Chemotherapie-Nebenwirkungen: Psilocybin schĂŒtzt Nerven acht Monate
Veröffentlicht am: 08.09.2026 um 12:04 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Ein Forschungsteam am MD Anderson Cancer Center in den USA hat in prÀklinischen Modellen einen möglichen Ansatz gegen eine der belastendsten Nebenwirkungen der Krebstherapie identifiziert: die chemotherapie-induzierte periphere Neuropathie (CIPN).
Eine im Fachjournal Science veröffentlichte Studie unter Beteiligung von Mario Heles sowie unter Co-Leitung von Moran Amit und Patrick Dougherty zeigt, dass Psilocybin bei MÀusen vorbeugend gegen NervenschÀden wirken kann, die durch das Chemotherapeutikum Cisplatin verursacht werden.
Zwei Dosen mit langanhaltendem Schutz
Laut der Studie verhinderten zwei prophylaktische Dosen Psilocybin, die vor Beginn der Chemotherapie verabreicht wurden, bei MĂ€usen die mechanische Ăberempfindlichkeit, die typischerweise durch Cisplatin ausgelöst wird.
Der Schutz hielt den Forschenden zufolge ĂŒber sechs Chemotherapie-Zyklen und bis zu acht Monate an. Die Substanz schĂŒtzte demnach sensorische Nervenenden, bewahrte den Tastsinn und verhinderte Ăberempfindlichkeit gegenĂŒber KĂ€lte â ohne dabei die Antitumorwirkung der Chemotherapie zu beeintrĂ€chtigen.
Als Wirkmechanismus identifizierte das Team den 5-HT2A-Rezeptor: Psilocybin erhÀlt demnach den Mitochondrientransport entlang der Nervenfasern, der durch die Chemotherapie sonst gestört wird. Ex-vivo-Untersuchungen an menschlichem Nervengewebe bestÀtigten laut den Forschenden, dass derselbe Signalweg auch beim Menschen existiert.
Nicht-halluzinogene Alternative im Blick
Bemerkenswert ist, dass auch ein nicht-halluzinogener 5-HT2A-Agonist namens Tabernanthalog (TBG) in der Studie einen Ă€hnlichen Schutzeffekt zeigte. Dieser Befund könnte relevant sein, weil er einen möglichen Weg aufzeigt, die schĂŒtzende Wirkung ohne die psychoaktiven Effekte von Psilocybin nutzbar zu machen â ein Aspekt, der fĂŒr eine spĂ€tere klinische Anwendung von Bedeutung sein dĂŒrfte.
CIPN gilt als eine der hÀufigsten und am schwersten zu behandelnden Nebenwirkungen platinbasierter Chemotherapien. Nach Angaben der Forschenden sind bis zu 60 Prozent der Patienten, die mit solchen Wirkstoffen behandelt werden, davon betroffen.
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Bislang existieren nur begrenzte Behandlungsoptionen fĂŒr die Erkrankung, die sich durch TaubheitsgefĂŒhle, Kribbeln und Schmerzen in HĂ€nden und FĂŒĂen Ă€uĂert und die LebensqualitĂ€t von Krebspatienten oft langfristig beeintrĂ€chtigt.
Klinische PrĂŒfung am Menschen geplant
Die bisherigen Ergebnisse stammen ausschlieĂlich aus prĂ€klinischen Modellen an MĂ€usen; klinische Tests am Menschen haben nach Angaben von MD Anderson noch nicht stattgefunden.
Das Zentrum plant jedoch eine klinische Phase-2-Studie mit dem Namen NeuroGuard (Registrierungsnummer NCT07227909), an der rund 80 Patientinnen und Patienten mit Brust-, Darm- sowie Kopf-Hals-Tumoren teilnehmen sollen. Der Start der Studie ist fĂŒr November vorgesehen, erste Ergebnisse werden Anfang 2029 erwartet.
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Reaktionen aus der Fachwelt
In Deutschland Ă€uĂerte sich Dirk JĂ€ger vom Nationalen Centrum fĂŒr Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg zu den Befunden und bezeichnete eine mögliche BestĂ€tigung der Studienergebnisse als Riesengewinn fĂŒr die Onkologie.
In der Schweiz sehen Adrian Ochsenbein vom Inselspital Bern und Johannes Jungwirth grundsĂ€tzliches Potenzial in dem Ansatz, verweisen zugleich aber auf Herausforderungen bei einer praktischen Anwendung. Beide Experten betonten, dass erste klinische Studien am Menschen in den USA begonnen hĂ€tten, die zeigen mĂŒssten, ob sich die im Tiermodell beobachteten Effekte ĂŒbertragen lassen.
Bis zur möglichen Zulassung eines solchen Ansatzes fĂŒr Patienten dĂŒrfte es angesichts des noch ausstehenden klinischen PrĂŒfprozesses und des Zeithorizonts der NeuroGuard-Studie noch mehrere Jahre dauern.
