Beinödeme im Alter: Bei jedem Vierten über 60 steckt eine Erkrankung dahinter
Veröffentlicht am: 22.10.2026 um 20:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deAnhaltende Schwellungen an den Beinen oder Fußknöcheln, die über gewöhnliche Abdrücke von Strümpfen hinausgehen, können klinische Hinweise auf chronische Erkrankungen darstellen. Mediziner warnen davor, ausgeprägte Dellen oder wiederkehrende Schwellungen am Abend als reine Erschöpfung abzutun.
Insbesondere wenn das Gewebe dauerhaft Wasser einlagert, kommen Funktionsstörungen von Herz, Nieren oder Leber als Auslöser infrage. Ein rechtzeitiges Erkennen der Warnsignale ist entscheidend, um schwerwiegende Verläufe abzuwenden.
Verbreitung und Begleiterkrankungen im Alter
Flüssigkeitsansammlungen in den unteren Extremitäten betreffen einen bedeutenden Teil der älteren Bevölkerung. Laut einer systematischen Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Age and Ageing weisen rund 24 Prozent der über 60-Jährigen in der Allgemeinbevölkerung ein chronisches Unterschenkelödem auf, was etwa jedem Vierten entspricht.
Die Untersuchung ergab zudem, dass die Ödemraten bei selbstständig Gehenden, Nutzern von Gehhilfen und Personen, die auf einen Stuhl angewiesen sind, vergleichbar ausfallen.
Ein solches Ödem tritt selten isoliert auf. Die Übersichtsarbeit zeigt eine häufige Assoziation mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Adipositas, Cellulitis, Wunden sowie funktionellen Einschränkungen. Unabhängige Risikofaktoren ließen sich bislang nicht eindeutig belegen, und die Datenlage für Pflegeheime bleibt aufgrund methodischer Limitationen unklar.
Kardiale und renale Ursachen erkennen
Zu den häufigsten Ursachen beidseitiger Schwellungen zählt die Herzinsuffizienz. Lässt die Pumpleistung des Herzens nach, staut sich das Blut in den Beinvenen, wodurch Flüssigkeit in das umliegende Gewebe gedrückt wird. Typisch sind Schwellungen, die durch Schwerkraft und Natriumretention verstärkt werden und auch nach Ruhephasen nicht vollständig abklingen.
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Ein einfacher Selbsttest besteht darin, für fünf bis zehn Sekunden Druck auf den Knöchel oder das Schienbein auszuüben. Bleibt eine sichtbare Delle über zehn bis 60 Sekunden bestehen, deutet dies auf eine kardiale Stauung hin. In der Praxis werden diese Druckdellen in Schweregrade von 1+ bis 4+ eingeteilt, wobei 4+ eine tiefe Delle über mehrere Minuten beschreibt.
Warnzeichen einer kardialen Dekompensation sind eine rasche Gewichtszunahme von zwei bis drei Pfund an einem Tag beziehungsweise fünf Pfund in einer Woche – oder alternativ 1,5 Kilogramm in zwei bis drei Tagen sowie zwei Kilogramm in einer Woche. Hinzu kommen Atembeschwerden bei Belastung oder im Liegen sowie nächtlicher Husten.
Therapeutisch werden neben Diuretika eine Reduktion der Natriumaufnahme auf unter 2.000 Milligramm beziehungsweise unter sechs Gramm Speisesalz pro Tag empfohlen.
Auch Erkrankungen der Nieren führen zu Flüssigkeitsretentionen. Die chinesische Leitlinie für chronische Nierenerkrankungen aus dem Jahr 2023 stuft anhaltende Dellenödeme der Beine als wichtiges Frühwarnzeichen ein.
Bei Nierenbeteiligung treten Schwellungen häufig gemeinsam mit Lidödemen und schaumigem Urin auf. Zudem können Medikamente wie Antihypertonika, Hormonpräparate oder Antidiabetika sowie eine Hypothyreose, die häufig zu nicht eindrückbaren Schwellungen führt, Ödeme hervorrufen.
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Akute Gefahren und venöse Insuffizienz
Von den meist symmetrischen, internistischen Schwellungen sind einseitige Veränderungen abzugrenzen. Eine plötzliche, einseitige Beinschwellung in Verbindung mit Wärme, Rötung und Druckschmerz begründet den dringenden Verdacht auf eine tiefe Venenthrombose. Ein solcher Gefäßverschluss birgt das Risiko einer lebensbedrohlichen Lungenembolie.
Zu den Risikofaktoren zählen langes Bewegungslossein, vorangegangene Operationen, Krankenhausaufenthalte, Krebserkrankungen, Schwangerschaften sowie angeborene Gerinnungsstörungen. Bei akuter Atemnot, Brustschmerzen oder Ohnmachtsanfällen ist unverzüglich der Notruf zu wählen.
Darüber hinaus liegt vielen chronischen Beschwerden eine chronisch-venöse Insuffizienz (CVI) zugrunde. Wenn geschädigte Venenklappen den Rückfluss des Blutes nicht mehr verhindern, steigt der intravenöse Druck. Dies führt zu Schweregefühl, Schmerzen, Wadenkrämpfen, Besenreisern, Krampfadern sowie Pigmentierungen und Ekzemen.
Im fortgeschrittenen Stadium drohen schlecht heilende Unterschenkelgeschwüre. Fachquellen verweisen bei Klappenschäden auf eine Refluxdauer von mindestens 0,5 Sekunden im Doppler-Ultraschall.
Diagnostische Abklärung
Physiologische Schwellungen, etwa infolge langen Stehens, großer Hitze oder temporär hoher Salzzufuhr, klingen meist nach ein bis zwei Tagen Erholung ab. Bleiben Schwellungen jedoch länger als drei bis fünf Tage bestehen oder halten über eine Woche an, ist eine ärztliche Diagnose zwingend erforderlich.
Die chinesische Herzinsuffizienz-Leitlinie von 2024 empfiehlt bei Beinödemen in Kombination mit Atemnot eine Untersuchung mittels Echokardiografie, Bestimmung des Biomarkers BNP sowie ein EKG. Während eindrückbare Schwellungen auf kardiale, renale, venöse oder hypoproteinämische Ursachen hindeuten, verweisen nicht eindrückbare Ödeme eher auf das Lymphsystem oder Schilddrüsenerkrankungen.
Bei einseitigen Beschwerden steht der Thromboseausschluss per Farbdopplersonografie an erster Stelle; D-Dimere dienen hierbei nur als ergänzender Laborwert. Bei beidseitigen Befunden umfasst die Basisdiagnostik Laborwerte für Nieren, Leber, Albumin und Elektrolyte sowie Urinanalysen und Schilddrüsenparameter.
