Ebola-Ausbruch noch lange nicht unter Kontrolle
Veröffentlicht am: 19.08.2026 um 10:04 Uhr | dpa, AD HOC NEWSMehr als 5.000 KrankheitsfÀlle und bald 2.500 Tote in knapp 100 Tagen - das ist die aktuelle Bilanz des Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo. Fragen und Antworten zur Epidemie:
Wie entwickeln sich die Fallzahlen?
Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Tedros Adhanom Ghebreyesus findet klare Worte: «Die Epidemie ist noch lange nicht unter Kontrolle. Dies ist nun der zweitgröĂte jemals verzeichnete Ebola-Ausbruch, und er breitet sich schneller aus als jeder vorherige.»Â
Experten der Weltgesundheitsorganisation und der afrikanischen Gesundheitsbehörde Africa CDC befĂŒrchten schon jetzt, dass der Ebola-Ausbruch im Kongo sich zum gröĂten des Kontinents entwickeln könnte. Beim bislang schwersten Ausbruch waren in den Jahren 2014 und 2015 in Westafrika mehr als 11.000 Menschen gestorben.Â
«Es gibt weiterhin eine groĂe Dunkelziffer», betont Maximilian Gertler, Tropenmediziner an der Berliner CharitĂ©, der fĂŒr die Hilfsorganisation Ărzte ohne Grenzen wĂ€hrend des groĂen Ebola-Ausbruchs in Westafrika im Einsatz war und auch im Kongo fĂŒr die Organisation arbeitete. «Man muss davon ausgehen, dass viele FĂ€lle und auch TodesfĂ€lle gar nicht registriert werden.»
«Wir sehen allein seit Bekanntwerden des Ausbruchs weit ĂŒber 2.000 TodesfĂ€lle», sagt Gertler. «Im Vergleichszeitraum wĂ€hrend der groĂen Epidemie in Westafrika waren es etwa 300 TodesfĂ€lle. Die allermeisten neuen FĂ€lle waren vorher nicht als KontaktfĂ€lle registriert, wir sehen also weiterhin nicht das ganze Geschehen.»
«Solange nicht jede Kette gefunden und unterbrochen ist, wird die Epidemie andauern», betonte Tedros in einem Bericht zur Ebola-Lage.
Ebola-Fieber ist eine lebensbedrohliche Krankheit. Das Virus wird durch Körperkontakt und Kontakt mit KörperflĂŒssigkeiten ĂŒbertragen und löst ein hochansteckendes Fieber mit Durchfall und Blutungen aus.Â
Wann begann der Ausbruch wirklich?
Der 17. Ebola-Ausbruch im Kongo wurde Mitte Mai offiziell bekanntgegeben. Angesichts der bereits damals hohen Fallzahlen gingen Experten aber schon zu dem Zeitpunkt davon aus, dass die hochansteckende Infektionskrankheit bereits seit lÀngerer Zeit im Umlauf war. «Der Ausbruch wurde sicherlich sehr spÀt bemerkt und lÀuft wohl mindestens seit Anfang des Jahres», schÀtzt Gertler.
Warum wurde der Ausbruch so spÀt bemerkt?
«Das Perfide an Ebola ist, dass es in der frĂŒhen Phase keine besonders spezifischen Symptome gibt», so Gertler. Die Patientinnen und Patienten haben Fieber, ein allgemeines KrankheitsgefĂŒhl, Ganzkörper- und Kopfschmerzen, Ă€hnlich wie bei grippalen Infekten oder einer Malaria. Wenn medizinische FachkrĂ€fte dann keinen Zugang zu adĂ€quater Labordiagnostik haben und Erkrankte die ohnehin schwachen Gesundheitseinrichtungen aus Angst nicht aufsuchen, ist es schwer bis unmöglich, die Krankheit sofort zu erkennen.Â
Welche Gebiete sind von Ebola betroffen?
Bei der Bekanntgabe des Ebola-Ausbruchs war zunĂ€chst nur die Provinz Ituri im Nordosten des Kongo betroffen - inzwischen ist das Fieber in sechs Provinzen des zentralafrikanischen Landes aufgetreten, das von der FlĂ€che das zweitgröĂte Land Afrikas ist.
«Die aktuelle Herausforderung ist, dass wir immer mehr FĂ€lle und TodesfĂ€lle in entlegenen Regionen sehen», sagt Gertler. Das seien Gebiete, die dĂŒnner besiedelt, schlecht zu erreichen und meist sehr unsicher sind. Die Hilfe kommt nur schwer vor Ort - das gilt fĂŒr Tests, Isolierung, Behandlung und AufklĂ€rungsarbeit.Â
Wie funktioniert die BekÀmpfung des Ausbruchs?
