Ausbildung 2026: Über die Hälfte der Azubis psychisch belastet
Veröffentlicht am: 23.08.2026 um 09:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der im August 2026 veröffentlichte Ausbildungsreport des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeichnet ein besorgniserregendes Bild der aktuellen Situation in der dualen Berufsausbildung.
Die allgemeine Zufriedenheit der Auszubildenden ist auf 65,7 % gesunken, was einem Rückgang von 5,9 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr entspricht und den niedrigsten Wert seit Beginn der Erhebung darstellt. Besonders deutlich zeigt sich die Krise bei der psychischen Gesundheit: Über die Hälfte der Befragten (50,6 %) gibt an, sich psychisch belastet zu fühlen.
Systemische Stressfaktoren und Betreuungsdefizite
Die im Mai 2026 abgeschlossene Befragung von 13.227 Auszubildenden aus 25 Berufen identifiziert klare Ursachen für die psychische Belastung. An erster Stelle steht der Leistungsdruck mit 20,9 %, gefolgt von akutem Personalmangel in den Betrieben (19,6 %) und einem hohen Verantwortungsdruck (19,2 %).
Diese Faktoren werden durch strukturelle Mängel in der Ausbildungsqualität verschärft. So leisten 35,4 % der Azubis regelmäßig Überstunden – ein Anstieg um 3,1 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr. Zudem berichten 16,3 %, dass sie regelmäßig Tätigkeiten verrichten müssen, die nicht ihrem eigentlichen Ausbildungsziel entsprechen.
Ein entscheidender Faktor für das Wohlbefinden ist die Qualität der Betreuung. Der Report verdeutlicht, dass die Verfügbarkeit von Ausbildern direkt mit der psychischen Verfassung korreliert: Bei einer kontinuierlichen Betreuung fühlen sich nur 8,5 % der Nachwuchskräfte stark belastet.
Fehlt hingegen ein Ansprechpartner, steigt dieser Wert auf 36 %. Besonders kritisch ist, dass 41,7 % der bereits belasteten Azubis über keinen Ansprechpartner verfügen und 40 % der Betroffenen nicht wissen, an wen sie sich mit ihren Problemen wenden können.
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Branchenspezifische Unterschiede und finanzielle Hürden
Die Analyse offenbart erhebliche Qualitätsunterschiede zwischen den Branchen. Während einige Berufe stabilere Bedingungen bieten, bilden das Hotel- und Gastgewerbe sowie der Einzelhandel das Schlusslicht. Hotelfachleute belegen im Gesamtranking Platz 23 von 25 und verzeichnen bei der fachlichen Qualität die schlechtesten Werte.
Ihre Zufriedenheit liegt bei lediglich 54 %, während Köche mit 58 % auf Rang 21 folgen. Im Einzelhandel äußerten sich 57,1 % der Kaufleute zufrieden (Platz 19). In diesem Sektor berichten 40,3 % von Problemen, nach der Arbeit abzuschalten, und fast jeder zehnte Auszubildende arbeitet mehr als fünf Tage pro Woche.
Zusätzlich zur beruflichen Belastung rücken finanzielle Sorgen in den Fokus. Rund 49,9 % der Befragten klagen über finanzielle Belastungen, und 35 % empfinden ihre Wohnsituation als belastend.
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Laut den Daten können 65,3 % der Auszubildenden nicht gut von ihrer aktuellen Vergütung leben. Vor diesem Hintergrund fordert der DGB eine deutliche Anpassung und plädiert für eine Ausbildungsvergütung, die mindestens 80 % des jeweiligen tariflichen Durchschnitts beträgt.
Strukturelle Rahmenbedingungen und Marktlage
Ein positiver Einflussfaktor auf die Zufriedenheit ist die betriebliche Mitbestimmung. Azubis in Betrieben mit einer Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) weisen mit 75,7 % eine deutlich höhere Zufriedenheit auf als der Durchschnitt. Bisher verfügt jedoch nur rund ein Drittel der Auszubildenden über eine solche Interessenvertretung.
Die Ergebnisse fallen in eine Zeit angespannter Marktdaten. Im Juli 2026 standen 418.000 Bewerbern insgesamt 437.000 Stellen gegenüber. Trotz eines rechnerischen Überhangs blieben 162.000 Stellen unbesetzt, während 147.000 Bewerber unversorgt blieben.
Dass 29 % der Betriebe laut DIHK-Angaben ihr Angebot an Ausbildungsplätzen reduziert haben, verschärft den Wettbewerb um qualifizierten Nachwuchs zusätzlich.
Nachdem im Jahr 2025 noch 461.900 Menschen eine duale Ausbildung begannen, unterstreicht der aktuelle Report die Notwendigkeit, die Arbeitsbedingungen und die psychische Unterstützung in den Betrieben massiv zu verbessern, um die Attraktivität des Systems langfristig zu sichern.
