Epstein-Barr-Virus, Pfeiffersches

Epstein-Barr-Virus: Warum Pfeiffersches Drüsenfieber die Abwehr schwächen kann

Veröffentlicht am: 03.10.2026 um 08:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Forschungsberichte beleuchten EBV-Folgen, begrenzte Long-COVID-Belege und den Ausbau spezialisierter ME/CFS-Angebote.

EBV und Long COVID: Folgen, Therapielücken und neue Erkenntnisse
Abstrakte, mikroskopische Zellstrukturen in blauen und weißen Tönen als Symbol für immunologische Prozesse im menschlichen Körper. Illustration mit AI erstellt.

Aktuelle medizinische Analysen und Berichte aus dem Oktober 2026 verdeutlichen die weitreichenden Konsequenzen viraler Infektionen für das menschliche Immunsystem. Im Zentrum der Forschung steht dabei insbesondere das Epstein-Barr-Virus (EBV), mit dem sich mehr als 90 Prozent aller Europäer im Laufe ihres Lebens infizieren.

Wie Christian Münz vom Institut für experimentelle Immunologie der Universität Zürich darlegte, kann der Erreger bei einer Erstinfektion im Jugendalter das Pfeiffersche Drüsenfieber auslösen, doch die Langzeitfolgen wiegen oft schwerer.

Die Rolle des Epstein-Barr-Virus im Immunsystem

Das Epstein-Barr-Virus befällt primär die B-Lymphozyten des Körpers. Den Erkenntnissen von Christian Münz zufolge macht diese Infektion Organe wie Darm und Lunge anfälliger für andere Krankheitserreger.

Durch Entzündungsprozesse und eine daraus resultierende Erschöpfung der Abwehrzellen werden Folgeinfektionen begünstigt. Über die unmittelbaren Infektionsfolgen hinaus stehe EBV zudem in engem Zusammenhang mit der Entstehung schwerwiegender Erkrankungen wie Multipler Sklerose und verschiedenen Krebsarten.

Ein zentrales Problem in der medizinischen Versorgung bleibt das Fehlen einer spezifischen Therapie gegen das Virus. Laut Münz bleibe den Betroffenen derzeit nur das Abwarten, bis der Erreger nach mehreren Monaten in einen inaktiven Zustand übergeht.

Gesellschaftliche und wirtschaftliche Dimensionen postinfektiöser Leiden

Die nationalen Akademien der Wissenschaften, vertreten durch die Leopoldina, widmeten sich Anfang Oktober 2026 in einer Stellungnahme umfassend den postinfektiösen Erkrankungen.

Den Daten zufolge leben in Deutschland über 1,5 Mio. Menschen mit den Folgen von Long-COVID oder der Myalgischen Enzephalomyelitis/dem Chronischen Fatigue-Syndrom (ME/CFS). Die wirtschaftlichen Kosten dieser Langzeiterkrankungen werden langfristig auf 0,1 bis 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) geschätzt.

In einer Veranstaltung der Bundespressekonferenz betonten Fachleute wie Regina T. Riphahn und Norbert Suttorp die Notwendigkeit systemischer Veränderungen. Riphahn wies darauf hin, dass die Erfahrungen mit Long COVID essenziell für die Vorbereitung auf künftige Pandemien seien.

Suttorp, Co-Sprecher der Leopoldina-Arbeitsgruppe, unterstrich, dass einfache Anpassungen oder die Umnutzung bestehender Medikamente (Drug Repurposing) nicht ausreichten. Er forderte das Betreten wissenschaftlichen Neulands, um den Versorgungsdefiziten bei neuartigen Krankheitsbildern zu begegnen.

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Aktueller Stand der Forschung und therapeutische Ansätze

Die Suche nach wirksamen Behandlungen gestaltet sich komplex. Laut dem Altea-Netzwerk entwickeln rund zehn Prozent der Personen nach einer SARS-CoV-2-Infektion Long COVID, was sich durch Symptome wie extreme Erschöpfung, Belastungsintoleranz (PEM), Atemnot sowie Konzentrationsstörungen äußert.

Eine systematische Übersichtsarbeit, die 24 Studien mit 3695 Teilnehmenden auswertete, fand lediglich für drei Ansätze wissenschaftliche Belege mit moderater Sicherheit: kognitive Verhaltenstherapie in Online-Programmen, die Kombination aus körperlicher und mentaler Rehabilitation sowie intermittierendes aerobes Training.

Eine internationale Leitlinie aus dem Jahr 2026, erstellt von 60 Fachleuten aus zehn Ländern, konnte bisher keine Empfehlungen mit hoher Evidenzsicherheit aussprechen. Bedingte Empfehlungen existieren für Impfungen zur Vorbeugung sowie den Einsatz von Probiotika bei Fatigue. Bei vorliegender Belastungsintoleranz wird vor allem zu Pacing und gezieltem Aktivitätsmanagement geraten.

Risikofaktoren und neue diagnostische Erkenntnisse

Neue Studien identifizierten spezifische Risikofaktoren für die Entwicklung chronischer Infektionsfolgen. Eine Untersuchung zu Nachtarbeit und Long-COVID-Risiken auf Basis von Daten aus den Jahren 2021 bis 2023 ergab, dass Nachtschichtarbeiter ein um 88 Prozent höheres Risiko tragen als Tagarbeiter.

Schlafstörungen allein erhöhten das Risiko unabhängig vom Arbeitszeitmodell um 42 Prozent. Bei einer Kombination aus Nachtarbeit und chronischer Schlaflosigkeit stieg das Risiko auf das 2,7-Fache.

Auf diagnostischer Ebene lieferte die NEULOCO-Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim neue Anhaltspunkte. Mittels Phosphor-Magnetresonanzspektroskopie wurde bei Post-COVID-Patienten ein reduziertes ATP/PCr-Verhältnis im cingulären Cortex des Gehirns festgestellt. Niedrigere Werte in diesem Bereich korrelierten direkt mit schlechteren Ergebnissen in kognitiven Tests.

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Ausbau der spezialisierten Versorgung

In Österreich reagieren die Bundesländer mit dem Aufbau spezialisierter Strukturen auf den Bedarf. Im Burgenland startet eine ME/CFS-Ambulanz im Oktober 2026, gefolgt von der Steiermark im Spätherbst. In Oberösterreich ist eine Eröffnung für 2027 geplant, wobei die Kosten bis 2028 auf rund 1,2 Mio. Euro geschätzt werden. Auch in Wien soll Anfang 2027 eine Anlaufstelle entstehen, die auf jährlich 5000 Behandlungen ausgelegt ist.

Abschließend verwies Peter Kardos von der Deutschen Atemwegsliga auf die Abgrenzung zu gewöhnlichen Infekten. Während Husten nach Erkältungen meist innerhalb von drei Wochen abklinge, gelte er ab acht Wochen als chronisch und müsse ärztlich abgeklärt werden, um postvirale Komplikationen frühzeitig zu erkennen.

Mehr zum Thema bei NZZ: „Pfeiffersches Drüsenfieber: Warum die Erkrankung das Immunsystem schwächen kann“

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