D-Serin bei Àlteren MÀusen: GedÀchtnistest steigt von 40 auf 60 Prozent
Veröffentlicht am: 12.10.2026 um 23:11 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Der altersbedingte kognitive und körperliche Verfall wird maĂgeblich von Prozessen im Gehirn gesteuert. Wissenschaftliche Untersuchungen liefern detaillierte Einblicke in die molekularen Mechanismen des Alterns. Im Fokus steht dabei das Protein Menin, dessen Konzentration im Alter spezifisch in Neuronen des ventromedialen Hypothalamus (VMH) abnimmt.
WĂ€hrend Astrozyten und Mikroglia diesen Verlust nicht aufweisen, steuert dieser RĂŒckgang weitreichende Alterungsprozesse im Organismus. Menin, das vom bereits 1997 klonierten und lange primĂ€r als Tumorsuppressor erforschten MEN1-Gen kodiert wird, rĂŒckt damit als zentraler Schalter fĂŒr AlterungsvorgĂ€nge in den Blickpunkt.
Menin-Verlust beschleunigt Alterungsprozesse
Untersuchungen eines Forschungsteams um Lige Leng an der Xiamen-UniversitĂ€t aus dem MĂ€rz 2023 verdeutlichen die Tragweite dieses Signalwegs. In Tierversuchen fĂŒhrte eine gezielte Menin-Deletion beziehungsweise ein Knockout in MĂ€usen zu vorzeitiger Alterung.
Die Tiere entwickelten EntzĂŒndungen, eine dĂŒnnere Haut, einen RĂŒckgang der Knochenmasse sowie Muskelatrophie. Zudem traten Seneszenz in Leber, Herz und Muskeln, kognitive Defizite sowie ein frĂŒherer Tod auf.
Dass diese Prozesse theoretisch modulierbar sind, belegten weitere Versuche der Forschergruppe. Eine virale Wiederherstellung von Menin bei 20 Monate alten MĂ€usen kehrte innerhalb von 30 Tagen Verluste bei Knochendichte, Hautdicke, Motorik, Balance und Kognition um.
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Die mediane Lebensspanne der Tiere stieg dabei von etwa 850 auf rund 1000 Tage. Dies entspricht einem Zuwachs von 150 Tagen beziehungsweise 17 Prozent sowie einem Anstieg der verbleibenden Restlebenserwartung um 60 Prozent. Gleichzeitig verzeichneten die Wissenschaftler eine Zunahme der Hautdicke um 50 Prozent und eine Verdopplung der Knochenmasse.
Die Bedeutung dieser Hirnregion untermauern auch breiter angelegte neurobiologische Daten. Im Januar 2025 identifizierte eine in Nature erschienene Studie des Allen Institute, die rund 1,2 Millionen Gehirnzellen von MĂ€usen analysierte, den Hypothalamus am dritten Ventrikel als Alterungszentrum mit besonders vulnerablen Neuronen.
D-Serin als Mediator fĂŒr kognitive Funktionen
Ăber welchen biochemischen Weg Menin die Kognition beeinflusst, konnte das Team der Xiamen-UniversitĂ€t ebenfalls nachweisen: Menin steuert das Enzym PHGDH und reguliert darĂŒber die VerfĂŒgbarkeit der AminosĂ€ure D-Serin fĂŒr NMDA-Rezeptoren im Hippocampus. D-Serin fungiert dort als Ko-Agonist an NMDA-Rezeptoren und wirkt maĂgeblich auf die synaptische PlastizitĂ€t sowie die GedĂ€chtnisbildung ein.
In den Experimenten der UniversitĂ€t fĂŒhrte eine dreiwöchige Gabe von D-Serin ĂŒber das Trinkwasser zu verbesserten GedĂ€chtnis- und Lernleistungen bei Ă€lteren MĂ€usen. Auf periphere Gewebe wie Knochen oder Haut zeigte die alleinige AminosĂ€uren-Gabe hingegen keine Effekte.
Bei einer oralen Dosis von 100 mg/kg ĂŒber drei Wochen verbesserte sich der Wert im sogenannten Y-Maze-Test von 40 Prozent auf 60 Prozent, was einem relativen Anstieg von 50 Prozent bei einer EffektstĂ€rke von Cohen's d gröĂer als 1,0 entspricht. Umgerechnet auf eine Ăquivalenzdosis fĂŒr den Menschen entspricht dies etwa 8 mg/kg oder einer menge von 500 bis 600 mg pro Tag fĂŒr Erwachsene.
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Offene Fragen zur Ăbertragbarkeit und Risiken
Trotz der beachtlichen Effekte im Tiermodell mahnen die Forscher zur ZurĂŒckhaltung. Eine Humanvalidierung der Befunde steht bislang aus. FrĂŒhere Humanstudien zum Einsatz von D-Serin zeigten zudem lediglich bescheidene sowie inkonsistente Ergebnisse, und die langfristige Sicherheit beim Menschen bleibt unklar.
Hinzu kommen substanzspezifische Risiken: In Nagermodellen wurde unter D-Serin NephrotoxizitĂ€t beobachtet. DarĂŒber hinaus besteht bei bestehender Alzheimer-Pathologie die Gefahr einer NMDA-ExzitotoxizitĂ€t durch eine Ăberaktivierung der Rezeptoren. Ob und wie sich diese Erkenntnisse therapeutisch nutzen lassen, bedarf daher weiterer systematischer ĂberprĂŒfungen.
