Cannabis: Haare aus Sibirien zeigen Konsum vor 2.800 Jahren
Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 06:45 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDas Grab Tunnug 1 und seine Funde
- Forschende untersuchten Haare von Bestatteten aus dem skythischen Fürstengrab Tunnug 1 in Südsibirien.
- Im Grab wurden mehr als 1.000 Hanfsamen gefunden, deren Alter auf rund 2.800 Jahre bestimmt wurde.
- Die Untersuchung erfasste Cannabinol und schwache THC-Hinweise, ließ aber THC-Gehalt und Konsumform offen.
Menschen haben einer neuen Analyse zufolge vermutlich schon vor rund 2.800 Jahren Cannabis konsumiert. In Haaren von Bestatteten aus dem monumentalen Fürstengrab Tunnug 1 im Süden Sibiriens fanden Forschende Spuren von Cannabinol und schwache Hinweise auf THC.
Haarproben liefern Hinweise auf Rauschkonsum
Das Team um Gino Caspari vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena und der Universität Bern untersuchte die Überreste aus dem Grab, das der skythischen Kultur zugerechnet wird. Zusätzlich fanden die Forschenden dort mehr als 1.000 Hanfsamen; mehrere Samen wurden auf ein Alter von rund 2.800 Jahren datiert.
Die molekularen Spuren in den Haaren und die Samen stammten aus demselben Grab und legten nahe, dass Cannabis wegen seiner berauschenden Wirkung verwendet worden sei, erklärte Caspari. Die Ergebnisse veröffentlichte das Team im Fachjournal „Science“.
THC-Gehalt bleibt unbekannt
In den Haarproben zeigten sich deutliche Signale für Cannabinol. Dieses Abbauprodukt entsteht, wenn THC mit Sauerstoff reagiert. Die Hinweise auf THC selbst waren dagegen schwach.
Aus den Befunden lässt sich deshalb nicht ableiten, wie hoch der THC-Gehalt der damaligen Pflanzen war. Auch die Art und Häufigkeit des Konsums bleiben offen.
Grab verweist auf aufwendige Rituale
Tunnug 1 gilt als eines der größten und ältesten Herrschergräber der Region. Im Zentrum des Grabhügels legten die Forschenden vier Holzstrukturen mit drei Einzelbestattungen und einer Mehrfachbestattung frei.
Auf dem Grabhügel wurden zahlreiche Pferde geopfert. Verstreute menschliche Knochen deuten nach Einschätzung der Studienautoren zudem möglicherweise auf Menschenopfer hin. Cannabis könnte dabei zur Beruhigung der vorgesehenen Personen gedient haben; ebenso denkbar sei, dass der Geruch der Pflanzen den Geruch verwesender Körper überdecken sollte.
Frühere Funde und weitere Analysen
Auch im skythischen Grab von Pasyryk im Altaigebirge wurden Hanfsamen gefunden. In Gräbern des Jirzankal-Friedhofs im Pamir-Gebirge wiesen Forschende 2019 Cannabis-Rückstände in Gefäßen nach, die auf eine rituelle Nutzung durch Erhitzen auf Steinen hindeuteten.
Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtete bereits von Skythen, die Hanf auf glühende Steine warfen und den Dampf einatmeten. Das Forschungsteam um Caspari will nun das Erbgut einiger Pflanzenproben entschlüsseln, um mehr über die Kultivierung und Verbreitung des Hanfs zu erfahren.
Der Fund aus dem südsibirischen Grab Tunnug 1 erweitert die archäologischen Hinweise auf die Nutzung von Cannabis in der frühen Eisenzeit. Samen allein würden noch keinen Rauschkonsum belegen, weil Hanf auch als Rohstoff für Fasern, Nahrung und Öl diente. Erst die Kombination mit molekularen Spuren in menschlichem Haar liefert einen zusätzlichen Hinweis darauf, dass zumindest einige Menschen die psychoaktiven Eigenschaften der Pflanze kannten.
Ritueller Kontext bleibt offen
Das Grab gehört zur skythischen Kultur, deren Bestattungsrituale mit aufwendigen Tieropfern verbunden waren. Die Forschenden halten es für möglich, dass Cannabis in diesem Umfeld eine rituelle Funktion hatte, etwa zur Beruhigung von Menschen, die für Opferhandlungen vorgesehen waren. Diese Deutung bleibt eine Hypothese, weil weder die konkrete Form des Konsums noch die Absicht der Beteiligten aus den Funden hervorgeht.
Auch die chemischen Ergebnisse setzen der Interpretation Grenzen: Die Haarproben enthielten deutliche Signale von Cannabinol und nur schwache Hinweise auf THC. Daraus lassen sich weder der ursprüngliche THC-Gehalt der Pflanzen noch Dosis, Aufnahmeweg oder Wirkung zuverlässig rekonstruieren. Frühere Funde aus dem Altaigebirge und dem Pamir stützen jedoch das Bild, dass Cannabis in Teilen Eurasiens bereits vor mehr als zwei Jahrtausenden in sozialen oder rituellen Zusammenhängen verwendet wurde.
Archäologie klärt die Verbreitung
Die geplante Analyse des Erbguts der Pflanzen könnte zeigen, aus welchen Linien der Hanf stammte und wie sich die Pflanze in der Region verbreitete. Für die Forschung ist der Fund deshalb nicht nur ein Hinweis auf frühe Rauschpraktiken, sondern auch ein Ansatzpunkt zur Geschichte der Kultivierung und Nutzung von Cannabis.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
FOCUS online: „2800 Jahre altes Grab liefert frühesten Cannabis-Nachweis – wohl zur Beruhigung von Menschenopfern“ (07.11.2026)
Der Beitrag hebt den Fund von rund 1.000 Samen und die Wirkstoffspuren in Haaren hervor. Als Schwerpunkt nennt er die mögliche Beruhigung von Menschenopfern, betont aber zugleich, dass diese Deutung nicht abschließend nachgewiesen sei.
SWR: „Nachweis für Cannabiskonsum vor 2800 Jahren“ (06.11.2026)
Der Beitrag ordnet den Fund im Verhältnis zu früheren Cannabisfunden und zum Bericht Herodots über die Skythen ein. Anders als der FOCUS-Beitrag stellt er die Frage nach einem wirklich direkten Nachweis ausführlicher heraus und verweist auf die weiterhin offenen Fragen zu Produkt, Konsumform und Zweck.
Beide Beiträge stimmen darin überein, dass Haare und Samen aus dem Grab einen ungewöhnlich starken Hinweis auf die frühe psychoaktive Nutzung von Cannabis liefern. Unterschiede bestehen vor allem bei der Gewichtung des möglichen Ritualkontexts und bei der Frage, wie direkt der Nachweis wissenschaftlich genannt werden sollte.
