Atorvastatin ab 70: STAREE-Studie senkt schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse um 30 Prozent
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 18:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die medikamentöse Primärprävention kardiovaskulärer Erkrankungen bei älteren Menschen stand lange vor einer lückenhaften Datenbasis, da Statine in der Praxis häufig nur bis zu einem Alter von 75 Jahren verordnet wurden.
Neue Erkenntnisse der großangelegten STAREE-Studie der Monash University in Melbourne liefern nun differenzierte Belege: Bei Erwachsenen ab 70 Jahren ohne vorherige kardiovaskuläre Erkrankung, Diabetes oder Demenz reduzierte eine tägliche Dosis von 40 mg Atorvastatin das Auftreten schwerer kardiovaskulärer Ereignisse im Vergleich zu einem Placebo um 30 Prozent.
Die mediane Nachbeobachtungszeit der im New England Journal of Medicine veröffentlichten und auf dem Kongress der European Society of Cardiology vorgestellten Untersuchung lag bei 5,9 Jahren.
Ergebnisse der klinischen Untersuchung ab 70 Jahren
An der randomisierten, kontrollierten Studie nahmen 9.971 Personen ab 70 Jahren teil, die im Verhältnis 1:1 entweder Atorvastatin oder ein Placebo erhielten.
Das Durchschnittsalter der Kohorte betrug 74,7 Jahre bei einem Frauenanteil von 52 Prozent; über 40 Prozent der Teilnehmenden waren 75 Jahre oder älter. Die Auswertung zeigte eine klare Schutzwirkung der lipidsenkenden Therapie vor Herzinfarkten, Schlaganfällen sowie Revaskularisationseingriffen.
Allerdings verzeichnete die STAREE-Studie keinen signifikanten Einfluss auf das behinderungsfreie Überleben, definiert als Leben ohne körperliche Beeinträchtigung oder Demenz. Ebenso blieben signifikante Unterschiede bei der Gesamtmortalität und Demenzraten aus.
Hinsichtlich der Verträglichkeit traten leichte Muskel-, Leber- und diabetesbezogene Nebenwirkungen in der Atorvastatin-Gruppe häufiger auf. Die Rate schwerer unerwünschter Ereignisse lag jedoch in der Behandlungsgruppe und der Placebogruppe gleichermaßen bei 2,7 Prozent.
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Professor Sophia Zoungas von der Monash University School of Public Health and Preventive Medicine hob hervor, dass jährlich geschätzt 21.000 ältere Australier schwere kardiovaskuläre Ereignisse erleiden. Eine wirksame Risikosenkung stelle für Betroffene und deren Familien eine erhebliche Entlastung dar.
Forschungslandschaft und Verträglichkeit im Fokus
Die Debatte um den Nutzen von Statinen im hohen Alter wird durch weitere Studien flankiert. Die im Fachjournal Lancet Healthy Longevity publizierte SAGA/SITE-Studie untersuchte an 297 Hausarztpraxen Personen ab 75 Jahren, die seit mindestens einem Jahr ein Statin zur Primärprävention einnahmen.
Nach 36 Monaten erwies sich ein Absetzen des Medikaments bezüglich der Gesamtmortalität als nicht unterlegen; zudem zeigten sich keine Unterschiede bei Lebensqualität oder Symptomen. Weitere Einblicke werden von den laufenden Projekten PREVENTABLE und STREAM erwartet, welche spezifische Endpunkte wie Demenz oder Multimorbidität analysieren.
Große Metaanalysen der Cholesterol Treatment Trialists’ (CTT) Collaboration ordnen zudem das allgemeine Nebenwirkungsprofil ein. Von 66 erfassten Beschwerden blieben nach statistischer Adjustierung lediglich vier Befunde signifikant mit Statinen assoziiert, darunter Transaminasen-Erhöhungen (0,30 Prozent pro Jahr unter Statin gegenüber 0,22 Prozent unter Placebo) sowie Ödeme.
Bei Muskelbeschwerden ermittelte die CTT-Collaboration im ersten Behandlungsjahr ein relatives Risiko von 1,07, danach keinen Unterschied mehr; lediglich rund eine von 15 Muskelbeschwerden im ersten Jahr war rechnerisch dem Wirkstoff zuzuschreiben. N-of-1-Untersuchungen wie die SAMSON- und die StatinWISE-Studie verdeutlichen zudem, dass viele berichtete Symptome auch unter Placebogaben auftreten.
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Versorgungsrealität und Screening-Defizite
Gleichzeitig klafft eine Lücke zwischen präventivem Potenzial und praktischer Umsetzung. Im Vereinigten Königreich nehmen schätzungsweise sieben bis acht Millionen Erwachsene Lipidsenker ein; Verordnungen von Statinen oder Ezetimib über Hausärzte erreichten in England im Finanzjahr 2023/24 rund 5,3 Millionen Personen.
In den USA qualifizieren sich nach einer Analyse im Fachjournal JAMA unter den Leitlinien des American College of Cardiology und der American Heart Association von 2026 zusätzliche 21,5 Millionen Menschen für eine Statintherapie, darunter über 93 Prozent der 70- bis 79-Jährigen.
Dr. Vadali betonte in diesem Zusammenhang, dass eine formale Qualifikation nicht automatisch die richtige Wahl bedeute, weshalb Koronar-Kalzium-Scans im Graubereich herangezogen werden sollten und Lebensstiländerungen die Grundlage bildeten.
In Deutschland, wo Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Jahr 2024 laut Statistischem Bundesamt mit rund 339.200 Todesfällen die häufigste Todesursache darstellten, bestehen erhebliche Kenntnislücken. Eine Bilendi-Umfrage im Auftrag von Amgen ergab im August 2026, dass 77 Prozent der Bundesbürger ihren LDL-Cholesterinwert nicht kennen.
Obwohl 86 Prozent um das kardiovaskuläre Risiko erhöhter Werte wissen, zählten lediglich 21 Prozent Cholesterin zu den drei wichtigsten Risikofaktoren. Zudem gaben 52 Prozent der Befragten an, dass ihr individuelles Infarktrisiko in den vergangenen zwei Jahren im Arztgespräch nicht thematisiert worden sei.
