Blutdrucksenkung: 5 mmHg weniger senken das Herzrisiko um rund 10 Prozent
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 15:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deFachpublikationen beschreiben neue globale Modelle und AnsĂ€tze zur kardiovaskulĂ€ren Risikostratifizierung. Diese Methoden reichen ĂŒber klassische Parameter hinaus, um bei Patienten mit atherosklerotischen Erkrankungen eine genauere, individuell abgestimmte Therapie zu ermöglichen. Herkömmliche Scoring-Systeme geraten in der Praxis zunehmend an Grenzen, weshalb bildgebende Verfahren und erweiterte Berechnungsmodelle an Bedeutung gewinnen.
Lebenszeitrisiko und individualisierter Nutzen durch SMART-REACH2
FĂŒr Patienten mit bereits manifester atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung (ASCVD) steht mit SMART-REACH2 ein validiertes Modell zur VerfĂŒgung. Das Werkzeug ist geschlechtsspezifisch stratifiziert und schĂ€tzt das lebenslange Risiko fĂŒr das Wiederauftreten kardiovaskulĂ€rer Ereignisse ab.
Dabei wurde SMART-REACH2 fĂŒr unterschiedliche globale Risikoregionen kalibriert, um geografischen Besonderheiten Rechnung zu tragen. Das Modell erfasst den konkreten individuellen Behandlungsnutzen von Strategien zur Lipidsenkung sowie zur Blutdrucksenkung.
Durch die Prognose des Zugewinns an kardiovaskulĂ€r krankheitsfreier Lebenszeit unterstĂŒtzt SMART-REACH2 die gemeinsame Entscheidungsfindung zwischen medizinischem Fachpersonal und Betroffenen in der klinischen Praxis.
Stellenwert von Bildgebung und Koronarkalk
In der PrimĂ€r- und SekundĂ€rprĂ€vention spielt zudem der Nachweis von GefĂ€Ăplaques eine zentrale Rolle. Eine adĂ€quate Risikostratifizierung muss dabei sowohl Auf- als auch Abwertungen des Risikoprofils ermöglichen. Der Koronare Kalziumscore nach Agatston unterteilt Befunde in vier Stufen: 0, 1â99, 100â399 sowie Werte ab 400.
Leitlinien werten diese Befunde unterschiedlich: Die chinesische Lipidleitlinie aus dem Jahr 2023 definiert einen Kalziumscore ab 100 als risikosteigernd. Die ESC/EAS-Leitlinie von 2019 stuft Patienten bei eindeutigen Plaques in Bildgebungsverfahren direkt in die Kategorie mit sehr hohem Risiko ein.
Bei einer Karotis-Sonografie gilt hingegen ausschlieĂlich das Vorliegen eines echten Plaques als Kriterium fĂŒr eine Höherstufung; eine reine Verdickung der Intima-Media besitzt keinen eigenstĂ€ndigen prĂ€diktiven Wert.
Liegt bei Patienten mit mittlerem Risiko ein Kalziumscore von 0 vor und fehlen Faktoren wie eine frĂŒhe familiĂ€re Vorbelastung fĂŒr koronare Herzkrankheit, erhöhtes Lipoprotein(a) oder Diabetes, kann eine Abwertung erfolgen. In solchen FĂ€llen ist ein Verzicht auf medikamentöse Interventionen möglich. Die Gabe von AcetylsalicylsĂ€ure (ASS) zur PrimĂ€rprĂ€vention bei gewöhnlichen subklinischen Plaques wird aufgrund des Blutungsrisikos nicht empfohlen.
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Grenzen klassischer Scores und erweiterte Risikofaktoren
Klassische Algorithmen erfassen GefĂ€ĂverĂ€nderungen oft nur unvollstĂ€ndig. Der traditionelle SCORE-Algorithmus schĂ€tzt das Zehn-Jahres-Risiko fĂŒr kardiovaskulĂ€ren Tod anhand der fĂŒnf Risikofaktoren Alter, Geschlecht, Rauchen, systolischer Blutdruck und Cholesterin.
