Demenzbetreuung, Angehörigen

Demenzbetreuung: 89 Prozent der Angehörigen berichten von Entlastung

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 16:39 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Regionale Projekte stärken respektvolle Begegnungen und soziale Kontakte für Menschen mit Demenz. Die Diakonie Österreich fordert leistbare Tagesbetreuung.

Weltalzheimertag: Initiativen setzen auf Teilhabe und Entlastung
Ein heller, freundlich gestalteter Gemeinschaftsraum mit bequemen Holzmöbeln und Pflanzen, der eine Atmosphäre von Würde und Ruhe ausstrahlt. Illustration mit AI erstellt.

Rund um den Weltalzheimertag im September zeigen zahlreiche regionale Initiativen in Deutschland, Österreich und Südtirol ein gemeinsames Muster: Fachleute und Angehörigenverbände rücken zunehmend den respektvollen, wertschätzenden Umgang mit Menschen mit Demenz sowie soziale Begegnungsformate in den Mittelpunkt – als Ergänzung zu medizinischer Versorgung und Pflege.

Fachtag in Bad Mergentheim: Augenhöhe statt Bevormundung

Beim Fachtag Demenz im Eduard-Mörike-Haus in Bad Mergentheim standen neben Referaten zu Ursachen, Vorsorge und Hilfsangeboten vor allem der respektvolle Umgang auf Augenhöhe im Zentrum.

Beteiligt waren die IVA-Trainerin Anita Straub, der VdK-Kreisvorsitzende Werner Seeger sowie Hausdirektor Sebastian Landwehr. Der Appell richtete sich klar gegen eine bevormundende Haltung gegenüber Erkrankten und für einen Umgang, der ihre verbliebenen Fähigkeiten anerkennt.

Perspektivwechsel: „Demenz – (k)eine Frage des Alters“

Das Motto der Woche der Demenz 2026, „Demenz – (k)eine Frage des Alters“, zog sich durch mehrere Veranstaltungen. Das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) forderte über seinen wissenschaftlichen Leiter Christian Heerdt einen Perspektivwechsel weg von Alter und Diagnose hin zur individuellen Lebenssituation der Betroffenen.

Frühes Erkennen müsse auch heißen, früher und verlässlich zu begleiten, so Heerdt. Das KDA verweist dazu auf laufende Projekte wie die internationale Vergleichsstudie DECIDE zu nationalen Demenzstrategien, das Assessment-Projekt LIFE für die Langzeitpflege sowie Regionalbüros für Alter, Pflege und Demenz in Nordrhein-Westfalen.

In Chemnitz eröffnete die Woche der Demenz im Kino „Metropol“ mit mehr als 250 Gästen. Dort berichtete der Poetry-Slammer Lars Ruppelt, wie Gedichte einen Zugang zum Thema schaffen können, während der seit acht Jahren mit Demenz lebende Rainer Heydenreich, Beiratsmitglied der Alzheimer Gesellschaft Deutschland, aus eigener Erfahrung sprach. Eine pflegende Angehörige namens Ute D. schilderte per Video-Zuschaltung ihre Perspektive.

Begegnungsgruppen als soziales RĂĽckgrat

Wie wichtig verlässliche soziale Kontakte für Erkrankte sind, zeigen mehrere Begegnungsformate. In der Steiermark bieten vier Momenz-Gruppen – in Graz-Ost, Graz-West, Gratwein und Straßengel – kostenlose, begleitete Treffen an, bei denen Gespräche im geschützten Rahmen, Austausch und gemeinsames Lachen im Vordergrund stehen. In Graz finden diese zweimal monatlich statt, in der Umgebung einmal im Monat.

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Ein Beispiel für langjähriges bürgerschaftliches Engagement liefert der Landkreis Merzig-Wadern: Die Seniorenpatenschaften des Caritasverbandes Saar-Hochwald feierten ihr zehnjähriges Bestehen mit einem Begegnungstag.

Aktuell engagieren sich 33 Seniorenpaten, überwiegend Frauen zwischen 60 und 79 Jahren, während 14 Senioren noch auf eine Vermittlung warten. Die monatlichen Treffen behandeln unter anderem Demenz, Grenzsituationen des Lebens und das Lebensende. Geehrt wurden Anne Zapp für fünf Jahre und Ilse Feith für neun Jahre ehrenamtlichen Einsatz.

Tagesbetreuung als Entlastung für Angehörige

Die Diakonie Österreich forderte bei einer Pressekonferenz zum Weltalzheimertag, dass Tagesbetreuung zwei- bis dreimal wöchentlich österreichweit leistbar sein müsse. Direktorin Maria Katharina Moser verwies auf eine Wirkstudie des Diakoniewerks Wels, wonach 89 Prozent der befragten Angehörigen von zeitlicher und emotionaler Entlastung berichteten.

Österreich verfügt laut Diakonie über 260 Tagesbetreuungszentren, elf davon werden von der Diakonie selbst betrieben. Die Kosten schwanken je nach Wohnort zwischen 25 und 80 Euro für nahezu identische Pflegeleistungen – ein Umstand, der die Diakonie zu Forderungen nach Obergrenzen, besserer Beratung und einem klareren Übergang zu Demenz-Kompetenzzentren veranlasste.

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Ergänzend setzt ein Projekt der Diakonie Österreich mit LIFEtool in Wien auf Unterstützte Kommunikation: Seit März kommt die Mitarbeiterin Brit Bernhart zweimal wöchentlich in Hausgemeinschaften für Seniorinnen und Senioren zum Einsatz und nutzt iPad-Oberflächen mit Sprachtastern, Musik, Bildern und Videos aus der Jugendzeit der Bewohner – teils begleitet von der sogenannten „Demenz-Katze“ Sissi.

Datenlage und Förderung des Funktionierenden

Der Verein Alzheimer Südtirol (ASAA) präsentierte beim Weltalzheimertag einen Vortrag der Sente-Mente-Modell-Entwicklerin Letizia Espanoli vor rund 200 Zuhörern in Bozen, darunter Landtagspräsident Angelo Gennaccaro. ASAA-Präsident Ulrich Seitz forderte, stärker das noch Funktionierende bei Erkrankten zu fördern statt sich auf Defizite zu konzentrieren.

Nach ASAA-Berechnungen auf Basis von Eurostat-Sterberaten der letzten zehn Jahre leben in Tirol geschätzt rund 13.750 Menschen mit Demenz, umgerechnet auf Südtirol etwa 13.590 Fälle und im Trentino rund 10.800. In Südtirol pflegen demnach etwa 10.800 Menschen durchschnittlich länger als sieben Jahre einen Angehörigen zu Hause.

Fazit

Ob in Bad Mergentheim, Chemnitz, Graz, Wien oder Bozen: Die Initiativen rund um den Weltalzheimertag verdeutlichen, dass professionelle Versorgung allein nicht ausreicht. Respektvoller Umgang, verlässliche Begegnungsangebote und niedrigschwellige Tagesbetreuung gelten Fachleuten zunehmend als tragende Säulen, um Menschen mit Demenz Teilhabe und Lebensqualität zu ermöglichen – und um pflegende Angehörige spürbar zu entlasten.

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