Bluthochdruck: Jeder Fünfte kennt die Erkrankung nicht – trotz hohem Risiko
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 13:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deDas Ausbleiben spürbarer Beschwerden schützt nicht vor schwerwiegenden Gefäßschäden. Fernando Martos Gonçalves, Präsident der Sociedade Portuguesa de Hipertensão, weist darauf hin, dass fehlende Symptome weder das Fehlen einer Erkrankung noch ein ausbleibendes Risiko bedeuten.
Bluthochdruck und erhöhte Cholesterinwerte greifen die Arterien über viele Jahre hinweg unbemerkt an, sodass sich die Erkrankung mitunter erst durch einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt erstmals bemerkbar macht. Gemeinsam mit Servier Portugal startete die Fachgesellschaft daher eine Aufklärungskampagne.
Hohe Dunkelziffer bei unbemerktem Bluthochdruck
Dass ein großer Teil der Betroffenen nichts von den eigenen erhöhten Werten ahnt, belegen mehrere Untersuchungen. Laut der Deutschen Hochdruckliga sind in Deutschland etwa 20 bis 30 Millionen Menschen von Bluthochdruck betroffen, wobei rund jeder Fünfte keine Kenntnis von der Erkrankung hat. Nach Schätzungen der British Heart Foundation wissen in England rund 5 Millionen Erwachsene nichts von ihrer Hypertonie.
Wissenschaftliche Erhebungen verdeutlichen das AusmaĂź dieser Diagnose-LĂĽcke. Eine Studie von Liu et al. auf Basis von Daten des Projekts Our Future Health an der University of Oxford zeigte, dass von 1,4 Millionen untersuchten Erwachsenen in England etwa 37 % die Kriterien fĂĽr eine Hypertonie erfĂĽllten, definiert durch Werte von mindestens 140/90 mmHg oder die Einnahme von Antihypertensiva.
Rund 59 % dieser Betroffenen wussten nichts von einer früheren Diagnose und nahmen keine Medikamente ein. Eine Blutdruckmessung von mindestens 140/90 mmHg ohne vorherige Diagnose trat bei 33,2 % der Männer und 21,2 % der Frauen auf. Zudem wies rund die Hälfte der bereits behandelten Personen bei der Messung weiterhin Werte von mindestens 140/90 mmHg auf.
Zu vergleichbaren Ergebnissen kam eine Untersuchung von Castanon et al. Demnach leben in England mehr als 4 Millionen Menschen mit unentdecktem Bluthochdruck. Anhand von Praxismessungen lag die beobachtete Prävalenz unentdeckter Hypertonie bei 27,7 % (95%-KI 26,4–29,1 %) und nach einer PROOF-BP-Korrektur bei 21,8 % (95%-KI 20,6–23,0 %).
Nach dieser Korrektur lag die Quote bei Männern bei 29,8 % (95%-KI 27,8–32,0 %) gegenüber 14,6 % (95%-KI 13,3–15,9 %) bei Frauen. Regional zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den West Midlands mit 26,3 % (95%-KI 22,2–31,0 %) und London mit 16,9 % (95%-KI 13,5–20,9 %).
Diagnosegrenzen und die Bedeutung von Heimmessungen
Als allgemeine Diagnoseschwelle fĂĽr Bluthochdruck im Praxisraum gilt laut ESH 2023 und ESC 2024 ein Wert von 140/90 mmHg, woran sich auch die deutschen Fachgesellschaften orientieren. FĂĽr Heimmessungen setzt die Sociedade Portuguesa de HipertensĂŁo einen Mittelwert von mindestens 135/85 mmHg als diagnostische Schwelle an.
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Das Ziel der ESC für das Jahr 2024 liegt für die meisten behandelten Erwachsenen bei guter Verträglichkeit bei einem systolischen Wert von 120–129 mmHg. Bezüglich der Blutfettwerte nennt die ESH Zielwerte für das LDL-Cholesterin von unter 70 mg/dL bei hohem und unter 55 mg/dL bei sehr hohem kardiovaskulärem Risiko.
