Demenzpflege, Fiktive

Demenzpflege: Fiktive Bushaltestelle in Crauthem soll Unruhe auffangen

Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 23:09 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Pflegeeinrichtungen nutzen Erinnerungsarbeit und Aktionen zur Sensibilisierung; in Deutschland könnte die Zahl der Betroffenen bis 2050 auf 2,6 Millionen steigen.

Demenzpflege: Alltagsnahe Konzepte fördern Erinnerung und Teilhabe
Ein ruhiger Gartenbereich in einer Pflegeeinrichtung mit einer Holzbank in einer freundlichen, beruhigenden Umgebung. Illustration mit AI erstellt.

In der Pflege von Menschen mit Demenz setzen Einrichtungen zunehmend auf AnsÀtze, die weniger auf medizinische Behandlung als auf Umgebungsgestaltung, Erinnerungsarbeit und Sensibilisierung des Umfelds zielen. Ein Beispiel liefert die Pflegeeinrichtung Jardins d'Alysea in Crauthem, die eine fiktive Bushaltestelle eingerichtet hat, um Unruhe bei Bewohnern mit Alzheimer aufzufangen.

Das Konzept, das laut einem Bericht von lessentiel.lu bereits seit 2006 in Europa eingesetzt wird, soll GesprĂ€che ĂŒber frĂŒhere Gewohnheiten und Wege anregen; ergĂ€nzt wurde die Haltestelle in Crauthem um einen Zeitungskasten. FĂŒr den 9. Oktober 2026 ist an der Einrichtung ab 18 Uhr zusĂ€tzlich eine Informationsveranstaltung zur Begleitung von Angehörigen geplant.

Ausmaß des Problems in Luxemburg

Laut SchÀtzungen des Gesundheitsministeriums Luxemburg leben im Land rund 9.200 Menschen mit schweren neurokognitiven Störungen. Alzheimer mache dem Ministerium zufolge 60 bis 70 Prozent dieser FÀlle aus. Solche Zahlen erklÀren, warum Pflegeeinrichtungen nach niedrigschwelligen Methoden suchen, die Bewohnern Orientierung geben, ohne medikamentös einzugreifen.

Erinnerungsarbeit mit Puppen und Kreativangeboten

Ähnliche Ziele verfolgen andere, non-pharmakologische Methoden. Die Puppenspielerin und HeilpĂ€dagogin Sonja Lenneke spielte im Otto-Baer-Haus in Jerichow wĂ€hrend einer Demenzwoche ein pĂ€dagogisches StĂŒck, bei dem Lieder, Erinnerungen und eine Puppe den Zugang zu Menschen mit Demenz erleichtern sollen. Laut Bericht können Angehörige diese Methode auch zuhause ausprobieren.

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Auch einfache Handarbeiten wie die Strickliesl werden in diesem Zusammenhang genannt: Sie kann Erinnerungen an den Schulunterricht wecken und ermöglicht auch bei eingeschrÀnkter Feinmotorik kreative BeschÀftigung. Wiederkehrende Bewegungen können demnach bei Menschen mit demenziellen VerÀnderungen den Bewegungsdrang der Finger kanalisieren und Geborgenheit vermitteln.

Regionale Aktionen zur Sensibilisierung

Neben pflegepraktischen Methoden gab es in mehreren Regionen begleitende AufklĂ€rungsaktionen. Der Rhein-Kreis Neuss veranstaltete einen Aktionstag zur Welt-Alzheimerwoche auf dem Kinderbauernhof in Neuss-Selikum, bei dem Menschen mit Demenz, Angehörige, Seniorinnen und Senioren sowie Pflegepersonen Beratung zu Pflege, Selbsthilfe und UnterstĂŒtzung erhielten. Das Programm umfasste Natur- und KrĂ€uterkunde, einen Hundebesuchsdienst, Erinnerungsecken sowie Klaviermusik und Austausch.

In Bludenz fand eine Demenzwoche mit Informations- und Sensibilisierungsaktionen statt, darunter ein GesprĂ€ch zu LebensqualitĂ€t und WĂŒrde, eine kostenlose FilmvorfĂŒhrung mit Diskussion, ein Wortgottesdienst sowie Informationstafeln im Stadtgebiet. Bei einem sogenannten "FrĂŒhstĂŒcksgruß" erhielten pflegende Angehörige GebĂ€ck an der HaustĂŒr, unterstĂŒtzt von Ehrenamtlichen und Stadtvertretern.

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In der Seniorenresidenz Kaiserpalais fuhren 14 BeschĂ€ftigte in BademĂ€nteln mit der FĂ€hre zwischen Bonn und Königswinter ĂŒber den Rhein, um auf die Schwierigkeit aufmerksam zu machen, dass Menschen mit Demenz mitunter nicht mehr wissen, welche Kleidung außerhalb der Wohnung ĂŒblich ist.

Die sogenannte Bademantel-Challenge geht auf einen Aufruf des Deutschen Zentrums fĂŒr Neurodegenerative Erkrankungen zurĂŒck, das 2023 erstmals bundesweit dazu aufrief. In Singen verteilte das AktionsbĂŒndnis Demenz Singen Hegau rund 500 Sonnenblumen samt Dankeskarten an PflegekrĂ€fte in neun Pflegeheimen der Region; die Blumen wurden von der Stadtverwaltung Singen finanziert.

Wachsende Zahl Betroffener

Der Bedarf an solchen Konzepten dĂŒrfte weiter zunehmen. Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben derzeit rund 1,78 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland; bis 2050 könnte die Zahl laut Prognosen auf bis zu 2,6 Millionen steigen.

Angesichts dieser Entwicklung setzen Einrichtungen wie jene in Crauthem, Jerichow, Neuss, Bludenz, Bonn/Königswinter und Singen auf niedrigschwellige, alltagsnahe AnsÀtze, die weniger auf technische Innovation als auf VerstÀndnis, Erinnerung und soziale Teilhabe zielen.

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