Digitaler, Stress

Digitaler Stress: 44% fühlen sich ständig empfangsbereit und angespannt

Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 14:07 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Neurobiologe Martin Korte warnt vor Dopaminfasten, während Studien digitale Überlastung und neue Regeln für Smartphones an Schulen zeigen.

Dopaminfasten kritisch bewertet: Digitale Belastung nimmt zu
Ein minimalistisch eingerichteter, ruhiger Wohnraum mit einem leeren Sessel vor einer kahlen Wand bei Dämmerung. Illustration mit AI erstellt.

Das Konzept des sogenannten Dopaminfastens wird von wissenschaftlicher Seite zunehmend kritisch hinterfragt. Martin Korte, Neurobiologe an der Technischen Universität Braunschweig, bezeichnete die Praxis in einem Bericht vom 22. September 2026 als biologisch nicht fundiert.

Laut Korte werde Dopamin im menschlichen Körper für essenzielle Funktionen wie die Verdauung und die Einleitung von Bewegungen benötigt. Zudem signalisiere der Botenstoff nicht die Belohnung selbst, sondern lediglich die Erwartung einer solchen.

Ein radikaler Verzicht auf das Smartphone, soziale Interaktion oder freudvolle Aktivitäten könne das Risiko für Depressionen sogar erhöhen, da der Dopaminspiegel nicht willentlich steuerbar sei.

Die Belastung durch digitale Dauerpräsenz

Aktuelle Erhebungen verdeutlichen den Umfang des digitalen Stresses in der Gesellschaft. Einer Studie der IU Internationalen Hochschule mit dem Titel „Always-on: Digitaler Stress in Deutschland“ zufolge fühlen sich 44,2 % der Befragten gedanklich ständig empfangsbereit.

Etwa 46,9 % gaben an, trotz des Wunsches abzuschalten, innerlich angespannt zu sein. Besonders ausgeprägt ist das Nutzungsverhalten bei den 16- bis 30-Jährigen: In dieser Altersgruppe schauen 90,6 % mindestens ein- bis zweimal pro Stunde auf ihre Endgeräte, wobei 68,1 % dies sogar mindestens dreimal stündlich tun.

Die gesundheitlichen Folgen sind vielfältig. Laut der IU-Studie leiden 32,0 % der Befragten häufig oder täglich unter emotionaler oder mentaler Erschöpfung, während 31,9 % über Ein- und Durchschlafprobleme klagen. Bei Frauen liegen diese Werte mit 38,5 % beziehungsweise 38,6 % signifikant höher.

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Zudem berichteten 44,3 % der Teilnehmenden von einer Überforderung durch die Informationsmenge. In der jungen Altersgruppe der 16- bis 30-Jährigen gaben 48,6 % an, unter der Angst zu leiden, etwas zu verpassen (Fear of Missing Out, FOMO).

Auch die Erholungsphasen werden zunehmend durch digitale Erreichbarkeit beeinträchtigt. Eine Umfrage der DAK, die im August durchgeführt wurde, ergab, dass 27 % der Erwerbstätigen im Sommerurlaub Laptop oder Computer für dienstliche Aufgaben nutzten. Ein Viertel der Befragten fühlte sich durch die ständige Erreichbarkeit per Internet oder Handy belastet.

Strategien für einen bewussten Umgang mit Technik

Anstelle von extremen Fastenkuren plädieren Experten für moderatere Ansätze und klare Verhaltensregeln. Martin Korte empfiehlt etwa die Einführung von Tageslimits, beispielsweise eine Reduktion der bisherigen Nutzungszeit um 50 %. Zudem rät er dazu, das Smartphone beim Aufstehen, während der Mahlzeiten und vor dem Einschlafen konsequent beiseitezulegen. Gemeinsame Vorsätze im sozialen Umfeld könnten dabei die Erfolgsaussichten erhöhen.

Auch in der Praxis zeigen sich verschiedene Modelle zur Reduktion der Bildschirmzeit. Die Schauspielerin Wolke Hegenbarth beschrieb einen vierwöchigen Verzicht auf soziale Medien nach einem technischen Defekt als befreiend. Aktionskünstler wie Benno Flügel werben mit Initiativen wie der „Radikalen Anti Smartphone Front“ für einen gemäßigten Mittelweg, während Institutionen wie der SWR zu zeitlich begrenzten Offline-Wochenenden einladen.

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Technische Unterstützung bietet die an der Universität Marburg entwickelte App „LeafIt!“. Diese konzipiert die Reduktion unnötiger Bildschirmzeit als Gruppenchallenge für Schulklassen, um das Wohlbefinden zu steigern. Das Projekt wurde im September 2026 in die Dokumentation des Computerspielemuseums Berlin aufgenommen.

Regulatorische Maßnahmen im Bildungswesen

Angesichts der steigenden Belastung verschärfen zahlreiche Bildungseinrichtungen weltweit ihre Regeln zur Smartphone-Nutzung. Mexiko plant, ab dem 3. November 2026 die Mobiltelefonnutzung in allen staatlichen und privaten Grund- und Sekundarschulen landesweit zu untersagen, um Ablenkung und Cybermobbing zu reduzieren.

In Europa setzen ebenfalls immer mehr Institutionen auf verbindliche Vorgaben:

  • Basel-Stadt: Das Erziehungsdepartement führte eine einheitliche Regelung ein, nach der private elektronische Geräte auf dem gesamten Schulareal ausgeschaltet bleiben müssen.
  • Baden-Württemberg: Das Kultusministerium plant ein privates Handyverbot an allen Schularten ab dem Schuljahr 2027/28.
  • Einzelne Schulen: Das Markgraf-Ludwig-Gymnasium in Baden-Baden nutzt spezielle, elektronisch verschließbare Taschen für die Geräte der Schüler. Das Gymnasium Verl im Kreis Gütersloh berichtet seit der Einführung eines strikten Sichtbarkeitsverbots zu Beginn des Schuljahres 2026/27 von einer positiven Wirkung auf die Kommunikation in den Pausen.

Die Expert*innenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ betonte in ihren Handlungsempfehlungen vom Juni jedoch, dass neben Verboten vor allem die Vermittlung von Medienkompetenz und die Beteiligung von Jugendlichen entscheidend seien. Plattformanbieter müssten zudem stärker in die Pflicht genommen werden, suchtfördernde Gestaltungselemente ihrer Algorithmen zu überarbeiten.

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