Chronische Wunden: LED-Licht steuert die Abgabe von Chlorhexidin
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 22:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die gezielte Versorgung schwer heilender Wunden stellt das Gesundheitswesen vor anhaltende Herausforderungen. Einen detaillierten Einblick in neue technologische Lösungsansätze bietet eine wissenschaftliche Publikation im Fachjournal Advanced Functional Materials (Band 36, Ausgabe 38, e31727, 2026).
Forschende der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in St. Gallen beschreiben darin ein Materialsystem, das medizinische Wirkstoffe erst bei Bestrahlung mit sichtbarem Licht abgibt und als Bestandteil neuartiger Wundpflaster vorgesehen ist.
Nanopartikel und molekulare Fotoschalter
Das an der Empa-Abteilung Biomimetic Membranes and Textiles entwickelte System basiert auf Siliziumdioxid-Nanopartikeln. Ein Forschungsteam um Luciano Boesel und Giorgia Giovannini belud diese Partikel mit dem Wunddesinfektionsmittel Chlorhexidin. Die Nanoträger wurden anschließend mit einem speziellen Polymermantel versehen, der molekulare Fotoschalter enthält.
Das Funktionsprinzip beruht auf einer lichtinduzierten Strukturveränderung: Trifft sichtbares LED-Licht auf das Material, verändert der Mantel seine Beschaffenheit, quillt auf und wird wasserdurchlässig. In der Folge tritt das eingeschlossene Chlorhexidin aus. Wird die Lichtquelle abgeschaltet, stoppt der Prozess und die Wirkstoffabgabe wird unterbrochen.
Über die Dauer, die Intensität sowie die Wellenlänge der Lichteinstrahlung lassen sich sowohl der genaue Zeitpunkt als auch die Dosierung präzise regulieren. Ein wesentlicher Vorteil dieser zielgenauen Dosierung besteht darin, das Risiko von Resistenzbildungen bei bakteriellen Erregern zu verringern.
Medizinischer Bedarf bei chronischen Verläufen
Chronische Wunden stellen für Betroffene eine erhebliche Belastung dar. Während unkomplizierte Verletzungen bei gesunden Personen in der Regel innerhalb von ein bis zwei Wochen abheilen, ist eine chronische Wunde dadurch definiert, dass sie über mehr als vier Wochen hinweg nicht verheilt.
Chronische Wunden heilen über vier Wochen nicht — und jeder Verbandswechsel kostet Zeit und belastet die Betroffenen. Ein Forschungsteam der Empa hat ein Materialsystem vorgestellt, das Chlorhexidin erst bei Bestrahlung mit sichtbarem LED-Licht freisetzt und die Abgabe über Dauer, Intensität und Wellenlänge steuert. Was das für die Praxis bedeutet und wo die Entwicklung heute steht, lesen Sie in unserem kostenlosen Leitfaden. Leitfaden zur modernen Wundversorgung jetzt anfordern
Häufig sind Verbandswechsel mindestens alle drei Tage erforderlich, wobei sich die Behandlung nicht selten über einen Zeitraum von bis zu einem Jahr erstreckt. Ein zentraler Risikofaktor ist Diabetes mellitus, eine Erkrankung, von der in der Schweiz über 500'000 Menschen betroffen sind.
Trotz der im Labor erzielten Ergebnisse befindet sich die Entwicklung noch in einem frühen Stadium. Das System wurde bislang ausschließlich im Reagenzglas erprobt. Bis zu einer möglichen Zulassung in der Schweiz sind eine Anpassung an reale klinische Anforderungen sowie mehrere Phasen klinischer Studien erforderlich. Fachleute gehen davon aus, dass dieser Prozess noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen dürfte.
Perspektiven für eine personalisierte Wundversorgung
Langfristig zielt das Vorhaben auf eine integrierte und personalisierte Therapie ab. Vorgesehen ist unter anderem die Kombination des lichtaktivierbaren Materials mit einem Wundsensor, der an der Empa im Jahr 2025 entwickelt wurde. Nach Angaben des Forschers Luciano Boesel ließe sich das Pflaster künftig mit unterschiedlichen Wirkstoffen beladen, die durch Licht verschiedener Wellenlängen gezielt freigesetzt werden könnten.
Ungezielte Antibiotika-Gabe bei infizierten Wunden treibt die Resistenzbildung voran. Das neue lichtaktivierbare Materialsystem setzt Chlorhexidin nur dann frei, wenn LED-Licht auf den Polymer-Mantel trifft — Licht aus, Abgabe gestoppt. Unser kostenloser Leitfaden ordnet ein, was heute im Wundmanagement gilt und welche Fragen Sie zur personalisierten Wundversorgung stellen sollten. Checkliste Verbandswechsel und Wirkstoff-Dosierung sichern
Unterstützt werden die Forschungsarbeiten durch Mittel des Schweizerischen Nationalfonds sowie der OPO-Stiftung im Rahmen des Projekts STERILISE.
