Demenz: Diagnose verzögert sich um 1,5 Jahre nach ersten Anzeichen
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 12:42 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Rund um den Welt-Alzheimertag am 21. September haben zahlreiche Regionen im deutschsprachigen Raum Programme zur Demenzaufklärung gestartet oder ausgeweitet.
Von Schulungen für Polizeikräfte in Kärnten über Aktionswochen in Graz, Oldenburg und Hannover bis zu Gedächtnis-Screenings in Bayern und Dillingen zeigt sich ein breites Spektrum an lokalen Ansätzen, die auf einen gemeinsamen Trend hinweisen: Kommunen und soziale Träger setzen verstärkt auf niedrigschwellige, praxisnahe Formate.
Kärnten: Polizei lernt Umgang mit Demenzbetroffenen
In Kärnten wurde nach einem Testlauf in Villach und Velden ein Demenz-Schulungskonzept flächendeckend ausgerollt. Pro Bezirk wurde eine Dienststelle geschult, insgesamt rund 160 weitere Polizeikräfte durchliefen das Programm. Das Dreistufenkonzept umfasst ein E-Learning-Modul des Innenministeriums, Präsenzunterricht sowie Praxiseinheiten in Pflegeheimen.
Hintergrund ist, dass in Kärnten schätzungsweise rund 10.000 Menschen mit Demenz leben – Einsatzkräfte kommen also regelmäßig mit Betroffenen in Kontakt, etwa bei Vermisstenfällen oder verwirrten Situationen im öffentlichen Raum.
Aktionswochen in Graz, Oldenburg, Hannover und Dorsten
In Graz laden die Stadt und der Verein SALZ vom 21. bis 25. September zur Aktionswoche „Langer Tag der Demenz“ unter dem Motto „Von Gestern ins Morgen“. Alle Veranstaltungen sind kostenlos, am 25. September findet von 8 bis 13 Uhr ein Info-Tag am Kaiser-Josef-Markt mit mehr als 20 beteiligten Organisationen statt.
Begleitend wurde ein neuer Demenzwegweiser von SALZ und der Stadt Graz veröffentlicht. In Graz selbst leben nach Angaben der Veranstalter rund 5.000 Menschen mit Demenz, steiermarkweit sind es etwa 27.000.
In Oldenburg zeigt die Demenzhilfe Oldenburg am 23. September von 8:30 bis 17:00 Uhr in den Schlosshöfen die multimediale Ausstellung „Demenz – was bleibt“ mit neun großformatigen Porträts und Audiogeschichten der Journalistin Carola Schede, abrufbar per QR-Code. Sie ist Teil der Woche der Demenz Oldenburg vom 21. bis 27. September unter dem Motto „Demenz – (k)eine Frage des Alters“ mit besonderem Fokus auf jung beginnende Demenz.
In der Region Hannover lädt das Mehrgenerationenhaus Wedemark am 1. Oktober von 15 bis 18 Uhr zum „Markt der Möglichkeiten“, bei dem regionale Einrichtungen zu Demenz-Beratung informieren. Kaffee und Waffeln gegen Spende kommen der Alzheimer Gesellschaft Hannover zugute, eine Anmeldung ist nicht nötig.
Ergänzend zeigt das Andere Kino in Lehrte am 23. September den Film „Romys Salon“ von Regisseurin Mischa Kamp im Rahmen der „Wochen der Demenz“, ebenfalls kostenlos.
In Dorsten eröffnete die Stadtbibliothek am 22. September den neuen Bereich „Zeitlos aktiv“ mit einer Infoveranstaltung zum Thema „Demenz verstehen – Anregungen für den Alltag“, gestaltet von einer Ergotherapeutin, im Rahmen der ersten Dorstener Demenzwoche. Der neue Medienbereich widmet sich Erinnern, Aktivieren sowie Rat und Hilfe.
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Screenings und Comic als neue Formate
In Homburg fand am 16. September der „Memory Walk“ auf dem Christian-Weber-Platz statt, organisiert vom Gerontopsychiatrischen Netzwerk Demenz Saarpfalz-Kreis gemeinsam mit weiteren Trägern, mit Infoständen, Demenzparcours und Museumskoffer.
Im Oberbergischen Kreis machte die „Tour Demenz“ am 16. und 17. September Station in Engelskirchen und Gummersbach – eine rund 190 Kilometer lange Route mit zwölf Stationen, die 2017 als Landesinitiative Demenz-Service NRW entstand und in diesem Jahr unter dem Motto „Krisenresilienz stärken“ steht.
In Dillingen ließen im Rahmen einer initiative der Station Mensch mit Landrat Markus Müller mehr als 60 Menschen ab 65 Jahren ihr Gedächtnis testen. Ein solcher Test ersetzt keine ärztliche Diagnose, kann aber erste Hinweise liefern. In Bayern wurden im Rahmen der laufenden Demenzwoche 75 Screening-Veranstaltungen des Digitalen Demenzregisters Bayern angeboten.
Das Register hat seit 2022 mehr als 7.000 Menschen getestet, bei 26 Prozent ergab sich ein abklärungsbedürftiges Ergebnis. Laut Projektleiter Kolominsky-Rabas vergehen von den ersten Anzeichen bis zur Diagnose im Schnitt 1,5 Jahre. Rund 45 Prozent der Demenz-Risikofaktoren gelten als beeinflussbar, allen voran Schwerhörigkeit.
Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) veröffentlichte zum Welt-Alzheimertag einen kostenlosen Demenz-Comic auf Basis einer französischen Graphic Novel. Laut DGG leben in Deutschland rund 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. In Augsburg verweisen Anlaufstellen wie AWO, Caritas, Diakonie, das Bezirkskrankenhaus, die Alzheimer-Gesellschaft Augsburg sowie der Pflegestützpunkt Mittlerer Lech auf ihre Beratungsangebote.
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Wien: Sorge vor dem Zur-Last-Fallen
Der Fonds Soziales Wien (FSW) verwies zum Welt-Alzheimertag darauf, dass in Wien derzeit rund 30.000 Menschen mit Demenz leben – bis 2050 sollen es nach FSW-Prognosen mehr als 60.000 sein. Eine FSW-Studie zeigt, dass 82 Prozent der Wienerinnen und Wiener befürchten, ihrer Familie zur Last zu fallen.
Von den elf Tageszentren des FSW sind zwei auf Demenz spezialisiert. Die Plattform „Demenzfreundliches Wien“ vernetzt mehr als 100 Organisationen, flankiert von der Wiener Demenzstrategie, die bis 2035 angelegt ist.
Die Vielzahl paralleler Initiativen – von Polizeischulungen über Ausstellungen bis zu Screening-Programmen – verdeutlicht, dass Demenzaufklärung zunehmend als Aufgabe verstanden wird, die über medizinische Versorgung hinausgeht und Kommunen, Kultureinrichtungen sowie Sicherheitsbehörden gleichermaßen einbindet.
