Dauerstress im Management: Fünf Minuten Pause können den Alltag unterbrechen
Veröffentlicht am: 04.11.2026 um 00:48 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie psychologische Belastung durch überhöhte Erwartungen und ein dauerhaft angespanntes Verhältnis zur Arbeit rückt zunehmend in den Fokus arbeitsweltlicher Debatten. Zahlreiche Experten aus Psychotherapie, Neurowissenschaft und Führungskräfteberatung weisen darauf hin, wie wichtig das frühzeitige Erkennen persönlicher Leistungsgrenzen ist, um dauerhafter Erschöpfung vorzubeugen.
Gefahren von Perfektionismus und falscher Selbstoptimierung
Aus therapeutischer Sicht bergen ständige Selbstoptimierung und Perfektionismus erhebliche Risiken für die psychische Gesundheit. Die Psychotherapeutin Franca Cerutti weist darauf hin, dass Personen, die sich kontinuierlich selbst optimieren wollen, laut Studien anfälliger für Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Essstörungen sind.
Zudem kritisiert Cerutti, dass in der Arbeitswelt strukturelle Probleme häufig fälschlicherweise zu reinen Einstellungsfragen deklariert würden, wodurch die Verantwortung unzulässig auf den Einzelnen abgewälzt werde.
Um einen heilsamen Abstand zu den eigenen Herausforderungen zu gewinnen, empfiehlt Cerutti einen mentalen Perspektivwechsel hin zu einer wohlwollenden Zukunftsperspektive. Untersuchungen belegen, dass Menschen die Probleme von Freunden oft reflektierter und nachsichtiger beurteilen als ihre eigenen.
Passend dazu zeigte der Verhaltensforscher Hal Hershfield in Experimenten, dass Studierende nach einer Begegnung mit ihrem Zukunfts-Ich in einer virtuellen Umgebung nachhaltigere Entscheidungen in Bezug auf Finanzen, Gesundheit und Ethik trafen, was sich unter anderem in höherer Altersvorsorge und geringerem Alkoholkonsum äußerte.
Auch die Neurowissenschaftlerin Anne-Laure Le Cunff warnt vor starren Mustern. Es gebe keine allgemeingültige Zauberformel für das Vorankommen; statt des Fixierens auf monumentale Ziele plädiert sie für einen alternativen Ansatz und definiert gelingenden Erfolg dadurch, das eigene Leben im Einklang mit sich selbst zu gestalten.
Der Alarmmodus des Nervensystems und verborgene Erschöpfung
Häufig verschleiert das Gehirn chronische Überlastung über längere Zeiträume hinweg. Nach Angaben der Neurowissenschaftlerin Teresa Cramer vom Massachusetts Institute of Technology verharrt das Nervensystem bei Dauerstress in einer hohen Aktivierung. Dies führt dazu, dass Betroffene am Abend trotz physischer Müdigkeit nicht zur Ruhe kommen.
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Viele Beschäftigte führten abendliche Unruhezustände fälschlicherweise auf Kaffeekonsum zurück, obgleich dem Nervensystem in Wahrheit seit Wochen tiefgreifende Erholung fehle.
Besonders im Management wird Dauerstress oft mit produktiver Schaffensenergie verwechselt. Dieser Zustand manifestiert sich typischerweise durch Schlafprobleme, Unruhe in Arbeitsunterbrechungen, Phantomklingeln während des Urlaubs oder Gereiztheit im privaten Umfeld.
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Wenn Teams diesen Zustand spüren, reagieren sie häufig mit Rückzug oder Widerspruchslosigkeit, was Führungskräfte wiederum dazu verleitet, das Tempo weiter zu forcieren. Als Gegenmaßnahmen gelten bewusste Verhaltensänderungen: kurzes Innehalten vor Beginn einer Besprechung, bildschirmfreie Mikropausen von fünf Minuten Dauer sowie einminütige Atemübungen.
Selbstzweifel und der Druck zur Kompensation
Ein wesentlicher Faktor für psychische Belastungen im Berufsalltag sind innere Selbstzweifel. Prof. Petra Beschoner, Ärztliche Direktorin der Akutklinik Bad Saulgau, verweist auf das Phänomen, bei dem Betroffene eigene Erfolge dem reinen Zufall zuschreiben und Kritik unverhältnismäßig stark gewichten.
Bei Frauen in Führungspositionen würden diese Zweifel durch tradierte Rollenbilder, fehlende Vorbilder und strukturelle Barrieren zusätzlich verstärkt.
Betroffene versuchen diese Verunsicherung häufig durch akribische Vorbereitung und Mehrfachkontrollen auszugleichen. Zwar wird dieses Verhalten im beruflichen Umfeld kurzfristig als Verlässlichkeit geschätzt, langfristig führt es jedoch in einen kräftezehrenden Kreislauf aus Anspannung und Selbstkritik, der Ängste und Depressionen begünstigen kann. Als Gegenmittel empfiehlt Beschoner ein realistisches Selbstbild, das Setzen klarer Grenzen und das bewusste Vergegenwärtigen erzielter Leistungen.
Strategien für den Erhalt der psychischen Gesundheit
Ratgeberbeiträge unterstreichen, dass dauerhafte Leistungsfähigkeit ohne mentale Ausgewogenheit kaum aufrechtzuerhalten ist. Dauernder Leistungsdruck, ständige Erreichbarkeit und strenge Abgabetermine erhöhen das Risiko für ein Burnout.
Entsprechend raten Fachleute zu einer klaren Trennung zwischen Beruf und Freizeit – insbesondere bei mobiler Arbeit –, zu strukturierten Ruhephasen sowie zu Sport und Achtsamkeit. Bei tiefsitzenden Symptomen sei professionelle Unterstützung unumgänglich.
Die Resilienz-Trainerin Britta Dohr berichtete in einem Podcast von ihren eigenen Erfahrungen: Nach der Diagnose einer chronischen Autoimmunerkrankung, dem systemischen Lupus erythematodes gegen Ende ihres Studiums, verschwieg sie ihren Zustand in der Wirtschaftsprüfung lange aus Furcht, als nicht leistungsfähig eingestuft zu werden.
Für den Arbeitsalltag rät Dohr dazu, Fristen und Prioritäten durch gezieltes Nachfragen zu klären, Urlaubsübergaben frühzeitig vorzubereiten und das tägliche Energieniveau auf einer Skala von eins bis zehn zu bewerten.
Zudem thematisieren Berater das Problem, dass viele Führungskräfte aus Sorge um ihre Außenwirkung zu selten Grenzen ziehen; nötig sei es stattdessen, die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren und nicht die Verantwortung für die Gefühle anderer zu übernehmen.
