Chronische, Darmschmerzen

Chronische Darmschmerzen: Makrophagen halten sie auch ohne Entzündung aufrecht

Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 20:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Mausversuche zeigen, wie Darmmakrophagen über NGF Schmerznerven sensibilisieren; eine Wirksamkeit beim Menschen ist bislang nicht belegt.
Mikroskopische Aufnahme von biologischem Gewebe mit komplexen Faserstrukturen der Darmwand. Illustration mit AI erstellt.

Chronische Bauchschmerzen belasten Betroffene von Darmerkrankungen oft auch dann noch, wenn akute Entzündungsreaktionen klinisch bereits abgeklungen sind.

Eine am 23. Oktober 2026 im Fachjournal Science Immunology erschienene Studie einer Forschungsgruppe um Liyan Wu liefert eine molekulare Erklärung für dieses Phänomen: Spezifische, im Gewebe ansässige CX3CR1?-Makrophagen in der Darmwand können Schmerzzustände rein über mechanische Reize und unabhängig von aktiven Entzündungsprozessen aufrechterhalten.

Mechanischer Reiz aktiviert Schmerznerven über Wachstumsfaktoren

Dem von Liyan Wu und dem Forschungsteam beschriebenen Mechanismus liegt eine veränderte Gewebestruktur zugrunde. Kommt es infolge einer Colitis oder Gewebeverletzung zu einer Versteifung der Darmwand, reagiert der Mechanosensor Piezo1 auf den Makrophagen. Durch das Öffnen dieses Ionenkanals strömt Calcium in die Zellen, woraufhin der Transkriptionsfaktor NF-?B die Produktion des Nervenwachstumsfaktors NGF ankurbelt.

Dieser Wachstumsfaktor bindet an TrkA-Rezeptoren auf TRPV1?-Schmerznerven in der Darmwand. Infolgedessen sprossen die Nervenfasern weiter aus und senken ihre Reizschwelle für Schmerz signifikant ab.

Den Daten zufolge entfalten ausschließlich jene Makrophagen diese Wirkung, die sich in unmittelbarer räumlicher Nachbarschaft zu den Nervenfasern befinden; neu in das Gewebe einwandernde Immunzellen lösten den Effekt hingegen nicht aus.

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Dass dieser Signalweg unabhängig von Immunreaktionen funktioniert, belegten die Versuche anhand eines Zymosan-Modells mit nur geringer Entzündung, in dem die mechanische Reizung allein ausreichte, um chronischen Schmerz zu verursachen.

Erkenntnisse aus experimentellen Tiermodellen

Zur Untersuchung der Schmerzmechanismen setzte die Arbeitsgruppe unter anderem auf ein Modell der Colitis, bei dem Mäuse über sieben Tage hinweg 2,5 Prozent Dextran-Sulfat-Natrium über das Trinkwasser erhielten. Das Schmerzempfinden wurde anschließend über eine kontrollierte Ballondistension im Bereich von 20 bis 80 Mikrolitern in Kombination mit elektromyographischen Messungen erfasst.

In gezielten Eingriffen gelang es dem Team, die viszerale Hypersensitivität sowohl in entzündlichen als auch in nichtentzündlichen Modellen vollständig aufzuheben. Dies geschah durch das genetische Ausschalten von Piezo1 oder dem Gen Ngf in den Makrophagen sowie durch die Deaktivierung des Gens Ntrk1 in den TRPV1?-Nervenfasern.

Parallel dazu identifizierte eine Forschungsgruppe um Heng Xu am Ninth People's Hospital in Shanghai ebenfalls einen neuronalen Schaltkreis, der anhaltende Beschwerden bei Colitis ulcerosa trotz nachlassender Entzündung erklären könnte, wenngleich hierzu noch wenige publizierte Detaildaten vorliegen.

Therapeutische Hürden und Übertragbarkeit

Bereits eine frühere Untersuchung aus dem Jahr 2011 hatte Hinweise auf veränderte Schmerzmechanismen bei ruhender Erkrankung geliefert. In einem Vergleich von 19 Personen mit Colitis ulcerosa in Remission und 17 Kontrollpersonen zeigten sich bei Barostat-Dehnungen erhöhte sensorische Reaktionen sowie eine Anhäufung von Mastzellen nahe Nervenendigungen, wobei der statistische Zusammenhang seinerzeit schwach ausfiel.

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Trotz der neuen Erkenntnisse zur NGF-Achse mahnen Fachleute zur Zurückhaltung hinsichtlich schneller Therapien. Die kausalen Zusammenhänge von Liyan Wu und Kollegen wurden ausschließlich an Mäusen nachgewiesen; klinische Belege für eine Wirksamkeit beim Menschen stehen aus.

Zudem verliefen frühere Versuche mit systemischen NGF-Blockern in der Humanmedizin problematisch: Der Wirkstoff Tanezumab wurde unter anderem gegen Schmerzen bei Knochenmetastasen klinisch erprobt, das Entwicklungsprogramm nach regulatorischen Bewertungen jedoch eingestellt. Wie sich der neu beschriebene lokale Mechanismus im Darm gezielt und nebenwirkungsarm beeinflussen lässt, bleibt Gegenstand künftiger Forschung.

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