Bochumer „bib der dinge“: 3.500 Alltagsgegenstände zum Ausleihen
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 00:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deDer Umgang mit Gebrauchsgegenständen unterliegt einem spürbaren Wandel. Anstelle schneller Neuanschaffungen rücken Ansätze zur Lebensdauerverlängerung, kreativen Umnutzung und eigenständigen Instandhaltung im Haushalt zunehmend in den Fokus. Gemeinschaftliche Werkstätten, Verleihmodelle und lokale Initiativen bieten praktische Wege, um Ressourcen zu schonen und funktionstüchtige Materialien im Alltagskreislauf zu halten.
Geteilte Werkzeuge und Vermittlung von Praxiswissen
Für viele Haushalte scheitert die Instandhaltung defekter Objekte an fehlendem Spezialwerkzeug oder mangelnden handwerklichen Fähigkeiten. Initiativen wie die 2021 gegründete „bib der dinge“ in Bochum setzen an diesem Engpass an.
Die Einrichtung verfügt nach eigenen Angaben über das bundesweit größte Sortiment dieser Art und stellt auf gut 500 Quadratmetern mehr als 3.500 Alltagsgegenstände zur Ausleihe bereit.
Das Angebot, dessen Jahresmitgliedschaft 100 Euro kostet, wird von rund 25 Ehrenamtlichen sowie Najine Ameli in einer Teilzeitstelle getragen. Neben dem Verleih vermitteln angeschlossene Werkstätten und Kurse praktisches Reparatur- und Handwerkswissen.
Parallel zur Reparatur gewinnt das Upcycling an Bedeutung, bei dem ausgediente Gegenstände eine neue Funktion erhalten. In Dresden fertigen Anke Seidel und Katrin Bandke unter der Bezeichnung „Von Tisch zur Tafel“ beispielsweise Etageren aus altem Geschirr und betreiben einen Geschirrverleih, nachdem eine Hochzeit den Auslöser für das Projekt bildete.
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Ergänzend bieten die Initiatorinnen einen Bohrservice für Erbstücke an, wobei insbesondere die Bearbeitung von Meissener Porzellan besondere Sorgfalt erfordert.
Ehrenamtliche Hilfe zur Selbsthilfe verzeichnet hohe Nachfrage
Wie hoch der Bedarf an Unterstützung bei alltäglichen Defekten ist, verdeutlichen regionale Reparaturtreffs. Beim 21. Repair Café in Veitshöchheim brachten am 26. September 2026 insgesamt 25 Besucher 49 Gegenstände mit. Davon entfielen 45 % auf Elektro- und Elektronikgeräte, 37 % auf Kleidung, 16 % auf sonstige Artikel und 2 % auf Fahrräder.
Bei der Instandsetzung waren 63 % der Versuche erfolgreich, 23 % teilweise erfolgreich und 14 % blieben ohne Erfolg. Das seit 2014 bestehende Projekt, das den Umweltpreis 2026 der Gemeinde samt 2.200 Euro erhielt, verzeichnete 44 % Besucher im Alter über 60 Jahren, 32 % zwischen 40 und 60 Jahren, 20 % zwischen 21 und 40 Jahren sowie 4 % bis 20 Jahren; 92 % kamen direkt aus dem Ort, jeweils 4 % aus Würzburg und dem Umland.
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Auch an anderen Standorten etablieren sich entsprechende Angebote. Das ReparaturCafé in Waren verzeichnete bei bisher sechs Terminen insgesamt 56 defekte Geräte beziehungsweise Ratsuchende bei einer Erfolgsquote von rund 45 %.
Dort wurden unter anderem Stemmhämmer, Wasserkocher, Lampen sowie eine 30 Jahre alte russische Bohrmaschine instand gesetzt. Weitere Termine stehen in verschiedenen Regionen an, darunter im Bürgerhaus am Schwalbanger in Neuburg, im Mehrgenerationenhaus Mütterzentrum in Beckum sowie im Gemeindehaus in Ahlerstedt.
Gesetzliche Vorgaben gegen vorzeitige Entsorgung
Die Initiativen reagieren auf ein anhaltendes Müllproblem. Laut Katrin Meyer vom Runden Tisch Reparatur werden rund drei Viertel der kaputten Elektrogeräte weggeworfen. Nach Angaben der Berliner Stadtreinigungsbetriebe fielen im Jahr 2025 allein in Berlin 3,7 kg Elektroschrott pro Kopf an.
Flankiert wird die Reparaturpraxis durch europäische Vorgaben: Seit dem 31. Juli 2026 gilt in der Europäischen Union für viele Produktkategorien ein Recht auf Reparatur. Verbraucher können Hersteller auch nach Ablauf der gesetzlichen Gewährleistung zur Reparatur auffordern.
Für Geräte wie Waschmaschinen, Kühlgeräte, Fernseher, Smartphones und Tablets müssen Ersatzteile, Anleitungen und Software-Updates je nach Produktgruppe zwischen 7 und 10 Jahre lang verfügbar sein. Zur besseren Übersicht ist auf europäischer Ebene zudem ein zentrales Werkstatt-Suchportal für 2027 angekündigt.