Eine im August 2026 im New England Journal of Medicine veröffentlichte Analyse der REACT-Kohortenstudie (16.808 Erwachsene aus DĂ€nemark und Spanien im Alter von 18 bis 70 Jahren, mittleres Alter 45,0 Jahre, 51,4 % Frauen) verdeutlichte die diagnostischen LĂŒcken: Zwar erwies sich eine Einstufung als hohes Risiko nach dem SCORE2-Modell mit 99,8 % als hochspezifisch, die SensitivitĂ€t fĂŒr das AufspĂŒren subklinischer Atherosklerose lag jedoch lediglich bei 1,9 %.
Wurden mittleres und hohes Risiko zusammengefasst, erreichte die SensitivitÀt 34,1 %. Die Autoren betonten, dass die Ergebnisse kein bevölkerungsweites bildgebendes Screening zur Prognoseverbesserung belegen.
In der REACT-Studie lag die GesamtprÀvalenz stiller Atherosklerose bei 57,1 % (63,4 % bei MÀnnern, 50,9 % bei Frauen). Bei den 18- bis 29-JÀhrigen waren 8,7 % der MÀnner und 6,7 % der Frauen betroffen, bei den 30- bis 39-JÀhrigen stiegen die Raten auf 34,6 % beziehungsweise 21,3 %.
In der Gruppe der 60- bis 70-JĂ€hrigen blieben lediglich 1,9 % der MĂ€nner und 8,1 % der Frauen frei von Plaques in allen untersuchten GefĂ€Ăabschnitten.
Leitlinienanpassungen und therapeutische Schwellenwerte
Die Kriterien fĂŒr medikamentöse Therapien variieren international. Die US Preventive Services Task Force (USPSTF) empfiehlt Statine fĂŒr 40- bis 75-JĂ€hrige mit mindestens einem Risikofaktor und einem Zehn-Jahres-Risiko ab 10 %; im Bereich von 7,5 bis 10 % gilt die Empfehlung als Option.
Eine im Jahr 2018 veröffentlichte Auswertung der Copenhagen General Population Study mit 45.750 Patienten zeigte, dass strengere Leitlinien von Organisationen wie NICE, ACC/AHA, USPSTF, CCS oder ESC/EAS mehr kardiovaskulĂ€re Ereignisse abwenden als zurĂŒckhaltendere AnsĂ€tze.
Eine weitere Untersuchung aus dem Jahr 2018 ergab zudem, dass die Mehrheit der Betroffenen, die vor dem 50. Lebensjahr einen Herzinfarkt erlitten, zuvor die Standardkriterien fĂŒr eine Statintherapie in der PrimĂ€rprĂ€vention verfehlt hĂ€tte. Laborparameter wie LDL-C (Referenzbereich 2,1 bis 3,8 mmol/l) und apoB (0,9 bis 1,2 mmol/l) weisen zudem methodische Messunsicherheiten auf.
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Auch beim Blutdruckmanagement werden die Kriterien weiter ausdifferenziert. Die europĂ€ische Leitlinie fĂŒhrte 2024 die Kategorie eines erhöhten Blutdrucks (120â139/70â89 mmHg) ein, behielt die Grenze fĂŒr Hypertonie jedoch bei Werten ab 140/90 mmHg bei.
Die chinesische Hypertonie-Leitlinie von 2024 ergÀnzte Herzfrequenz und HyperurikÀmie als zusÀtzliche Risikofaktoren und rÀt zu einer Ruheherzfrequenz unter 80 SchlÀgen pro Minute.
Eine Metaanalyse ĂŒber 51 Studien mit mehr als 350.000 Teilnehmenden belegt derweil den Nutzen konsequenter Blutdrucksenkungen: Eine Reduktion des systolischen Werts um 5 mmHg verringert das Risiko fĂŒr kardiovaskulĂ€re Ereignisse um rund 10 % â unabhĂ€ngig vom Ausgangswert.
