Blutdruck-Zielwerte: Warum 120/ 80 mmHg nicht für jeden ideal sind
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 16:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deIn der Kardiologie differenzieren Fachleute zunehmend bei der Festlegung von Blutdruck-Zielwerten. Der lange Zeit als pauschaler Standard angesehene Richtwert von 120 zu 80 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) gilt nicht für jeden Patienten gleichermaßen als optimal. Mediziner räumen mit pauschalen Annahmen auf und betonen, dass Leitlinien sowie individuelle Voraussetzungen eine präzisere Einordnung erfordern.
Leitlinien und internationale Einstufungen
Nach Angaben der Deutschen Herzstiftung gilt ein Wert von unter 120/70 mmHg als optimal. Werte zwischen 120–139/70–89 mmHg werden als erhöhter Blutdruck eingestuft. Eine Hypertonie Grad 1 liegt bei 140–159/90–99 mmHg vor, während Werte von 160–179/100–109 mmHg als Grad 2 und Werte über 180/110 mmHg als Grad 3 definiert sind.
Bei Heimmessungen wird Hypertonie bereits ab einem Sieben-Tage-Durchschnitt von über 135/85 mmHg festgestellt. International gibt es abweichende Kriterien: In den USA wird bereits ein Bereich von 130–139/80–89 mmHg als Bluthochdruck gewertet.
Kardiologin Prof. Dr. Christiane Tiefenbacher von der Deutschen Herzstiftung bezeichnet Werte unter 130/80 mmHg als optimal, während Messungen über 140/90 mmHg als erhöht gelten. Als Ruhepuls für Erwachsene nennt sie 60 bis 80 Schläge pro Minute. Weltweit habe sich die Zahl der von Bluthochdruck Betroffenen seit 1990 verdoppelt.
Gesetzliche Krankenkassen übernehmen einen grundlegenden Herz-Check in der Regel ab dem 30. Lebensjahr. Zu den wesentlichen Risikofaktoren zählen chronischer Stress, Rauchen, unausgewogene Ernährung sowie Bewegungsmangel. Bereits 30 Minuten moderate Bewegung am Tag können die Herzgesundheit nachweislich verbessern.
Studienlage zur intensiven Blutdrucksenkung
Welche Zielwerte therapeutisch sinnvoll sind, bleibt Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen. Eine im Fachjournal The Lancet veröffentlichte chinesische Studie untersuchte 11.255 Personen mit Hypertonie bei einem Durchschnittsalter von 64,6 Jahren.
Ein Teil der Probanden wurde intensiv auf unter 120 mmHg eingestellt (im Schnitt wurden 119,1 mmHg erreicht), die Kontrollgruppe auf das Standardziel von unter 140 mmHg (erreicht wurden 134,8 mmHg). Nach durchschnittlich 3,4 Jahren traten schwere Herzerkrankungen bei 9,7 Prozent der intensiv behandelten Patienten auf, verglichen mit 11,1 Prozent in der Standardgruppe.
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Kardiologe Heribert Schunkert vom Deutschen Herzzentrum München bezweifelt jedoch die direkte Übertragbarkeit dieser Ergebnisse in den Praxisalltag. Dass in der Studie kaum Nebenwirkungen erfasst wurden, widerspreche den praktischen Behandlungserfahrungen. Bei Unverträglichkeiten sei Schunkert zufolge ein systolischer Wert von 130 mmHg akzeptabel, während Werte über 135 mmHg kritisch zu sehen seien.
Ursachen für Fehlmessungen und Pseudoresistenz
Bleibt der Blutdruck trotz medikamentöser Therapie auf Werten von 160 bis 170 mmHg, liegt laut dem Kardiochirurgen Roman Risberg selten ein echter Gewöhnungseffekt vor. Vor einer Dosiserhöhung müsse die Diagnose über ein Tagesprofil sowie eine 24-Stunden-Blutdruckmessung abgesichert werden, um Fehldiagnosen und unnötige Verordnungen zu vermeiden.
Risberg verweist auf häufige Ursachen einer Pseudoresistenz:
* Unpassende Manschettengrößen beim Messvorgang
* Messungen unmittelbar nach Kaffee- oder Tabakkonsum sowie nach körperlicher Anstrengung
* Der sogenannte Weißkitteleffekt in medizinischen Einrichtungen
* Vergessene Tabletteneinnahmen oder zu niedrig angesetzte Dosierungen
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Zudem können Substanzen wie nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR), abschwellende Nasentropfen, Glukokortikoide oder übermäßiger Salzkonsum den Druck erhöhen. Bei sekundärer Hypertonie spielen oft chronische Nierenerkrankungen, Schlafapnoe, Schilddrüsenerkrankungen, Nierenarterienstenosen oder primärer Aldosteronismus eine Rolle.
Steigt der Blutdruck über 180/120 mmHg und treten Symptome wie Atemnot, Brustschmerzen sowie Seh- oder Sprachstörungen auf, ist sofort der Notruf 112 zu wählen.
Einnahmezeitpunkt und Therapietreue
Hinsichtlich des Einnahmezeitpunkts von Antihypertensiva zeigen neuere Untersuchungen eine Entwarnung bezüglich fester Vorgaben. Die TIME-Studie aus dem Jahr 2022 mit rund 21.000 Blutdruckpatienten über durchschnittlich 5,2 Jahre verzeichnete bei 3,4 Prozent der Patienten mit abendlicher Einnahme und bei 3,7 Prozent derer mit morgendlicher Einnahme einen Herzinfarkt oder Schlaganfall – ein statistisch nicht signifikanter Unterschied.
Eine kanadische Studie im Journal of the American Medical Association aus dem Jahr 2025 bestätigte, dass der Einnahmezeitpunkt keine wesentlichen Vor- oder Nachteile bei Nutzen und Risiken bietet. Eine ältere spanische HYGIA-Studie aus dem Jahr 2019, die Vorteile für die Einnahme am Abend postuliert hatte, war von der Deutschen Hochdruckliga als methodisch sehr unglaubwürdig kritisiert worden.
Entscheidend bleibt eine kontinuierliche Einnahme zu einer gleichbleibenden Tageszeit. Eine abendliche Einnahme kann bei Personen ohne nächtliche Blutdruckabsenkung sinnvoll sein, birgt bei älteren Menschen jedoch das Risiko von Stürzen. Eine erhebliche Herausforderung stellt die Therapietreue dar: Angaben von apotheken.de zufolge bricht jeder zweite Patient die verordneten Blutdruckmedikamente nach zwei Jahren eigenmächtig ab.
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