Buckelwale, Tierverhalten

Buckelwal-Kuh sucht stundenlang NĂ€he zu totem Kalb

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 11:01 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Vor der australischen Gold Coast hat eine Buckelwal-Kuh stundenlang Kontakt zu ihrem toten Kalb gehalten. Die Beobachtung liefert Forschern neue Hinweise auf Verlustverhalten bei Walen – und wirft die Frage auf, ob Tiere trauern können.

  • Wale zeigen beim Verlust eines Kalbes oft ein Verhalten, das an Trauer erinnert. (Archivbild) - Bild: Bai Xuefei/XinHua/dpa
    Wale zeigen beim Verlust eines Kalbes oft ein Verhalten, das an Trauer erinnert. (Archivbild) - Bild: Bai Xuefei/XinHua/dpa
  • Elefantenherden versammeln sich oft nach dem Tod eines Artgenossen. (Archivbild) - Bild: Carola Frentzen/dpa
    Elefantenherden versammeln sich oft nach dem Tod eines Artgenossen. (Archivbild) - Bild: Carola Frentzen/dpa
  • Auch Schimpansen verĂ€ndern ihr Verhalten, wenn sie Verlust erleben. (Archivbild) - Bild: picture alliance / dpa
    Auch Schimpansen verÀndern ihr Verhalten, wenn sie Verlust erleben. (Archivbild) - Bild: picture alliance / dpa
  • Orcas tragen ihre toten Babys oft ĂŒber lĂ€ngere Zeit mit sich. (Archivbild) - Bild: ---/Kyodo/dpa
    Orcas tragen ihre toten Babys oft ĂŒber lĂ€ngere Zeit mit sich. (Archivbild) - Bild: ---/Kyodo/dpa
  • WalmĂŒtter haben eine enge Bindung zu ihrem Kalb.  - Bild: Olaf Meynecke/dpa
    WalmĂŒtter haben eine enge Bindung zu ihrem Kalb. - Bild: Olaf Meynecke/dpa
Wale zeigen beim Verlust eines Kalbes oft ein Verhalten, das an Trauer erinnert. (Archivbild) - Bild: Bai Xuefei/XinHua/dpa Elefantenherden versammeln sich oft nach dem Tod eines Artgenossen. (Archivbild) - Bild: Carola Frentzen/dpa Auch Schimpansen verĂ€ndern ihr Verhalten, wenn sie Verlust erleben. (Archivbild) - Bild: picture alliance / dpa Orcas tragen ihre toten Babys oft ĂŒber lĂ€ngere Zeit mit sich. (Archivbild) - Bild: ---/Kyodo/dpa WalmĂŒtter haben eine enge Bindung zu ihrem Kalb.  - Bild: Olaf Meynecke/dpa

Vor der australischen Gold Coast hat eine junge Buckelwal-Kuh fast zwei Stunden lang die NĂ€he zu ihrem toten Kalb gesucht und den Körper wiederholt berĂŒhrt.

Beobachtung vor Palm Beach Reef

Das Geschehen ereignete sich an einem Wintermorgen vor Palm Beach Reef. Zwei Buckelwale schwammen durch das flache Wasser, als einer der Tiere immer wieder an einer Stelle am Meeresboden verweilte. Eine dort hinabgelassene Kamera zeigte das tote Kalb.

Die Wal-Kuh tauchte mehrfach zu dem Körper hinab, berĂŒhrte ihn mit Kopf und Brustflosse und legte sich Auge an Auge neben ihn. Ein zweiter erwachsener Wal blieb in ihrer NĂ€he; zudem waren LautĂ€ußerungen zu hören.

Erster detailliert dokumentierter Fall

Der deutsch-australische Meeresbiologe Olaf Meynecke von der Griffith University wertete die Beobachtung gemeinsam mit dem Walretter Andrew Mulville aus und verfasste dazu eine Studie. Nach Angaben der Forscher handelt es sich um den ersten detailliert dokumentierten Fall eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal.

Die Wal-Kuh versuchte nicht, das tote Kalb an die OberflÀche zu bringen. Normalerweise helfen Muttertiere ihren neugeborenen KÀlbern beim ersten Atemzug. Meynecke nannte als mögliche ErklÀrungen, dass die Mutter dazu nicht in der Lage gewesen sein könnte oder erkannt habe, dass das Kalb nicht mehr lebe.

