Burnout am Arbeitsplatz: Ausfalltage steigen binnen zehn Jahren um 77 Prozent
Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 16:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Ausfallzeiten wegen seelischer Leiden haben in der deutschen Arbeitswelt in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Das belegt der Fehlzeiten-Report 2026 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der auf den Daten von rund 15 Millionen versicherten Arbeitnehmern basiert.
Demnach kletterte die Zahl der psychisch bedingten Fehltage bei AOK-Mitgliedern zwischen 2016 und 2025 um knapp 42 Prozent: von 284 Arbeitsunfähigkeitstagen (AU-Tagen) je 100 Versicherte auf 403 Tage im Jahr 2025. Besonders stark fiel der Zuwachs bei reinen Burnout-Diagnosen aus, die im selben Zeitraum von 11,0 auf 19,5 Ausfalltage je 100 Mitglieder anzogen, was einem Plus von 77 Prozent entspricht.
Lange Falldauern und deutliche Unterschiede nach Berufsfeldern
Obwohl die Gesamt-AU im Jahr 2025 mit 23,3 Tagen je AOK-Mitglied leicht unter den Vorjahren lag (2022: 24,5 Tage; 2023 und 2024: jeweils 23,9 Tage) und auch das erste Halbjahr 2026 unter dem Vorjahresniveau blieb, fallen psychische Diagnosen durch eine überdurchschnittliche Dauer ins Gewicht.
Im Jahr 2025 entfielen auf 100 Mitglieder 14,1 psychisch bedingte AU-Fälle mit einer mittleren Dauer von 28,5 Tagen je Fall. Zum Vergleich: Bei Atemwegserkrankungen waren es 80,3 Fälle je 100 Mitglieder, die jedoch mit durchschnittlich 5,7 Tagen wesentlich kürzer ausfielen.
Die Auswertung zeigt zudem eine klare soziale und berufliche Spreizung. Am stärksten von psychisch bedingten Fehlzeiten betroffen waren im Jahr 2025 Beschäftigte im Dialogmarketing mit 39,0 AU-Fällen je 100 Mitglieder.
Dahinter folgten Berufsfelder aus dem Gesundheits- und Sozialwesen: die Haus- und Familienpflege (25,6 Fälle), die Altenpflege (24,9 Fälle), die Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6 Fälle) sowie die Kinderbetreuung (23,0 Fälle). Führungskräfte in der Geschäftsführung und in Vorständen waren dagegen am zweitseltensten betroffen.
Steigende Krankengeldausgaben belasten das Gesundheitssystem
Der anhaltende Trend spiegelt sich in den Bilanzen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) wider. Die vorläufigen GKV-Ausgaben für Krankengeld beliefen sich 2025 auf 21,6 Milliarden Euro, was 6,1 Prozent der gesamten GKV-Ausgaben entspricht; zehn Jahre zuvor lagen sie bei 11,2 Milliarden Euro (5,2 Prozent).
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Von 2021 bis 2025 wuchsen die Krankengeldfälle aufgrund psychischer Erkrankungen um knapp 25 Prozent, während die entsprechenden Ausgaben um 54 Prozent nach oben kletterten. Bei somatischen Erkrankungen gingen die Fallzahlen im selben Zeitraum zurück, während die Ausgaben um 27 Prozent stiegen.
Auch bei anderen Kassen schlägt sich die Entwicklung nieder: Die DAK verzeichnete für das erste Halbjahr 2026 einen Anstieg der Fehltage wegen psychischer Erkrankungen um 9 Prozent, womit diese erstmals die häufigste Ausfallursache darstellten.
Belastungsfaktoren am Arbeitsplatz und politische Vorstöße
Eine begleitende Befragung von rund 2.500 Beschäftigten verdeutlicht den Druck im Alltag. Rund ein Viertel der Befragten gab an, mindestens einmal krank zur Arbeit gegangen zu sein – so viele wie seit 2020 nicht mehr. 74,8 Prozent ärgerten sich in den vorangegangenen vier Wochen aus beruflichen Gründen, 54 Prozent fühlten sich niedergeschlagen und 33,8 Prozent dachten in ihrer Freizeit über Arbeitsprobleme nach (Vorjahr: 25,1 Prozent). Neben betrieblichen Belastungen sorgen sich 51,9 Prozent der Arbeitnehmer um die allgemeine Wirtschaftslage.
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Prof. Steffi Riedel-Heller von der Universität Leipzig, Mitautorin des Berichts, verwies darauf, dass steigende Ausfallzeiten zwar kein direktes Maß für die Häufigkeit von Erkrankungen seien, aber klare Hinweise auf reale Mehrbelastungen lieferten, insbesondere bei jüngeren Menschen und Frauen. Während Arbeit bei stabilen Rahmenbedingungen die Psyche stärken könne, erhöhten hohe Arbeitsanforderungen bei geringem Einfluss das Depressionsrisiko.
Vor diesem Hintergrund forderten Gewerkschaften verbindliche Anti-Stress-Verordnungen. Auch auf europäischer Ebene wächst der Druck: Am 6. Oktober 2026 stimmte das EU-Parlament für einen Initiativbericht, der die Europäische Kommission auffordert, verbindliches EU-Recht gegen psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz vorzulegen. Der Entwurf verlangt unter anderem ein Recht auf Nichterreichbarkeit sowie die Anerkennung von Burnout als Berufskrankheit.
