Darmentzündungen, Antikörper-Signaturen

Darmentzündungen: Antikörper-Signaturen könnten Erkrankungen zehn Jahre früher zeigen

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 02:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine Blutstudie fand unterschiedliche Immunprofile bis zu zehn Jahre vor Morbus Crohn und Colitis ulcerosa; ein klinischer Test fehlt noch.
Reagenzgläser in einem medizinischen Labor stehen in einem Metallständer vor einem unscharfen Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa betreffen weltweit mindestens 3,8 Millionen Menschen. Bislang erfolgt die Diagnose meist erst dann, wenn bereits deutliche klinische Beschwerden oder Gewebeschäden vorliegen.

Eine im Fachjournal Gut publizierte Forschungsarbeit, die im Oktober 2026 auf der Fachtagung UEG Week in Barcelona vorgestellt wurde, deutet nun darauf hin, dass charakteristische Antikörper-Signaturen im Blut bereits bis zu zehn Jahre vor dem klinischen Ausbruch messbar sind.

Langzeitdaten aus Blutarchiven

Die Untersuchung unter Leitung von Arno Bourgonje von der Universitätsmedizin Groningen und der Icahn School of Medicine at Mount Sinai stützt sich auf 2.000 Serumproben von 500 Personen. Diese stammten aus einem Archiv des US-Verteidigungsministeriums im Rahmen der US-Militärkohorte PREDICTS.

Der Datensatz umfasste 200 Probanden, die später an Morbus Crohn erkrankten, 200 spätere Colitis-ulcerosa-Fälle sowie 100 nach Alter und Geschlecht angeglichene gesunde Kontrollpersonen. Die Blutproben waren jeweils zum Diagnosezeitpunkt sowie rund zwei, vier und zehn Jahre vor der Feststellung der Erkrankung entnommen worden.

Mithilfe des Screening-Verfahrens PhIP-Seq analysierten die Wissenschaftler die Proben im Hinblick auf rund 357.000 Antigene und Peptidfragmente von Mikroorganismen, Viren, Nahrungsmitteln und körpereigenen Proteinen.

Im Zuge dieses Screenings konnten 123.980 einzigartige Antikörper identifiziert werden. Dabei fiel auf, dass Personen, die später erkrankten, im Vergleich zur Kontrollgruppe eine signifikant geringere Antikörperdiversität aufwiesen. Ab etwa vier Jahren vor der Diagnose zeigte sich bei beiden Erkrankungsformen ein zunehmend variableres Antikörperrepertoire.

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Spezifische Profile für Morbus Crohn und Colitis ulcerosa

Die Analysen offenbarten deutliche Unterschiede zwischen den Krankheitsbildern. Bei Personen mit späterem Morbus Crohn traten bereits bis zu zehn Jahre vor der Diagnose vermehrt Antikörper gegen das Epstein-Barr-Virus und andere Herpesviren sowie gegen bakterielles Flagellin auf. Das stärkste Signal zeigte sich bei Verläufen, die später eine ileale oder komplizierte Manifestation entwickelten.

Zeitlich nahe an der Diagnose ging hingegen die Antikörperreaktion gegen bekapselte Bakterien, darunter Streptococcus pneumoniae, Haemophilus und Neisseria, zurück.

Bei der späteren Colitis ulcerosa zeigte sich ein abweichendes Bild. Hier erfassten die Forscher ein kombiniertes Muster aus antimikrobiellen, antiviralen sowie Autoantikörper-Reaktionen, unter anderem gegen das MAP-Kinase-aktivierende Todesdomänen-Protein MADD, gepaart mit einer verringerten Reaktivität gegenüber bekapselten Pathogenen.

Mithilfe von Machine-Learning-Modellen gelang es den Forschenden, die späteren Erkrankungen rückblickend einzuordnen. Die Modelle erzielten bis zu zehn Jahre vor der Diagnose einen Wert für die Fläche unter der Kurve (AUC) von 0,90 für Morbus Crohn und 0,84 für Colitis ulcerosa. Bei Morbus Crohn lag der AUC-Wert für die Unterscheidung zwischen komplizierten und nicht-komplizierten Verläufen rund zehn Jahre vor der Manifestation bei 0,85.

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Validierung und klinische Perspektiven

Trotz der präzisen Muster betont Hauptautor Bourgonje, dass es sich noch um keinen fertigen klinischen Screeningtest handele. Die Ergebnisse lieferten keinen Nachweis über kausale Zusammenhänge und müssten zunächst in unabhängigen, breiter gefassten und diversen Bevölkerungsgruppen bestätigt werden. Als eine potenzielle erste Zielgruppe für zukünftige Testansätze gelten Verwandte ersten Grades von erkrankten Personen.

Dass familiäre Risikogruppen frühzeitige Immunmuster aufweisen können, deckt sich mit einer weiteren Arbeit aus der Fachzeitschrift Clinical Gastroenterology and Hepatology. Darin sagten erhöhte Antikörper gegen Flagellin bei gesunden erstgradigen Verwandten das Auftreten eines späteren Morbus Crohn voraus, wobei die formale Diagnose im Mittel rund 2,5 Jahre nach dem Antikörpernachweis gestellt wurde.

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