Darmerkrankungen: Antikörper im Blut zeigen Crohn bis zu zehn Jahre früher
Veröffentlicht am: 19.10.2026 um 19:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deVeränderungen im Immunsystem lassen sich bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen bereits lange vor den ersten klinischen Symptomen nachweisen. Neue wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass spezifische Antikörpermuster im Blut Hinweise auf eine spätere Erkrankung an Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa liefern können – und das bis zu zehn Jahre vor der eigentlichen Diagnosestellung.
Diese Erkenntnisse wurden von einem Forschungsteam um Dr. Arno Bourgonje auf der Fachtagung UEG Week 2026 in Barcelona vorgestellt und in der Fachzeitschrift Gut veröffentlicht.
Frühe Signaturen im Blutserum identifiziert
Die Untersuchung basiert auf der Analyse von 2.000 Serumproben von 500 Personen aus der Kohorte PREDICTS des US-Militärs. Darunter befanden sich jeweils 200 Probanden, die später an Morbus Crohn oder an Colitis ulcerosa erkrankten, sowie 100 alters- und geschlechtsgematchte gesunde Kontrollpersonen. Die Blutproben stammten aus Zeiträumen von etwa zwei, vier und zehn Jahren vor der Diagnose sowie vom Diagnosezeitpunkt selbst.
Mithilfe des Profilierungsverfahrens PhIP-Seq screenende das Studienteam die Proben gegen rund 357.000 mikrobielle, virale, nahrungs- und immunassoziierte Antigene. Insgesamt konnten 123.980 einzigartige Antikörper identifiziert werden. Dabei fiel auf, dass die Vielfalt der Antikörper bei den später erkrankten Personen im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant niedriger ausfiel.
Zudem stieg die Antikörpervariabilität etwa vier Jahre vor der Diagnose merklich an. Parallel dazu nahmen Immunantworten gegen bekapselte Bakterien wie Streptococcus pneumoniae, Haemophilus und Neisseria schrittweise ab.
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Unterschiede zwischen Morbus Crohn und Colitis ulcerosa
Die Analysen offenbarten spezifische Reaktionsmuster je nach Krankheitsbild. Bei Personen mit einem späteren Morbus Crohn zeigten sich verstärkte Reaktionen gegen Herpesviren, darunter das Epstein-Barr-Virus, sowie gegen Anti-Flagellin. Diese Auffälligkeiten waren besonders ausgeprägt, wenn später ein komplizierter oder ilealer Krankheitsverlauf mit Stenosen oder Fisteln auftrat.
Im Fall einer späteren Colitis ulcerosa registrierten die Forschenden hingegen vermehrt Reaktionen gegen Herpesviren und Autoantigene, unter anderem gegen das Protein MADD.
Mithilfe von Machine-Learning-Modellen gelang es, anhand der Biomarker künftige Erkrankungen von gesunden Kontrollen zu unterscheiden. Das Modell erreichte bei Morbus Crohn eine Trennschärfe (AUC) von 0,90 und bei Colitis ulcerosa einen Wert von 0,84. Die Differenzierung zwischen komplizierten und nicht-komplizierten Verläufen bei Morbus Crohn erzielte eine AUC von 0,85.
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Relevanz für Prävention und Therapieansätze
Weltweit sind laut Berichten von The Guardian mindestens 3,8 Millionen Menschen von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen betroffen. Dennoch dämpft das Studienteam verfrühte Hoffnungen auf eine rasche Anwendung im Praxisalltag.
Wie Dr. Bourgonje erläuterte, sei zunächst eine Validierung der Daten in unabhängigen und diverseren Populationen erforderlich. Ein einsatzbereiter klinischer Bluttest existiert bislang nicht. Zudem belegen die aktuellen Resultate lediglich eine Korrelation und keinen ursächlichen Zusammenhang.
Neben den Fortschritten in der Frühdiagnostik gibt es auch neue Entwicklungen im Bereich der Therapie. Auf der UEG Week 2026, die vom 17. bis 20. Oktober stattfand, stellte der Hersteller des Wirkstoffs Obefazimod Daten einer Phase-3-Studie bei Colitis ulcerosa vor. Das oral verabreichte Medikament fördert die Bildung von microRNA-124 und soll das Immungleichgewicht in der Darmschleimhaut wiederherstellen, wodurch anhaltende Remissionen erzielt wurden. Ein Zulassungsantrag für diesen therapeutischen Ansatz ist in den USA und in Europa noch für das Jahr 2026 geplant.
