Burnout-Krise, Pflegekräfte

Burnout-Krise: 40% spanischer Pflegekräfte erwägen Berufsausstieg

27.05.2026 - 22:51:07 | boerse-global.de

Studien aus Spanien und Italien belegen massive Abwanderung von Fachpersonal. Psychische und physische Belastungen treiben die Krise im Gesundheitswesen weiter an.

Burnout-Krise: 40% spanischer Pflegekräfte erwägen Berufsausstieg - Foto: über boerse-global.de
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Aktuelle Studien aus Spanien und Italien zeigen: Pflegekräfte und Ärzte flüchten in Scharen aus dem Beruf. Hauptgründe sind chronische Überlastung, fehlende Stabilität und zunehmende psychische Belastungen.

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Spanien: 40 Prozent der Pflegekräfte wollen weg

Eine Untersuchung des spanischen Gesundheitsministeriums und des Instituts für Gesundheit Carlos III (ISCIII) offenbart alarmierende Zahlen. Von mehr als 20.000 befragten Pflegekräften erwägen knapp 40 Prozent, ihren Beruf innerhalb der nächsten zehn Jahre aufzugeben. Besonders brisant: 17 Prozent planen den Ausstieg bereits innerhalb der nächsten zwei Jahre.

Die Hauptursache liegt in fehlender beruflicher Stabilität – 56,5 Prozent der Befragten nannten diesen Grund. Befristete Arbeitsverhältnisse erhöhen das Risiko eines Berufsausstiegs um rund ein Drittel. Noch gravierender wirkt sich die wahrgenommene Patientensicherheit aus: Fachkräfte, die ihre Patienten als gefährdet sehen, neigen zu 81 Prozent eher dazu, den Beruf zu verlassen.

Die regionalen Unterschiede sind enorm. In Madrid, auf den Kanaren, Balearen und in Galicien ist die Austrittsabsicht doppelt so hoch wie in Navarra. Ein strukturelles Problem: Nur 34,5 Prozent der Pflegekräfte arbeiten tatsächlich in ihrem Fachgebiet. 60 Prozent gaben an, wegen Zeitdrucks notwendige Pflegeleistungen auslassen zu müssen.

Italien: Burnout bei allen Ärzten – fast jeder Zweite wechselt in den Privatsektor

Die Situation in Italien zeigt ähnliche Belastungsgrenzen. Eine Erhebung des Ärzteverbandes Fadoi in kalabrischen Krankenhäusern ergab: Sämtliche befragten Ärzte haben bereits Burnout-Erfahrungen gemacht. Knapp die Hälfte litt zum Zeitpunkt der Umfrage akut unter Symptomen.

Die Konsequenz: Rund 44,4 Prozent der Ärzte in der Region erwägen einen Wechsel in den privaten Sektor. Um den Personalmangel aufzufangen, greifen 20 Prozent der Abteilungen für Innere Medizin auf Honorarkräfte zurück. 77,7 Prozent der Befragten stufen dies als direktes Risiko für Behandlungsfehler ein.

Physische Gefahren: Jeder dritte Beschäftigte Krebsrisiken ausgesetzt

Neben psychischen Belastungen sind Gesundheitsmitarbeiter erheblichen physischen Risiken ausgesetzt. Ein Bericht der EU-OSHA auf Basis von über 24.000 Interviews zeigt: Fast 30 Prozent der Arbeitskräfte in diesem Sektor sind mindestens einem Krebsrisiko am Arbeitsplatz ausgesetzt. Zu den Hauptgefahren zählen ionisierende Strahlung, UV-Strahlung, Dieselmotoremissionen sowie Chemikalien wie Formaldehyd und Benzol.

Die Branche stellt rund 11 Prozent der EU-Erwerbsbevölkerung. Jährlich werden etwa 100.000 Krebstodesfälle in der EU auf arbeitsbedingte Ursachen zurückgeführt.

Exoskelette als Entlastung? Studie zeigt Potenzial

Die Universitätsmedizin Magdeburg untersuchte den Einsatz von Exoskeletten gegen physische Belastungen bei Hebe- und Stützbewegungen. Die Ergebnisse, veröffentlicht im Februar 2026 im Fachjournal Applied Ergonomics, deuten auf spürbare Entlastungen hin. Aus wirtschaftlicher Sicht amortisiere sich die Investition bereits, wenn dadurch wenige Krankheitstage vermieden werden.

Die Forscher betonten jedoch: Technologische Hilfsmittel allein lösen das strukturelle Problem des Personalmangels nicht. Ergonomische Arbeitsabläufe bleiben essenziell.

USA setzt auf psychologische Prävention

Die Gesundheitsgruppe Northwell Health etablierte das Programm Stress First Aid (SFA) für rund 35.000 Mitarbeiter. Das Peer-Support-System basiert auf einer Farbskala zur Erkennung von Stressniveaus. Erste Auswertungen zeigen eine signifikante Verbesserung des Wohlbefindens bei Ärzten und Pflegeteams. Das Modell wird nun auf weitere ambulante Bereiche ausgeweitet.

