Bewegungsmangel weltweit: 240 Millionen Jugendliche sind nie 60 Minuten aktiv
Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 04:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deNationale Aktionspläne und politische Leitlinien zur Förderung körperlicher Aktivität haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten international deutlich zugenommen. Dennoch bleibt der weltweite Bewegungsmangel seit mehr als 20 Jahren auf einem konstant hohen Niveau.
Eine im Fachjournal Nature Health erschienene Analyse von Varela et al. aus dem Jahr 2026 belegt anhand von Politikdokumenten aus rund 200 Ländern eine erhebliche Umsetzungslücke. Fallstudien der Autoren zeigen, dass Maßnahmen zur Bewegungsförderung auf politischer Ebene weiterhin eine geringe Priorität genießen.
Nationale Bestandsaufnahme offenbart Nachweisdefizite
Auch in Deutschland spiegelt sich diese Diskrepanz zwischen politischen Absichtserklärungen und tatsächlicher Wirkung wider. Eine Bestandsaufnahme des Bundesministeriums für Gesundheit, die auf vier Erhebungen aus den Jahren 2022 bis 2024 basiert, untersuchte die Datenlage zum Bewegungsverhalten zwischen 1993 und 2024. In diesem Zeitraum erfassten elf Institutionen in 23 größeren Studien entsprechende Verhaltensdaten. Dabei zeigte sich, dass insbesondere ältere Menschen, Frauen, sozioökonomisch benachteiligte Gruppen sowie Menschen mit nichtübertragbaren Erkrankungen seltener körperlich aktiv sind.
Gleichzeitig verweist das Ministerium auf Schwachstellen bei bestehenden Programmen: Von 88 Maßnahmen der sogenannten etablierten Praxis ist eine Wirksamkeit lediglich bei 11 Prozent wissenschaftlich nachgewiesen.
Dem stehen 43 identifizierte Projekte guter Praxis gegenüber. Während 25 Prozent der etablierten Maßnahmen eine Reichweite von mindestens 100.000 Personen erzielen, liegt dieser Anteil bei Projekten guter Praxis bei 12 Prozent.
Bei Projekten mit einer Laufzeit von unter fünf Jahren verzeichnet die gute Praxis einen Anteil von 33 Prozent gegenüber 9 Prozent in der etablierten Praxis. Um den Transfer in die Praxis zu verbessern, plant das Ministerium die Einrichtung eines Nationalen Kompetenzzentrums für Bewegungsförderung.
Zudem setzt Deutschland auf europäische Ansätze: Die Initiative IMPAQT, an der Partner aus sechs Ländern beteiligt sind, adaptiert einen Politik-Index mit 45 Leitlinien für die Bereiche Gesundheit, Sport, Verkehr und Stadtplanung und ist im Nationalen Entwicklungsplan für Bewegung und Sport verankert.
Hohe Inaktivitätsraten bei Jugendlichen und Erwachsenen
Die Folgen der lückenhaften Umsetzung zeigen sich in globalen Erhebungen. Ein im Fachjournal The Lancet Global Health veröffentlichter Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Basis von Daten von 3,2 Millionen Jugendlichen aus 140 Ländern verdeutlicht das Ausmaß.
Demnach bewegt sich weltweit rund jeder vierte Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren – insgesamt etwa 240 Millionen Menschen – an keinem Tag der Woche mindestens 60 Minuten.
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Der globale Schnitt liegt bei lediglich 2,7 aktiven Tagen pro Woche; nur 14 Prozent der Heranwachsenden sind an allen sieben Tagen aktiv. Kein Land befindet sich auf Kurs, das globale Ziel einer Reduktion des Bewegungsmangels um 15 Prozent bis 2030 zu erreichen.
Eine von Seth Flaxman an der RPTU geleitete statistische Modellierung für die WHO-Studie weist für Deutschland ähnliche Tendenzen aus: Zwar haben hierzulande nur etwa 5 Prozent der Jugendlichen gar keinen aktiven Tag, doch sind knapp 15 Prozent täglich aktiv, bei einem Mittelwert von etwa vier aktiven Tagen pro Woche. Rund 45 Prozent erreichen die empfohlene Bewegung an höchstens drei Tagen.
Bei Erwachsenen sieht die Situation kaum besser aus: Nach Auswertungen der Universität São Paulo hält fast ein Drittel der Erwachsenen weltweit – rund 1,8 Milliarden Menschen – die WHO-Empfehlung von 150 bis 300 Minuten moderater Bewegung pro Woche nicht ein. Physische Inaktivität steht global mit etwa fünf Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung.
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Kommunen fordern verlässliche Finanzierung
Um den Mangel an Bewegungsräumen zu beheben, fordern kommunale Vertreter konkrete Unterstützung. Auf seiner 107. Sitzung in Ingelheim am Rhein begrüßte der Ausschuss für Bildung, Sport und Kultur des Deutschen Städte- und Gemeindebundes (DStGB) die im Oktober 2026 von der Sportministerkonferenz beschlossenen Eckpunkte des Nationalen Aktionsplans Kinder- und Jugendsport.
Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Binnig mahnte jedoch an, dass Bund und Länder dauerhafte finanzielle Mittel für kommunale Sportstätten bereitstellen müssen, um den Zielen der Bewegungsförderung eine tragfähige Basis zu geben.
