Bakteriophagen: Erste internationale Leitlinie ordnet den Einsatz klinisch ein
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 14:33 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Wenn herkömmliche Antibiotika ihre Wirkung verlieren, stehen Mediziner vor schwerwiegenden therapeutischen Hürden. Medizinische Berichte diskutieren vermehrt den Einsatz von Bakteriophagen als lebensrettende Maßnahme in Fällen, in denen konventionelle Behandlungen bei bakteriellen Infektionen nicht mehr anschlagen.
Angesichts schätzungsweise über 50.000 Infektionen mit multiresistenten Erregern jährlich in Deutschland gewinnt dieser Ansatz an Relevanz. Laut Erhebungen des Global Burden of Disease standen bereits im Jahr 2021 weltweit bis zu 7,1 Millionen Todesfälle mit Antibiotikaresistenzen in Verbindung.
Erste internationale Leitlinie setzt Standards für die Praxis
In Deutschland war der Einsatz von Bakteriophagen bisher im Wesentlichen auf eng begrenzte Ausnahmefälle beschränkt. Um die klinische Anwendung zu strukturieren, veröffentlichte eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) am 21. September 2026 in der Fachzeitschrift Nature Medicine die erste international abgestimmte Leitlinie zur klinischen personalisierten Phagentherapie.
Das Dokument entstand über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren unter Beteiligung von 20 Fachgesellschaften, 18 internationalen Fachleuten sowie zwei Patientenvertretungen.
Die Leitlinie umfasst mehr als 60 Empfehlungen, die unter anderem die Auswahl und Testung von Phagen, deren Herstellung, Qualitätskontrollen sowie Anwendung, Monitoring und Dokumentation betreffen. Sie gilt für den Zeitraum vom 5. Januar 2026 bis zum 29. Juni 2030 und sieht eine jährliche Überprüfung auf Aktualisierungsbedarf vor.
Konkrete Dosierungsempfehlungen für einzelne Krankheitsbilder enthält das Dokument nicht. Stattdessen empfiehlt die Arbeitsgruppe eine systematische Registerdokumentation und betont, dass die Phagentherapie mangels ausreichender Belege aus kontrollierten Studien eine individuell zu prüfende Option bleibt und keine Standardbehandlung darstellt.
Fallbeobachtungen und Erfahrungen spezialisierter Zentren
Hinweise auf das klinische Potenzial liefern bisher vor allem Beobachtungsdaten und Einzelfallbehandlungen. Eine belgische Fallserie mit 100 Behandelten zeigte eine klinische Verbesserung bei 77 Prozent, während die Zielbakterien bei 61 Prozent der Betroffenen nicht mehr nachweisbar waren.
Die erste international abgestimmte Leitlinie zur personalisierten Phagentherapie liegt vor — mit über 60 Empfehlungen zu Phagenwahl, Herstellung, Monitoring und Dokumentation. Unser kostenloser Praxis-Leitfaden zeigt Ihnen Schritt für Schritt, wie Sie diese Vorgaben in Ihren Klinikalltag übersetzen. Kostenlosen Praxis-Leitfaden jetzt anfordern
Ein Frankfurter Zentrum behandelte seit Februar 2026 zehn Patientinnen und Patienten, unter anderem bei Infektionen mit Staphylococcus aureus und Pseudomonas aeruginosa, und verzeichnet täglich 14 entsprechende Anfragen von Patientenseite.
Auch in Österreich kam die Methode zum Einsatz: Am AKH Wien und der MedUni Wien erfolgte in Kooperation mit dem Queen Astrid Military Hospital in Brüssel die erste Phagentherapie außerhalb einer klinischen Studie im Land.
Ein lungentransplantierter Patient mit chronischer Besiedlung durch Pseudomonas aeruginosa und ohne verbleibende konservative Antibiotikaoptionen inhalierte 28 Tage lang mehrmals täglich gezielt ausgewählte Phagen, woraufhin sich die Beschwerden deutlich besserten. Dabei wurden die Phagenkonzentration in der Lunge und das Blutbild engmaschig überwacht. Die Institutionen beabsichtigen, das Verfahren künftig in ausgewählten Fällen anzubieten.
Ein weiterer im International Journal of Infectious Diseases beschriebener Fallbericht von I2SYSBIO/CSIC, der Universität Valencia und dem Hospital General de la Defensa Zaragoza dokumentiert die Behandlung eines 52-jährigen Patienten. Dieser litt nach Kriegsverletzungen aus dem Jahr 2022 an einer multiresistenten Klebsiella-pneumoniae-Infektion, bei der eine Amputation drohte.
Nach Genehmigung eines individuellen Heilversuchs durch die spanische Arzneimittelbehörde AEMPS wurde ein spezifischer Phage lokal sowie intravenös in Kombination mit Colistin verabreicht. Ab dem achten Behandlungstag war der Erreger in Wundproben nicht mehr nachweisbar, die Wunde heilte ab und die Beweglichkeit des Ellenbogens erholte sich teilweise, ohne dass Nebenwirkungen festgestellt wurden.
Immunologische Mechanismen als Gegenstand der Grundlagenforschung
Trotz dieser Erfolge verweisen Fachleute darauf, dass weitere klinische Studien und standardisierte Protokolle notwendig sind, um biologische Barrieren zu verstehen. Im Fachjournal PLOS Biology veröffentlichte Versuche an Mäusen zeigten, dass Antikörper gegen die Faser- und Düsenproteine des Phagen AbP20 die Phagentherapie gegen Acinetobacter baumannii beeinträchtigten.
Über 50.000 Infektionen mit multiresistenten Erregern jährlich in Deutschland — und für viele Fälle fehlt eine Standardtherapie. Der Leitfaden erklärt, wie Sie Fallauswahl und Registerdokumentation für individuell zu prüfende Heilversuche sauber aufsetzen, ohne die Grenzen der Evidenz zu überschreiten. Fallauswahl und Dokumentation jetzt nachlesen
Die Immunreaktion blockierte das Anheften der Phagen an die Bakterien sowie die Injektion des Phagengenoms und förderte die Bildung von Aggregaten, die vermehrt von Makrophagen aufgenommen wurden.
Bei Tieren, die sieben Tage lang täglich intraperitoneal AbP20 erhielten, konnte erst eine weiterentwickelte, gegen Neutralisierung widerstandsfähigere Phagenvariante die therapeutische Wirkung teilweise wiederherstellen.
