der UniversitĂ€tsmedizin Halle liefert detaillierte Daten zur PrĂ€valenz und zum Verlauf persistierender Beschwerden nach Infektionen.
Die Erhebung, die im September 2025 unter rund 47.000 Teilnehmenden stattfand, verdeutlicht das Ausmaà chronischer BeeintrÀchtigungen infolge akuter Infektgeschehen.
Hohe PrÀvalenz langanhaltender Beschwerden
Den Ergebnissen der UniversitĂ€tsmedizin Halle zufolge gaben 48 % der Befragten an, in den vorangegangenen zwölf Monaten mindestens einen Atemwegsinfekt erlitten zu haben. Bei 19 % dieser Gruppe â entsprechend rund 4.300 Personen â hielten die Beschwerden ĂŒber einen Zeitraum von zwölf Wochen oder lĂ€nger an. Das Risiko fĂŒr ein postakutes Infektionssyndrom (PAIS) wurde nach dieser Einordnung auf insgesamt 16 % beziffert.
Dabei zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Altersgruppen: WÀhrend das Risiko bei den 20- bis 29-JÀhrigen bei 13 % lag, stieg es in der Gruppe der 60- bis 69-JÀhrigen auf 21 % an. Als hÀufigste Symptome nannten die Betroffenen eine verringerte Belastbarkeit, ErschöpfungszustÀnde und Atemnot.
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Fast 90 % der Personen mit Langzeitfolgen fĂŒhlten sich in ihrem Alltag mĂ€Ăig bis sehr stark beeintrĂ€chtigt. Die Daten zur Genesung unterstreichen die Persistenz der Symptomatik: Innerhalb eines Jahres waren lediglich rund 17 % der Betroffenen vollstĂ€ndig genesen.
Medizinische Hilfe suchten 58 % der Befragten auf, wovon 82 % eine Behandlung erhielten. Die Studienautoren verwiesen jedoch einschrĂ€nkend darauf, dass die Ergebnisse auf rĂŒckblickenden Selbstangaben basieren.
Neurologische und vaskulÀre Befunde
ErgĂ€nzende Erkenntnisse zu den physiologischen Mechanismen von Post-COVID-Erkrankungen liefern spezialisierte Untersuchungen. Das Zentralinstitut fĂŒr Seelische Gesundheit in Mannheim untersuchte in der NEULOCO-Studie mittels Phosphor-Magnetresonanzspektroskopie (31P-MRS) den Energiestoffwechsel im Gehirn.
Bei 27 Post-COVID-Patienten wurde im Vergleich zu 23 genesenen Kontrollpersonen ein reduziertes ATP/PCr-VerhĂ€ltnis im Bereich des cingulĂ€ren Cortex festgestellt. Niedrigere Werte korrelierten dabei mit schlechteren Ergebnissen in kognitiven Tests. Etwa die HĂ€lfte der untersuchten Post-COVID-Gruppe erfĂŒllte zudem die Kriterien fĂŒr das Chronische Fatigue-Syndrom (ME/CFS).
Parallel dazu deutet eine Studie der University of Brasilia auf langfristige GefĂ€ĂschĂ€digungen hin. Patienten, deren Infektion bereits drei Jahre zurĂŒcklag, zeigten eine Endothel-Dysfunktion bei normaler Herzleistung. Die flussvermittelte Dilatation (FMD) war in der Long-COVID-Gruppe signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe, wĂ€hrend Parameter wie die Ejektionsfraktion unverĂ€ndert blieben.
Risikofaktoren und diagnostische Einordnung
Die Identifikation von Risikofaktoren fĂŒr schwere VerlĂ€ufe bleibt ein zentrales Forschungsfeld. Die CAPNETZ-Studie wies nach, dass eine niedrige Eosinophilenzahl (?10 Eosinophile/”l Blut) bei ambulant erworbener Pneumonie mit einem erhöhten Risiko fĂŒr Komplikationen verbunden ist. Betroffene benötigen laut der Untersuchung hĂ€ufiger intensivmedizinische Behandlung (14,2 % gegenĂŒber 8,5 %) und weisen einen höheren Beatmungsbedarf auf.
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Zudem betonen Forscher der UniversitĂ€t ZĂŒrich die Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV). Eine Infektion könne Darm und Lunge anfĂ€lliger fĂŒr EntzĂŒndungen machen, da sich befallene B-Lymphozyten in den SchleimhĂ€uten ansammeln. Dies könne insbesondere nach einer Erkrankung im Jugendalter zu einer erhöhten AnfĂ€lligkeit fĂŒr weitere ErkĂ€ltungskrankheiten fĂŒhren.
Aktuelle Infektionslage und klinische Empfehlungen
Das Robert Koch-Institut (RKI) registrierte fĂŒr die Kalenderwoche 39 im September 2026 eine Inzidenz von rund 8.000 akuten Atemwegserkrankungen pro 100.000 Einwohner.
Hochgerechnet entspricht dies etwa 6,6 Millionen Neuerkrankungen in Deutschland innerhalb einer Woche. In den untersuchten Proben dominierten Rhinoviren mit einem Anteil von 38 %, wÀhrend die AktivitÀt von Influenza und SARS-CoV-2 auf einem niedrigen Niveau verblieb.
FĂŒr die klinische Praxis raten Experten, bei einer ĂŒber einen Monat anhaltenden Mattheit nach einem Infekt eine Ă€rztliche Untersuchung einzuleiten. Warnsignale wie Luftnot, Herzstolpern oder Brustschmerzen erfordern eine sofortige AbklĂ€rung, um Komplikationen wie Myokarditis auszuschlieĂen.
Sportliche AktivitÀten sollten erst nach mindestens sieben Tagen vollstÀndiger Symptomfreiheit wieder aufgenommen werden. Bei anhaltendem nÀchtlichem Husten ohne ErkÀltungssymptome sollten zudem Differenzialdiagnosen wie Asthma bronchiale oder Refluxkrankheiten in Betracht gezogen werden.