In gröĂeren StĂ€dten wie etwa Bunia, der Hauptstadt der Provinz Ituri, konnten recht schnell Behandlungs- und LaborkapazitĂ€ten ausgebaut werden. Allein Ărzte ohne Grenzen betreibt insgesamt sieben Behandlungszentren und zahlreiche Isolierstationen in Ituri, Nord-Kivu und SĂŒd-Kivu sowie in der Provinz Tshopo, wo gerade ein neues Behandlungszentrum aufgebaut wird. Insgesamt sind das laut Gertler etwa 430 Betten sowie mehr als 1.400 Mitarbeitende in der Region. «Dort, wo wir Erkrankte behandeln können, das berichten mir die Kolleginnen und Kollegen von vor Ort immer wieder, wĂ€chst auch das Vertrauen der Bevölkerung», sagt der Mediziner. «Patienten kommen dann frĂŒher und wir erkennen mehr Kontaktpersonen.»
In den lĂ€ndlichen Regionen aber gebe es gravierende LĂŒcken und kaum Zugang zu rascher Diagnostik. «Die ist natĂŒrlich essenziell, um FĂ€lle tatsĂ€chlich zu erkennen, zu registrieren, adĂ€quat zu behandeln und auch um die NichtfĂ€lle sicher zu identifizieren», sagt Gertler. Insbesondere in lĂ€ndlichen Regionen mĂŒssten dringend mehr Isolierstationen eingerichtet werden.
Welche Probleme gibt es bei der BekÀmpfung der Epidemie?
Vor allem im Osten und Nordosten des Kongos gibt es zahlreiche bewaffnete Gruppen und bewaffnete Konflikte, die bereits seit Jahrzehnten andauern. Die Region ist von hoher Unsicherheit geprĂ€gt - das erschwert auch den Zugang fĂŒr Helfende. Hinzu kommen EinschrĂ€nkungen im Grenz- und Flugverkehr. «Sie verzögern die Ankunft von medizinischen GĂŒtern, humanitĂ€rer Hilfe und spezialisiertem Personal in sehr dramatischer Weise», sagt Gertler.
Jetzt steht zudem die nĂ€chste Regenzeit im Kongo bevor. In dieser Zeit kommt es ĂŒblicherweise zu einer erheblichen Zunahme von Infektionskrankheiten wie Malaria, Durchfallerkrankungen wie Cholera, aber auch Masern und Atemwegsinfektionen. Dies könnte die aktuelle Situation noch einmal massiv erschweren, weil allein durch Malaria massiv FieberfĂ€lle dazukommen, die diagnostisch abgegrenzt werden mĂŒssen von den Ebola-FĂ€llen.
Aber auch Angst in der Bevölkerung vor der Isolation von Ebola-Patienten erschwert die BekĂ€mpfung der Epidemie, berichtet die Hilfsorganisation Aktion gegen den Hunger. Ebola-Behandlungszentren wĂŒrden nach wie vor hĂ€ufig mit einem Todesurteil gleichgesetzt. Aus Angst verbergen manche Familien erkrankte Angehörige, verzögern deren Verlegung in spezialisierte Einrichtungen oder suchen zunĂ€chst traditionelle Heiler auf, so Landesdirektorin Julie Drouet. AuĂerdem: «FĂŒr einen Motorradtaxifahrer, einen MarktverkĂ€ufer oder einen GoldschĂŒrfer bedeutet ein Tag in Isolation einen Tag ohne Nahrung fĂŒr seine Kinder.» Und Hunger werde als gröĂere Bedrohung angesehen als das Virus, dessen Existenz viele leugnen.
Droht eine Ausweitung in die Millionenstadt Kinshasa?
In der vergangenen Woche wurden Ebola-FĂ€lle in der Provinz Tshopo bekannt. Von der Provinzhauptstadt Kisangani fahren regelmĂ€Ăig Schiffe auf dem Kongo-Fluss in die Hauptstadt Kinshasa, in der etwa 17 Millionen Menschen leben. Ein Ebola-Ausbruch dort könnte die Lage drastisch verschlechtern. In der Vergangenheit kam es bereits wiederholt zu Cholera-AusbrĂŒchen, die durch Schiffsreisende eingeschleppt wurden. Noch hoffen die Ărzte im Kongo und darĂŒber hinaus, dass dies im Fall von Ebola nicht eintritt. TrainingsmaĂnahmen sollen dennoch auf eine solche Möglichkeit vorbereiten.