Brasilien verschärft Regeln für psychische Gesundheit am Arbeitsplatz

International wächst der Druck auf Arbeitgeber. In Brasilien trat am 26. Mai 2026 eine Neuregelung der Richtlinie NR-1 in Kraft. Unternehmen müssen psychosoziale Risiken wie Mobbing, übermäßigen Leistungsdruck und toxische Arbeitsumgebungen in ihr formelles Risikomanagement aufnehmen.

Hintergrund sind Rekordzahlen bei krankheitsbedingten Ausfällen: 2025 verzeichnete Brasilien über 546.000 Fehlzeiten aufgrund psychischer Störungen – ein Anstieg von 15 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Wirtschaftliche Dimension: Eine Billion Dollar Verlust pro Jahr

Die wirtschaftlichen Folgen sind gewaltig. Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (OIT) zufolge gehen weltweit jährlich rund 12 Milliarden Arbeitstage durch depressionen und Angstzustände verloren. Die Kosten für die Weltwirtschaft werden auf fast eine Billion US-Dollar beziffert.

Das DGUV Barometer 2026 unterstreicht die Bedeutung von Prävention. Neun von zehn Beschäftigten betrachten Arbeitsschutz als wesentlichen Faktor für die Krisenresilienz von Unternehmen. Dennoch gaben 50 Prozent der Befragten Stress als dauerhafte Belastung an. 22 Prozent berichteten sogar von Gewalterfahrungen am Arbeitsplatz.

Medizinische Ausbildung: Innere Medizin verliert an Attraktivität

Die schwindende Attraktivität des Sektors zeigt sich auch in der Ausbildung. In Spanien wurden im MIR-Verfahren 2026 die Ausbildungsplätze für Innere Medizin deutlich später besetzt als früher. Waren 2015 die Plätze bereits bei Ranglistenplatz 4.789 vergeben, wurden 2026 Plätze noch bis zur Nummer 8.460 besetzt.

Ärztevertreter nennen als Gründe die hohe Arbeitsbelastung, die Vielzahl an Bereitschaftsdiensten und die mangelnden Verdienstmöglichkeiten im Vergleich zu anderen Fachrichtungen im privaten Sektor.

Systemkrise: bis zu 100.000 Behandlungsfehler pro Jahr in Italien

Die gesammelten Daten zeichnen das Bild eines Sektors in der Abwärtsspirale. Die italienische Gewerkschaft UGL Salute warnt: Der Stress der Mediziner und der Einsatz von Honorarkräften könnten in über 54 Prozent der Notaufnahmen zu jährlich bis zu 100.000 Behandlungsfehlern führen. Die Forderungen nach unbefristeten Verträgen und international angeglichenen Gehältern werden lauter.

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Einblick in den Alltag gibt die im Mai 2026 erschienene Publikation der Pflegekraft Natascha Rustenbach. Nach drei Jahrzehnten im Beruf beschreibt sie neben dem Personalmangel auch Übergriffe und Sexismus im Klinikalltag. Dies deckt sich mit den Befunden des ÖBVP, wonach chronische Einsamkeit und soziale Isolation in Belastungssituationen einen Teufelskreis aus Depression und Sucht befeuern können.

Wirtschaftsexperten warnen zudem: Klassische Mitarbeiter-Benefits allein lösen das Problem nicht. Sandra Strauss vom Urban Sports Club betonte auf dem New Work Summit im Mai 2026, dass Zusatzleistungen kein Ersatz für eine angemessene Grundvergütung sein dürfen. Flexible Arbeitszeiten und Gesundheitsangebote seien zwar hoch im Kurs, müssten aber strategisch in die Unternehmenskultur eingebettet werden.

Ausblick: Strategische Neuausrichtung bis 2030

Für die Jahre 2027 bis 2030 zeichnet sich eine strategische Neuausrichtung vieler Organisationen ab. Matthias Jäger, Anfang des Jahres zum Stiftungsratspräsidenten von Pro Mente Sana gewählt, sieht die Förderung der psychischen Gesundheit und die Entstigmatisierung von Erkrankungen als zentrale Säulen.

Auch Krankenkassen engagieren sich verstärkt in der Prävention – etwa durch Förderprogramme für nachhaltige und gesunde Ernährung in großen Kliniken wie der Charité, um die Resilienz der Belegschaft zu stärken.

Die Herausforderung für Politik und Krankenhausbetreiber wird sein, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass erfahrene Fachkräfte im System bleiben. Ohne signifikante Verbesserungen bei Planungssicherheit und eine Reduktion der physischen und psychischen Gefährdungspotenziale dürfte sich der Trend zur Abwanderung in den Privatsektor oder ganz aus dem Gesundheitswesen weiter beschleunigen. Die globalen Kosten der Untätigkeit übersteigen bereits heute bei weitem die notwendigen Investitionen in präventiven Arbeitsschutz und stabile Beschäftigungsverhältnisse.

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