Ähnliche Beobachtungen bei Orcas

Besonders bekannt ist das Verhalten des Orca-Weibchens Tahlequah. Es trug 2018 sein totes Kalb vor der nordamerikanischen KĂŒste 17 Tage lang mit sich und legte dabei mehr als 1.500 Kilometer zurĂŒck. Auch bei Grindwalen und Delfinen wurde beobachtet, dass sie tote Jungtiere lĂ€ngere Zeit mit sich fĂŒhrten.

Bei SchimpansenmĂŒttern ist dokumentiert, dass sie tote Jungtiere noch Tage, Wochen oder Monate tragen. In einer australisch-neuseelĂ€ndischen Studie mit 159 Hunden und 152 Katzen berichteten Halter nach dem Tod eines tierischen GefĂ€hrten ebenfalls von verĂ€ndertem Fress- und Suchverhalten.

Elefanten bleiben bei Verstorbenen

Elefanten versammeln sich hĂ€ufig an Kadavern, berĂŒhren und beschnuppern sie, bewachen sie oder kehren spĂ€ter zurĂŒck. Beobachtet wurden auch Versuche, sterbende Tiere zu stĂŒtzen oder tote KĂ€lber fortzutragen. Teilweise bedecken Elefanten tote Artgenossen mit Erde oder Pflanzen.

Als 2013 die 55 Jahre alte Elefantenkuh Victoria in Kenia starb, blieb ihre Familie bei ihr. Ihre Tochter Noor verweilte bei der Mutter, wĂ€hrend ihr Sohn Malasso sie mit den StoßzĂ€hnen anstieß. Wochen spĂ€ter suchten auch Elefanten aus anderen Familien Victorias Überreste auf.

Was Tiere dabei empfinden

Ob solche Reaktionen Trauer im menschlichen Sinn darstellen, bleibt offen. Forschende können das Verhalten beobachten, aber nicht direkt auf die inneren Empfindungen der Tiere schließen. Sicher ist jedoch, dass viele soziale Arten ihren Umgang mit einem toten Artgenossen deutlich verĂ€ndern.

Beobachtung statt Beweis innerer GefĂŒhle

Die dokumentierte Reaktion der Buckelwal-Kuh ist wissenschaftlich vor allem deshalb bedeutsam, weil sie ĂŒber lĂ€ngere Zeit wiederholten Körperkontakt und die NĂ€he zum toten Kalb zeigt. Daraus lĂ€sst sich ein verĂ€ndertes Verhalten ableiten. Ob dabei ein inneres Erleben vorliegt, das menschlicher Trauer entspricht, können Forschende jedoch nicht unmittelbar feststellen.

Bei MeeressÀugern erschwert die Lebensweise im Wasser die Beobachtung zusÀtzlich. Kadaver können absinken, treiben oder von der Strömung verdriftet werden; zugleich sind Begegnungen selten und oft nur kurz dokumentierbar. Jeder einzelne Fall erweitert deshalb die Datenbasis, erlaubt aber nur vorsichtige Vergleiche zwischen Arten.

Verlustverhalten bei vielen sozialen Arten

Die Beispiele von Orcas, Delfinen, Elefanten und Schimpansen weisen auf ein wiederkehrendes Muster hin: Sozial lebende Tiere reagieren auf den Tod eines Artgenossen hĂ€ufig mit NĂ€he, BerĂŒhrung, Bewachen oder verĂ€nderten Bewegungs- und Fressgewohnheiten. Besonders gut erforscht sind dabei Arten mit engen Familienbindungen und langen Lernphasen der Jungtiere.

FĂŒr die Bewertung ist entscheidend, Verhalten nicht vorschnell mit menschlichen Begriffen gleichzusetzen. Möglich sind auch andere ErklĂ€rungen, etwa ein fortbestehender Pflegeimpuls, Orientierung am Geruch oder die Schwierigkeit, den Zustand des Jungtiers einzuordnen. FĂŒr Leserinnen und Leser bedeutet der Fall daher zweierlei: Er macht die soziale KomplexitĂ€t von Walen sichtbar und zeigt zugleich, wie begrenzt Aussagen ĂŒber tierische GefĂŒhle bleiben.

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