Casgevy: Erster Patient in Deutschland mit Crispr-Gentherapie behandelt
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 14:53 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAn der Berliner Charité ist erstmals in Deutschland ein Patient mit dem Crispr-basierten Medikament Casgevy behandelt worden und nach Angaben des UniversitÀtsklinikums derzeit nicht mehr auf Bluttransfusionen angewiesen.
19-JÀhriger mit Beta-ThalassÀmie
Der 19-jÀhrige Mohammed leidet an der genetisch bedingten Bluterkrankung Beta-ThalassÀmie. Nach der Behandlung habe sich auch sein Immunsystem regeneriert, erklÀrte die Charité; dem Patienten gehe es aktuell sehr gut.
Die Entwicklerinnen der Crispr-Methode, Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna, erhielten dafĂŒr 2020 den Nobelpreis. Das Medikament Casgevy ist in der EuropĂ€ischen Union seit 2024 fĂŒr bestimmte Patienten ab zwölf Jahren mit Sichelzellkrankheit oder Beta-ThalassĂ€mie zugelassen.
Stammzellen im Labor verÀndert
Bei Beta-ThalassĂ€mie ist das Gen fĂŒr HĂ€moglobin fehlerhaft. Der eisenhaltige Proteinkomplex in roten Blutkörperchen transportiert Sauerstoff. Bei schwerer AusprĂ€gung kann die Erkrankung lebensbedrohlich sein und unter anderem MĂŒdigkeit, Schmerzen, Entwicklungsstörungen sowie eine schĂ€dliche EisenĂŒberladung der Organe verursachen.
Nach Angaben der CharitĂ© werden weltweit jedes Jahr rund 60.000 Kinder mit schwerer Beta-ThalassĂ€mie geboren. Betroffene benötigen hĂ€ufig etwa alle drei Wochen Bluttransfusionen. Eine Stammzelltransplantation kann die Krankheit heilen, kommt aber vor allem fĂŒr jĂŒngere Patienten infrage. Mohammed war dafĂŒr bereits zu alt.
Behandlung dauert etwa zwölf Monate
Im Mai 2026 wurde dem 19-JĂ€hrigen an der CharitĂ© erstmals das Medikament mit dem Wirkstoff Exagamglogene Autotemcel verabreicht. DafĂŒr wurden Stammzellen aus seinem Knochenmark entnommen, im Labor genetisch verĂ€ndert und anschlieĂend wieder per Infusion in den Körper eingebracht. Insgesamt erhielt Mohammed nach Klinikangaben 900 Millionen solcher Stammzellen.
Bis die verĂ€nderten Zellen vollstĂ€ndig HĂ€moglobin produzieren, könne etwa ein halbes Jahr vergehen. Die gesamte Behandlung erstrecke sich ĂŒber ungefĂ€hr zwölf Monate. Die NobelpreistrĂ€gerin Emmanuelle Charpentier besuchte den Patienten nach Angaben der CharitĂ© persönlich.
Chemotherapie und lange Nachbeobachtung
Vor der RĂŒckgabe der Stammzellen ist eine Chemotherapie notwendig, um Platz im Knochenmark zu schaffen. Sie kann schmerzhafte EntzĂŒndungen der SchleimhĂ€ute und LeberschĂ€den verursachen und macht mit einiger Wahrscheinlichkeit unfruchtbar.
FĂŒr die Gentherapie liegen nach Angaben der CharitĂ© noch keine langfristigen Daten zu Sicherheit und Wirkung vor. Casgevy ist deshalb an Bedingungen geknĂŒpft, darunter eine Nachbeobachtung ĂŒber 15 Jahre. Die gesetzlichen Krankenkassen ĂŒbernehmen die Behandlungskosten; die Klinik muss dafĂŒr einen speziellen Antrag stellen.
Begrenzte KapazitÀten
Experten weisen zudem auf die hohe KomplexitĂ€t und den erheblichen logistischen Aufwand hin. Joachim Kunz vom UniversitĂ€tsklinikum Heidelberg erklĂ€rte, die Therapie werde wegen der benötigten Ressourcen voraussichtlich nicht unbegrenzt ausgeweitet werden können und pro Jahr nur einer begrenzten Zahl von Patienten zur VerfĂŒgung stehen.
Ein Durchbruch mit begrenzter Reichweite
Die Behandlung markiert einen wichtigen Schritt der personalisierten Gentherapie: Nicht ein fertiges Gen wird in den Körper eingebracht, sondern körpereigene Blutstammzellen werden auĂerhalb des Körpers gezielt verĂ€ndert. Nach der RĂŒckgabe sollen sie dauerhaft rote Blutkörperchen mit funktionsfĂ€higem HĂ€moglobin bilden. Damit zielt die Therapie auf die Ursache der Erkrankung und nicht nur auf deren Folgen.
FĂŒr Betroffene kann das erhebliche VerĂ€nderungen bedeuten. RegelmĂ€Ăige Transfusionen entfallen möglicherweise, ebenso die damit verbundene EisenĂŒberladung und die langfristige Belastung durch Krankenhausbehandlungen. Casgevy ist jedoch keine einfache Infusion: Die Entnahme, Laborbearbeitung und RĂŒckgabe der Stammzellen erfordern spezialisierte Zentren. Vorherige Chemotherapie schafft Platz im Knochenmark und bringt eigene, teils dauerhafte Risiken mit sich.
Langzeitbeobachtung bleibt entscheidend
Die Behandlung richtet sich deshalb zunĂ€chst an ausgewĂ€hlte Patienten, bei denen herkömmliche Möglichkeiten nicht ausreichen oder nicht infrage kommen. Hohe Kosten, komplexe AblĂ€ufe und begrenzte KapazitĂ€ten setzen einer schnellen Verbreitung Grenzen. FĂŒr die medizinische Bewertung zĂ€hlt zudem nicht nur, ob ein Patient zunĂ€chst transfusionsfrei wird, sondern ob der Effekt ĂŒber viele Jahre anhĂ€lt.
Die vorgeschriebene Langzeitnachbeobachtung ist besonders relevant, weil genetische VerĂ€nderungen in Stammzellen dauerhaft wirken können. Die Erfahrungen aus Berlin werden daher sowohl fĂŒr den einzelnen Patienten als auch fĂŒr die Frage bedeutsam sein, wie sicher, zugĂ€nglich und wirtschaftlich solche Therapien kĂŒnftig in Deutschland eingesetzt werden können.
