Demenz, Weltweit

Demenz bis 2050: Weltweit könnten 132 Millionen Menschen betroffen sein

Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 05:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien verbinden Sehverschlechterungen mit kognitivem Abbau; KI-Auswertungen und Augenuntersuchungen sind für die individuelle Demenzdiagnostik noch nicht etabliert.
Nahaufnahme einer menschlichen Iris mit Fokus auf die feinen Strukturen des Auges vor einem unscharfen Hintergrund. Illustration mit AI erstellt.

Sehtests und ophthalmologische Untersuchungen rücken in wissenschaftlichen Beiträgen verstärkt als potenzielle diagnostische Instrumente zur Früherkennung von kognitivem Abbau und Demenzerkrankungen bei älteren Menschen in den Mittelpunkt.

Zwar gelten Sehtests nach derzeitigem Kenntnisstand für Einzelpersonen noch nicht als klinisch prädiktiv, sie kommen jedoch für systematische Screening-Verfahren auf Bevölkerungsebene infrage.

Vor dem Hintergrund globaler Modellrechnungen gewinnt das Thema an Relevanz: Bis zum Jahr 2050 wird ein weltweiter Anstieg der Demenzfälle von 50 auf 132 Millionen prognostiziert, während die Zahl blinder Menschen parallel von 38 auf 115 Millionen anwachsen soll. Die Lancet-Kommission fordert vor diesem Hintergrund einen flächendeckenden Zugang zu Sehscreenings und entsprechenden Behandlungsangeboten.

Langzeitbeobachtungen belegen Zusammenhang von Seh- und Kognitionsverlust

Zwei Langzeitstudien aus dem Vereinigten Königreich und Australien verdeutlichen die enge Verbindung zwischen sensorischer und kognitiver Gesundheit. Teilnehmer mit Sehbeeinträchtigungen, wie einer langsameren visuellen Verarbeitung oder einer abnehmenden Sehschärfe, wiesen über einen Beobachtungszeitraum von zwölf Jahren ein erhöhtes Demenzrisiko auf.

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Zugleich deutet die australische Untersuchung darauf hin, dass soziale Einbindung den negativen Effekt einer nachlassenden Sehleistung auf kognitive Fähigkeiten abmildern kann.

Ergänzt werden diese Befunde durch die Salisbury Eye Evaluation, an der 2.520 Personen im Alter von 65 bis 84 Jahren über acht Jahre hinweg teilnahmen. Die Ergebnisse zeigten, dass eine Sehverschlechterung mit kognitivem Abbau korreliert, während der umgekehrte Zusammenhang schwächer ausgeprägt ist.

Sehprobleme gehen einer Demenz demnach zeitlich voraus. Zudem zeigen US-Daten mit über 30.000 Beteiligten, dass das Risiko für einen Sehverlust bei Personen mit kognitiver Dysfunktion zwei- bis dreifach höher ausfällt.

Mikrogefäße und Netzhaut als Fenster zum Gehirn

Pathologische Befunde stützen die Annahme direkter neurologischer Schnittstellen zwischen Auge und Gehirn. Bei Alzheimer-Autopsien wurden bereits Schäden am Nervus opticus und an der Retina nachgewiesen.

Eine Studie zu Parkinson zeigte zudem eine mittels optischer Kohärenztomographie (OCT) messbare Retinaverdünnung bei 49 Parkinson-Patienten im Vergleich zu 54 gesunden Kontrollpersonen mit einem Durchschnittsalter von 69 Jahren. Diese Verdünnung trat bereits in der Frühphase auf und korrelierte mit dem Schweregrad der Erkrankung.

Einen weiteren Ansatz verfolgt eine Studie der Rutgers University unter der Leitung von Gina Roslan und Joshua W. Miller, die über eine CAHBIR-Pilotförderung unterstützt wird.

Das Team untersucht mittels computerassistierter Intravitalmikroskopie, kognitiven Tests und MRT den Zusammenhang zwischen Mikrogefäßanomalien im Augenweiß und frühen neurodegenerativen Veränderungen bei Personen ab 60 Jahren mit und ohne leichte kognitive Beeinträchtigung.

Erste Resultate ergaben bei Probanden mit kognitiven Defiziten mehr Gefäßanomalien im Auge, ausgeprägtere Hyperintensitäten der weißen Substanz, weniger graue Substanz in tieferen Gehirnregionen sowie höhere Blutwerte der Aminosäure Homocystein.

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Die verwendete Mikroskopietechnik ist derzeit auf die Forschung begrenzt; Verfahren wie die optische Kohärenztomographie-Angiographie sind zwar in Praxen verfügbar, ihre Eignung zur Demenzerkennung wird jedoch noch geprüft.

Potenziale und Grenzen von Oculomics und KI-Analysen

Unter dem Begriff Oculomics erforscht die Wissenschaft den Einsatz moderner Netzhautbildgebung kombiniert mit künstlicher Intelligenz zur Identifikation von kardiovaskulären, metabolischen und neurodegenerativen Krankheiten.

Eine in der Fachzeitschrift GeroScience veröffentlichte Studie koreanischer Forscher analysierte Fundusfotos mithilfe von KI, um aus dem Zustand der Netzhaut ein biologisches Alter zu schätzen und die Abweichung vom chronologischen Alter zu ermitteln.

Eine positive Differenz stand in Zusammenhang mit verschiedenen Vorerkrankungen: Bei Diabetes war die Retina im Schnitt etwa 2,5 Jahre älter als bei vergleichbaren Personen ohne die Erkrankung.

Aktuelles Rauchen war mit einem rechnerischen Mehraufschlag von rund 0,50 Jahren assoziiert, früheres Rauchen mit 0,46 Jahren, eine altersbedingte Makuladegeneration mit rund 0,6 Jahren und ein Katarakt mit 1,86 Jahren. Die Autoren weisen darauf hin, dass es sich um statistische Assoziationen und keine Kausalitäten handelt.

Da die Daten aus einer einzelnen Klinikpopulation stammen, stehen Validierungen und der Vergleich mit etablierten Biomarkern noch aus. Eine klinische Nutzung zur individuellen Diagnostik ist daraus derzeit noch nicht ableitbar.

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