Patienten, Akte

ePA-Bilanz: Nur 23,6% der Patienten nutzen die digitale Akte

Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 15:13 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Die ePA stĂ¶ĂŸt auf technische und datenschutzrechtliche HĂŒrden. Zugleich sollen Gesundheitsdaten stĂ€rker genutzt und Medikationsdaten ergĂ€nzt werden.

Elektronische Patientenakte: Akzeptanz bleibt niedrig, Reformen geplant
Ein minimalistisch eingerichteter, leerer Behandlungsraum in einer Arztpraxis mit hellem Tageslicht und medizinischer Einrichtung. Illustration mit AI erstellt.

Rund ein Jahr nach der verpflichtenden EinfĂŒhrung der elektronischen Patientenakte (ePA) zum 1. Oktober 2025 verzeichnet die Digitalisierung im deutschen Gesundheitswesen erhebliche Akzeptanzprobleme und technische HĂŒrden.

WÀhrend die Politik den weiteren Ausbau forciert, ziehen Àrztliche BerufsverbÀnde und Leistungserbringer eine kritische Bilanz. Im Zentrum der Debatte stehen dabei technische Defizite, Sicherheitsbedenken sowie der Schutz des Arztgeheimnisses.

Akzeptanz und technische StabilitÀt im Versorgungsalltag

Die Nutzung der ePA durch die Versicherten bleibt deutlich hinter den Erwartungen zurĂŒck. MEDI GENO Deutschland verwies unter Bezugnahme auf eine Civey-Umfrage im Auftrag von Pharma Deutschland aus dem April 2026 darauf, dass lediglich 23,6 Prozent der Versicherten die elektronische Akte tatsĂ€chlich nutzen.

Als HauptgrĂŒnde fĂŒr die ZurĂŒckhaltung gelten technische Probleme, ein erheblicher administrativer Mehraufwand in den Praxen sowie ungeklĂ€rte Fragen bezĂŒglich des Datenschutzes und der Ă€rztlichen Schweigepflicht.

Die technische Infrastruktur erweist sich dabei als Schwachstelle. Gematik-Chef Fuhrmann rÀumte strukturelle Störungen der Telematik-Infrastruktur (TI) ein, an deren Behebung durch ein neues TI-Konzept gearbeitet werde. Die ABDA-VizeprÀsidentin Lucas stufte die AusfÀlle als gravierend ein.

Bereits eine Erhebung des Zentralinstituts fĂŒr die kassenĂ€rztliche Versorgung (Zi) im Januar 2026 verdeutlichte das Ausmaß der InstabilitĂ€t: Etwa 82 Prozent der befragten Praxen meldeten regelmĂ€ĂŸige Probleme beim Auslesen der elektronischen Gesundheitskarte.

Infolgedessen plante zu diesem Zeitpunkt jede dritte Praxis einen Wechsel ihres Praxisverwaltungssystems (PVS). Ein fĂŒr Anfang 2027 angekĂŒndigtes Transparenzportal soll kĂŒnftig eine bessere Orientierung bei der Wahl der PVS-Anbieter ermöglichen.

Legislative Weichenstellungen und der Schutz der Patientendaten

FĂŒr den Herbst 2026 ist die Verabschiedung des Gesetzes fĂŒr Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) geplant. Das Vorhaben sieht einen weiteren Ausbau der ePA sowie die SekundĂ€rnutzung von Gesundheitsdaten fĂŒr Forschungszwecke vor.

Kritiker des GeDIG warnen jedoch vor der Erstellung von Risikoprofilen durch Krankenkassen und einem wachsenden MachtgefÀlle zuungunsten der Patienten. Es bestehe die Gefahr einer Kategorisierung der Versicherten, wobei die Freiwilligkeit der Datennutzung faktisch eingeschrÀnkt werde.

Parallel dazu sorgt eine geplante Reform des Nachrichtendienstrechts fĂŒr Spannungen zwischen der Ärzteschaft und der Bundesregierung. Die BundesĂ€rztekammer (BÄK) fordert einen absoluten Schutz fĂŒr Mediziner, vergleichbar mit dem Status von Seelsorgern oder RechtsanwĂ€lten.

Der aktuelle Regierungsentwurf sieht fĂŒr Ärzte und Psychotherapeuten hingegen nur einen abwĂ€gungspflichtigen Schutz vor. Dies könnte dazu fĂŒhren, dass im Rahmen von Überwachungsmaßnahmen auch PraxisrĂ€ume akustisch oder optisch ĂŒberwacht und IT-Systeme sowie Patientenakten eingesehen werden dĂŒrfen.

