Burn-out, Depression

Burn-out und Depression: 27 Prozent der Erwachsenen betroffen

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 19:31 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Psychische Leiden verursachen lange Ausfallzeiten und hohe Kosten. Die Politik plant schärfere Regeln, doch Experten üben Kritik.

Psychische Erkrankungen: Explodierende Krankheitstage belasten Wirtschaft
Eine einzelne, silhouettierte Person sitzt mit dem Kopf in den Händen an einem Schreibtisch in einem schwach beleuchteten Büro. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

belasten die deutsche Wirtschaft zunehmend. Die Krankheitstage durch psychische Diagnosen sind in den letzten 20 Jahren explodiert. Das zeigt eine aktuelle Auswertung von Krankenkassen und Rentenversicherung.

Zahlen, die alarmieren

Die Statistik spricht eine klare Sprache. Laut dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) stiegen die Ausfalltage je 1.000 Mitglieder von 8,1 im Jahr 2004 auf 174,8 im Jahr 2023. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung waren das 2023 rund 186.000 Betroffene – und etwa 4,7 Millionen Krankheitstage.

Auch der Reha-Atlas der Deutschen Rentenversicherung zeigt den Trend. Der Anteil psychosomatischer Leistungen an allen Reha-Maßnahmen kletterte von 15,3 Prozent im Jahr 2000 auf 20,5 Prozent im Jahr 2024. Jährlich werden knapp 200.000 solcher Rehabilitationsmaßnahmen durchgeführt. Besonders auffällig: Bei Versicherten unter 40 Jahren sind psychische Erkrankungen inzwischen der größte Bereich. Insgesamt sind jährlich etwa 27 Prozent der Erwachsenen betroffen. Damit sind psychische Leiden die zweithäufigste Ursache für Krankheitstage – und der häufigste Grund für Frühverrentungen.

Das Problem mit den langen Ausfallzeiten

Psychische Erkrankungen machen nur etwa 5,4 Prozent aller Krankschreibungen aus. Trotzdem fallen sie schwer ins Gewicht. Der Grund: Eine psychisch bedingte Krankschreibung dauert im Schnitt mehr als fünf Wochen. Diese langen Fehlzeiten treiben die Kosten im Gesundheitssystem in die Höhe. Jährlich werden rund 21,6 Milliarden Euro an Krankengeld ausgezahlt. Mehr als 25 Prozent der Fehltage führen mittlerweile zum Bezug von Krankengeld – das wird in der Regel ab dem 43. Krankheitstag gezahlt.

Hinzu kommt das Phänomen des Präsentismus: das Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Eine Umfrage unter 2.000 Erwerbstätigen ergab, dass über 95 Prozent bereits krank gearbeitet haben. 72 Prozent verspürten dabei einen subjektiven Rechtfertigungsdruck. Ein Vergleich der Universität Bamberg zeigt: In Deutschland wird an etwa 21 Prozent der Krankheitstage dennoch gearbeitet. In Frankreich oder Großbritannien liegt dieser Wert dagegen bei über 55 Prozent.

Politik plant schärfere Regeln

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Die Bundesregierung unter Kanzler Merz will gegensteuern. Geplant sind eine allgemeine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag sowie die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Ziel: Wettbewerbsnachteile abbauen.

Doch Experten und Verbände üben deutliche Kritik. Die AOK-Leitung bezeichnet die Vorhaben als Symbolpolitik. Der Hausärzteverband warnt vor einer Überlastung der Praxen. Eine Expertin des IGES-Instituts weist darauf hin, dass eine Attestpflicht ab dem ersten Tag den Krankenstand nicht zwangsläufig senke. Internationale Beispiele wie Schweden zeigten: Solche Hürden könnten eher zu längeren Krankschreibungen führen.

Auch arbeitsrechtliche Bedenken gibt es. Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht betont: Aufgrund des Günstigkeitsprinzips könnten bestehende Arbeitsverträge mit großzügigeren Regelungen weiterhin gültig bleiben. Zudem machen kurze Krankschreibungen von bis zu sieben Tagen zwar rund 70 Prozent der Fälle aus – verursachen aber nur etwa 23 Prozent der gesamten Ausfalltage.

Branchen unter Druck

Besonders hart trifft es die Automobilzulieferindustrie. Hier stieg der Krankenstand 2025 auf einen Höchstwert von 8,94 Prozent. Auch im Bildungsbereich ist die Belastung enorm: Jeder fünfte Fehltag bei Lehrkräften geht auf Atemwegserkrankungen zurück, 17 Prozent auf psychische Diagnosen. Über die Hälfte der Lehrer scheidet vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen aus.

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Lange Wartezeiten auf Therapie

Dem steigenden Bedarf steht eine angespannte Versorgungslage gegenüber. Die durchschnittliche Wartezeit auf einen Therapieplatz lag bereits 2019 bei über 142 Tagen. Verschärft wird die Situation durch regulatorische Eingriffe: Im April traten Honorarkürzungen für Psychotherapeuten in Kraft. Berufsverbände wie die DPtV warnen: Das könnte zu einer weiteren Reduzierung der Therapieplätze führen – und damit zu noch längeren Wartezeiten für Patienten.

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