Die Grenzen reiner Gelegenheitsmessungen in der Praxis werden zunehmend diskutiert. Dr. Teresa Castiello von MIAL Healthcare verweist auf das Phänomen des versteckten Bluthochdrucks, der bei Routinekontrollen verborgen bleibt, jedoch das gleiche langfristige Risiko für Schlaganfälle und Infarkte birgt wie offenkundige Hypertonie.
Ausschlaggebend sei die kumulierte Druckbelastung über längere Zeit. Dr. Alexander Lyon vom Royal Brompton betont, dass bereits ein Anteil von über 25 % an erhöhten Messwerten problematisch sei, selbst wenn der rechnerische Durchschnitt unauffällig bleibe.
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Eine Untersuchung von Will Stoddart an fast 60.000 Personen bestätigte, dass eine 24-Stunden-Blutdruckmessung das allgemeine sowie das kardiovaskuläre Sterberisiko verlässlicher vorhersagt als Einzelwerte aus der Praxis.
Bei Stoddart selbst ergab eine Praxisuntersuchung einen Wert von 162/90 mmHg, während eine einwöchige Heimmessung im Schnitt unauffällige 125/70 mmHg auswies. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie empfahl im Jahr 2024 erstmals, sich vorrangig auf Messungen außerhalb der Praxis zu stützen.
Richtlinien und Vorgehen bei Therapieresistenz
Auf internationaler Ebene differenzieren neue Vorgaben die Behandlungsstrategien. Die Leitlinien der International Society of Hypertension (ISH) fĂĽhren zwei Versorgungsstufen ein: ein allgemeines Basisziel von 140/90 mmHg sowie ein optimales Ziel von unter 130/80 mmHg.
Für die Diagnose empfiehlt die ISH standardisierte Heimmessungen über sieben Tage mit mindestens 12 Messungen an drei Tagen. Geräte ohne Manschette werden für klinische Entscheidungen nicht empfohlen. Der frühere Begriff des hochnormalen Blutdrucks für Werte zwischen 130–139/85–89 mmHg wurde durch die Bezeichnung eines erhöhten Blutdrucks abgelöst.
Bei schwer einstellbaren Verläufen definierte ein Expertenkonsens des American College of Cardiology aus dem Oktober 2026 eine resistente Hypertonie als unkontrollierte Werte von mindestens 130/80 mmHg trotz der Einnahme von mindestens drei Antihypertensiva inklusive eines Diuretikums oder als kontrollierten Druck unter mindestens vier Präparaten.
Vor dieser Feststellung müsse eine Pseudoresistenz durch die Überprüfung der Messtechnik und Praxiswerte ausgeschlossen werden. Die brasilianische Hypertonie-Leitlinie von 2025 definiert eine refraktäre Hypertonie über nicht erreichte Zielwerte trotz mindestens fünf Medikamenten und verweist darauf, dass Patienten mit resistentem Verlauf ein um 50 % höheres Risiko für kardiovaskuläre und renale Komplikationen tragen.
Mediziner mahnen zur Aufmerksamkeit bei unspezifischen Beschwerden. Philip Stawowy, Kardiologe an der Charité, erläutert, dass Hypertonie häufig erst spät bei Komplikationen erkannt werde. Als mögliche Warnsignale nennt er Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Schwindel, Kopfschmerzen, Ohrensausen, Nasenbluten, Kurzatmigkeit und innere Unruhe, insbesondere wenn diese Symptome gebündelt auftreten.
Zur Prävention rät die Deutsche Hochdruckliga zur Orientierung an einer Faustregel: den Blutdruck mit 30 Jahren kennen, ihn mit 50 gut eingestellt wissen und so im Alter von 80 Jahren vor schwerwiegenden Folgeschäden geschützt sein.
