Depression: Charité testet Hormon DHEA als Zusatztherapie
13.06.2026 - 02:12:05 | boerse-global.de
Die klinische Forschung konzentriert sich zunehmend auf personalisierte Behandlungen für Patienten mit therapieresistenten Depressionen. Neben etablierten Verfahren untersuchen Wissenschaftler Wirkstoffe aus anderen medizinischen Bereichen auf ihre psychiatrische Wirksamkeit. Hormonpräparate, Entzündungshemmer und technologische Innovationen in der Diagnostik stehen dabei im Zentrum.
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Charité startet DHEA-Studie
Ein bedeutendes Forschungsprojekt startete Mitte Juni an der Berliner Charité. In einer großangelegten Studie wird der Einsatz von Dehydroepiandrosteron (DHEA) als Zusatztherapie bei schwer behandelbaren Depressionen geprüft. Das Vorhaben wird mit 2,3 Millionen Euro gefördert und erstreckt sich über neun Zentren.
Ziel der Wissenschaftler ist es, belastbare Daten zu etablieren und den Weg für eine personalisierte Behandlung zu ebnen. DHEA, ein natürlich vorkommendes Steroidhormon, soll die Ansprechraten bei Patienten verbessern, die auf herkömmliche Antidepressiva nicht ausreichend reagieren.
Von Diabetesmitteln bis zu Rheumamedikamenten
Parallel zur Hormonforschung zeigen Studien das Potenzial von Wirkstoffen, die ursprünglich für Stoffwechsel- oder Autoimmunerkrankungen entwickelt wurden. Eine Phase-II-Studie in Lancet Psychiatry vom 11. Juni weist beim GLP-1-Agonisten Liraglutid antidepressive Effekte bei Patienten mit Major Depression (MDD) nach. Die Daten belegen eine Responserate von 30 Prozent gegenüber 15 Prozent in der Placebogruppe, mit signifikanter Verbesserung ab der vierten Woche.
Eine Zulassungsprüfung durch FDA und EMA wird nach Abschluss der laufenden Phase-III-Studien ab 2029 erwartet.
Ebenfalls im Juni veröffentlichte die University of Bristol Ergebnisse einer Pilotstudie zum IL-6-Blocker Tocilizumab. Bei Patienten mit therapieresistenter Depression und leichten Entzündungswerten führte das Rheumamedikament in 54 Prozent der Fälle zu einer Remission. Die Beobachtungen stützen die Hypothese, dass Entzündungsprozesse eine wesentliche Rolle bei depressiven Symptomen spielen.
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Fortschritte in Neuromodulation und KI-Wirkstoffsuche
Ergänzend zu medikamentösen Ansätzen treibt die Universität Regensburg die Erforschung der repetitiven Transkraniellen Magnetstimulation (rTMS) voran. Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte COIL-/STOP-D-Studie vergleicht eine einwöchige Intensivbehandlung mit der mehrwöchigen Standardtherapie. Mittels Neuronavigation soll die Zielgenauigkeit der Magnetwellen erhöht werden. Eine Teilnahme ist laut Universität noch bis Ende 2026 möglich.
An der Universität Jena arbeiten Forscher an der Beschleunigung der Wirkstoffsuche. Ein mit drei Millionen Euro dotierter ERC Advanced Grant ermöglicht die Entwicklung des KI-Verfahrens „BindingShadows“. Das System soll bioaktive Moleküle aus Massenspektren vorhersagen und so die Identifizierung neuer therapeutischer Ansätze beschleunigen.
Regulatorische Änderungen und Versorgungshürden
Die Relevanz neuer Therapieoptionen unterstreicht auch eine aktuelle Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA). Seit dem 11. Juni ist der Off-Label-Use von Wirkstoffen wie Agomelatin und Vortioxetin für spezifische Symptome bei Long- und Post-COVID verordnungsfähig – darunter Fatigue und kognitive Defizite.
Trotz wissenschaftlicher Fortschritte steht die praktische Versorgung vor Hürden. Auf dem 5. Deutschen Psychotherapie Kongress im Juni in Berlin thematisierten Fachvertreter drohende Honorarkürzungen und Budgetierungen. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warnte vor einer Verschlechterung der ambulanten Versorgung durch das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Gleichzeitig debattierte der Bundestag über ein Sparpaket, das Entlastungen für die Krankenkassen von über 16 Milliarden Euro bis 2027 vorsieht – in Fachkreisen stieß das auf deutliche Kritik.
