Diagnosehürden: 44 Prozent der Frauen fühlen sich nicht ernst genommen
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 10:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der ME/CFS-Ambulanz im Burgenland herrscht ein großer Andrang von Patientinnen und Patienten, wie aus einem Bericht des ORF vom 8. Oktober 2026 hervorgeht. Genaue Fallzahlen oder weiterführende Details zu den Kapazitäten liegen derzeit nicht vor, doch die Nachfrage nach einer gezielten Betreuung bei Myalgischer Enzephalomyelitis beziehungsweise dem Chronischen Fatigue-Syndrom ist erheblich.
Die Situation an der Anlaufstelle spiegelt eine bundesweit angespannte Versorgungslage wider, bei der Betroffene chronischer und komplexer Erkrankungen auf deutliche Hürden im System stoßen.
Chronische Erkrankungen und geschlechtsspezifische Diagnosehürden
Statistische Einblicke in die Belastung der Bevölkerung bietet der Austrian Health Report 2026, für den das Institut IFES im Auftrag von Sandoz im Juli 2026 insgesamt 1.000 Personen befragte.
Demnach leiden 48 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer unter chronischen Erkrankungen. Eine verlässliche Medikamentenversorgung empfinden aktuell nur noch 37 Prozent als gesichert, nachdem dieser Wert im Vorjahr bei 44 Prozent gelegen hatte.
Auffällig sind ausgeprägte Geschlechterunterschiede bei der diagnostischen Wahrnehmung: 44 Prozent der Frauen gaben an, sich mit ihren Symptomen im Gesundheitssystem nicht ernst genommen zu fühlen; bei den Männern waren es 23 Prozent.
Zudem berichteten 36 Prozent der befragten Frauen, dass ihre körperlichen Beschwerden als rein psychisch oder psychosomatisch abgetan worden seien, verglichen mit 15 Prozent der Männer. Entsprechend unterschiedlich fällt das Vertrauen in die Institutionen aus.
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Während 56 Prozent der Männer mit dem Gesundheitssystem zufrieden oder sehr zufrieden sind, teilen diese Einschätzung lediglich 41 Prozent der Frauen. Insgesamt beklagen 82 Prozent der Befragten eine Zwei-Klassen-Medizin, 57 Prozent kritisieren lange Wartezeiten, und 82 Prozent lehnen Einsparungen ab.
Innerhalb von Partnerschaften übernehmen Frauen weiterhin den Hauptteil der Fürsorge: 67 Prozent kümmern sich um allgemeine Gesundheitsfragen und 58 Prozent um Pflegeaufgaben, während dies bei Männern 44 Prozent beziehungsweise 21 Prozent betrifft.
Auslastung des Gesundheitssystems und Forderungen der Fachwelt
Auch psychische Erkrankungen belasten das österreichische Versorgungssystem spürbar. Gesundheitsreferentin Prettner (SPÖ) hielt laut einem Bericht vom 8. Oktober 2026 fest, dass fast ein Drittel der Bevölkerung im Laufe des Lebens mindestens einmal von einer psychischen Erkrankung betroffen ist.
Angststörungen und Depressionen bilden dabei die häufigsten Formen, gefolgt von Sucht- und Essstörungen. Zwölf Prozent aller Krankenstandstage gehen auf psychische Diagnosen zurück, die zudem die häufigste Ursache für Frühpensionierungen darstellen.
Lokale Hilfsangebote wie der Perspektivenraum Feldkirchen des Vereins Autark versuchen mit 20 Maßnahmenplätzen in den Bereichen Holz, Küche, Kreativität und Hauswirtschaft sowie psychotherapeutischer Einzel- und Gruppenbetreuung gegenzusteuern.
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Kleinere Einrichtungen, darunter eine Trainings-WG in Krumpendorf mit zwei Klienten, können ihr Angebot angesichts einer angespannten Finanzlage jedoch kaum erweitern.
Anlässlich des Welttags der psychischen Gesundheit am 10. Oktober 2026 verlangte die Österreichische Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) einen stärkeren Fokus auf Prävention und Früherkennung. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist in Europa rund jeder sechste Mensch von psychischen Erkrankungen betroffen.
ÖGPP-Präsident Korbel forderte strukturierte, langfristige Forschungsprogramme anstelle zeitlich eng begrenzter Pilotprojekte. Als fachliche Belege nannte die ÖGPP eine Studie von Listabarth et al. zum Einsatz von Vitamin B1 (Thiamin) bei Alkoholabhängigkeit, die in Empfehlungen der WHO zur Eindämmung von kognitivem Abbau und Demenz eingeflossen ist.
Eine weitere Erhebung von Ofner et al. zu Frühen Hilfen für belastete Mütter in Tirol und Wien zeigte zwar Verbesserungen bei Depressions- und Angstsymptomen, verdeutlichte jedoch Barrieren wie Sprachhürden und knappe Kapazitäten.
Vulnerable Gruppen und soziale Risikofaktoren
Die psychosoziale Verfassung divergiert zudem stark nach Altersgruppen und Lebenssituationen. Laut dem Austrian Health Report bezeichnen 39 Prozent der über 60-Jährigen ihren psychischen Zustand als sehr gut, bei den unter 29-Jährigen sind es hingegen nur 20 Prozent. Czypionka vom Institut für Höhere Studien (IHS) verwies darauf, dass drei Viertel der Suizidtoten Männer sind.
Besondere Belastungen verzeichnen zudem queere Personen, wie die Psychosozialen Dienste Wien (PSD) und die HOSI darlegten. Einer Studie der Universität Bielefeld zufolge ist das Depressionsrisiko in der LGBTIQ+-Community um das 2,5-Fache höher als in der heteronormativen Bevölkerung.
Laut Daten der Stadt Wien berichteten im Jahr 2015 28 Prozent der Community von regelmäßiger Diskriminierung im öffentlichen Raum; zehn Jahre später kletterte dieser Anteil auf 38 Prozent. Ein Viertel der queeren Schüler, Auszubildenden und Studierenden ist nicht geoutet, ein Fünftel meldet negative Erfahrungen, wobei Transpersonen am stärksten betroffen sind.
Nach der homophob motivierten Tötung eines 29-Jährigen im Sommer registrierten Beratungsstellen wie der First Level Support stark gestiegene Anfragen, während HOSI-Obfrau Otte die psychosoziale Versorgung im ländlichen Raum als mangelhaft bewertete.
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