Anzeige

Wer sich mit der Digitalisierung sensibler Gesundheitsdaten befasst, muss auch die strengen Dokumentationspflichten der DSGVO im Blick behalten. Dieser kostenlose Ratgeber unterstĂŒtzt Sie mit einer praktischen Excel-Vorlage dabei, Ihr Verarbeitungsverzeichnis rechtssicher und zeitsparend zu erstellen. Kostenlose Muster-Vorlage und Schritt-fĂŒr-Schritt-Anleitung jetzt gratis herunterladen

BÄK-PrĂ€sident Reinhardt zog angesichts dieser Entwicklung eine Verfassungsbeschwerde in Betracht. Er verwies darauf, dass das Bundesverfassungsgericht bereits im Jahr 2016 die unterschiedliche SchutzwĂŒrdigkeit von Arztgruppen als problematisch eingestuft hatte. Das Bundesinnenministerium (BMI) bezeichnete den Zugriff auf Praxissysteme indes als ein fernliegendes Szenario und verwies auf Kontrollinstanzen.

Perspektiven fĂŒr Patientensicherheit und Arzneimitteltherapie

Trotz der Kritik sehen einige Akteure im Versicherungswesen Potenziale zur Verbesserung der Patientensicherheit. Die IKK SĂŒdwest berichtete von jĂ€hrlichen ErstgesprĂ€chen bei rund 250 bis 300 vermuteten Behandlungsfehlern.

In mehreren FĂ€llen pro Jahr wĂŒrden Gutachten VerstĂ¶ĂŸe gegen Pflegestandards, etwa bei der Dekubitusprophylaxe, bestĂ€tigen. IKK-Chef Loth forderte daher eine zentrale Erfassungsstelle und den Zugriff auf Befunde via ePA, um die Versorgungskette transparenter zu gestalten.

In der Arzneimittelversorgung steht die Integration des elektronischen Medikationsplans (eMP) bevor. Aktuell umfasst die ePA lediglich die elektronische Medikationsliste aus E-Rezept-Daten. Die bundesweite EinfĂŒhrung des vollstĂ€ndigen eMP ist ab Dezember 2026 geplant.

Unterdessen forderte die Apothekerschaft auf dem Deutschen Apothekertag technische Nachbesserungen, um die Übermittlung formal fehlerhafter E-Rezepte zu verhindern. TĂ€glich werden ĂŒber eine Million E-Rezepte verarbeitet, wobei fehlerhafte DatensĂ€tze oft aufwendige RĂŒcksprachen zwischen Apotheken und Praxen erfordern.

Anzeige

Die zunehmende Vernetzung im Gesundheitswesen erfordert nicht nur technische StabilitĂ€t, sondern auch eine lĂŒckenlose datenschutzrechtliche Absicherung. Experten zeigen in diesem kostenlosen Report die hĂ€ufig ĂŒbersehenen Pflichtfelder im Verarbeitungsverzeichnis auf, die bei einer PrĂŒfung sofort auffallen. Experten-Anleitung zur DSGVO-Dokumentation kostenlos sichern

Telemedizin und PrimÀrversorgung

Ein positiver Trend zeigt sich in der Telemedizin, die insbesondere im Ă€rztlichen Bereitschaftsdienst an Bedeutung gewinnt. In Niedersachsen ist die Telemedizin seit 2025 fester Bestandteil dieses Dienstes; laut Angaben der KassenĂ€rztlichen Vereinigung konnten 83 Prozent der rund 100.000 behandelten FĂ€lle abschließend bearbeitet werden.

Gleichzeitig warnte der HausĂ€rztinnen- und HausĂ€rztetag vor einer sinkenden AttraktivitĂ€t des Hausarztberufs und forderte ein verbindliches PrimĂ€rversorgungssystem. Eine verpflichtende digitale Steuerung durch Apps der Krankenkassen wird vom Verband abgelehnt, wĂ€hrend die Bedeutung der Hausarztpraxis als erste Anlaufstelle fĂŒr Patienten unterstrichen wurde.

Die Notwendigkeit einer verbesserten Patientensteuerung wird auch durch die aktuelle Platzierung Deutschlands im europĂ€ischen Public Health Index unterstrichen, in dem das Land laut BÄK-PrĂ€sident Reinhardt lediglich Platz 18 von 19 belegt.

Disclaimer...

de | wissenschaft | 70125625 |