Erkältungsmedikamente, Herz-Kreislauf-Ereignisse

Erkältungsmedikamente: 31 Herz-Kreislauf-Ereignisse in 51 Verdachtsfällen

Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 20:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Atemwegsleiden können das Herz belasten; Studien beleuchten Biomarker, unerkannte Rhythmusstörungen und Risiken bestimmter Erkältungspräparate.
Ein Stethoskop liegt auf einem weißen Untersuchungstisch in einer modernen Arztpraxis. Illustration mit AI erstellt.

Erkrankungen der Atemwege und des Herzens beeinflussen sich gegenseitig in erheblichem Maße. Nach Einschätzung des Lungenfacharztes Dr. Wolfgang Steflitsch aus Ollersbach bei Neulengbach steigt das Risiko für gravierende kardiale Folgeerkrankungen signifikant an, wenn Atemwegs- und Lungenkrankheiten verzögert erkannt oder unzureichend therapiert werden.

Da Herz und Lunge über den kleinen Kreislauf funktionell eng miteinander verknüpft sind, empfiehlt der Mediziner umgekehrt, auch bei ernsten Herzerkrankungen routinemäßig die Lungen- und Atemleistung eingehend zu untersuchen.

Gefahren akuter Infekte für den Herzmuskel

Akute Atemwegsinfektionen stellen eine relevante Belastung für das Herz-Kreislauf-System dar. Nach Angaben des Infektiologen Mathias Pletz vom Uniklinikum Jena registriert das Robert-Koch-Institut in Deutschland aktuell rund 5 Millionen Neuerkrankungen an Atemwegsinfekten pro Woche.

Pletz stellt klar, dass der Ausdruck des verschleppten Infekts ein Laienbegriff sei. Grundsätzlich könne jede Virusvariante schwere Komplikationen wie eine Lungenentzündung, eine Sepsis oder eine Herzmuskelentzündung hervorrufen. Insbesondere Erreger wie Influenza, RSV, Covid und hMPV greifen das Herz verstärkt an.

Nach einer leichten Erkältung vergehen laut Pletz fünf bis sieben Tage bis zur vollen Fitness, bei schwereren Infekten dagegen Wochen bis Monate. Sportliche Aktivität sollte erst mit 30 bis 40 Prozent der gewohnten Belastung wieder aufgenommen werden.

Auch Kardiologe Prof. Dr. Uwe Nixdorff weist darauf hin, dass eine Myokarditis zwar selten auftrete, jedoch auch junge, gesunde Personen schwer treffen könne.

Männer seien rund doppelt so häufig betroffen wie Frauen, wobei viele Erkrankte zwischen 20 und Mitte 30 Jahre alt seien und nicht selten trotz bestehender Krankheit weitertrainiert hätten. Typische Warnzeichen sind Brustschmerzen, Atemnot, Herzrhythmusstörungen wie Herzrasen, reduzierte Belastbarkeit, Müdigkeit und Ödeme.

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Bei ernsten Symptomen wie drohender Bewusstlosigkeit oder anhaltenden Schmerzen rät Nixdorff zur Alarmierung des Notrufs 112. Während früher eine Schonung von drei bis sechs Monaten verordnet wurde, sehen neuere ESC-Leitlinien individuell bemessene Zeiträume von Wochen bis Monaten vor. Zu den schwersten Folgen zählen dilatative Kardiomyopathien bis hin zur Herztransplantation sowie der plötzliche Herztod durch Kammerflimmern.

Alexander Geppert, Vorstand der Kardiologie an der Klinik Ottakring in Wien, hebt hervor, dass konsequente körperliche Schonung die wichtigste Maßnahme darstelle. In der Erkältungssaison 2026 dominieren laut dem Wiener Gesundheitsverbund Rhinoviren, zudem wurden erste Grippefälle erfasst.

Eine Myokarditis könne während des Infekts oder in einem Zeitraum von wenigen Tagen bis zu vier Wochen danach auftreten, wobei Brustschmerzen oder Druckgefühle bei etwa 80 Prozent der Patienten als Leitsymptom fungieren.

Bei starken Beschwerden gelte in Österreich der Notruf 144. Eine akute Myokarditis heilt meist binnen vier Wochen ab, schwere Verläufe treten in der akuten Phase bei 3 bis 9 Prozent auf.

Chronische Wechselwirkungen und diagnostische Marker

Die Zusammenhänge reichen über akute Infektionen hinaus. Dr. Francisco Javier Saynes Marín, ehemaliger Präsident der Sociedad Mexicana de Otorrinolaringología in Mexiko-Stadt, verweist darauf, dass chronische Atemwegserkrankungen wie COPD und Asthma in einer wechselseitigen Beziehung zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes stehen.

Bei chronisch Kranken steigern winterliche Infektionen das Hospitalisierungs- und Sterberisiko merklich. Fachleute empfehlen neben Impfungen gegen Influenza und Pneumokokken eine ausreichende Schlafdauer von sieben bis acht Stunden für Erwachsene.

Auf diagnostischer Ebene untersuchte ein Autorenteam um Corneanu, Petri?, ?orodoc und Lionte von der Universität für Medizin und Pharmazie Iasi in einer systematischen Übersichtsarbeit von 23 Studien (2015–2026) zirkulierende Biomarker bei gleichzeitigem Vorliegen von Herzinsuffizienz und COPD.

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NT-proBNP erwies sich dabei als am besten validierter Marker für kardiale Funktionsstörungen und ungünstige Krankheitsverläufe. Ebenfalls von Bedeutung sind kardiale Troponine sowie Entzündungs- und Fibrose-Marker.

Die kardiovaskuläre Belastung bei pulmonalen Erkrankungen belegen weitere Daten: Eine Untersuchung der Amurischen Staatlichen Medizinischen Akademie ergab bei COPD-Patienten signifikant mehr Gefäßstenosen im Median (4 gegenüber 2, p=0,02), mehr hämodynamisch signifikante Verengungen (p=0,009) sowie mehr ausgedehnte Stenosen über 20 Millimeter Länge (p=0,04).

In der monozentrischen PRECURSOR-Pilotstudie an 18 Erwachsenen nach akuter COPD-Exazerbation identifizierte ein kontinuierliches 3-Kanal-Wearable-EKG über geplante 21 Tage bei 50,0 Prozent der Teilnehmer (9 von 18) zuvor unentdeckte, behandlungsbedürftige Arrhythmien wie Vorhofflimmern oder höhergradige AV-Blöcke.

Risiken durch Erkältungsmedikation

Besondere Vorsicht ist bei der Selbstmedikation geboten. Die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) warnt vor kardiovaskulären Risiken bei rezeptfreien Kombinationspräparaten mit Pseudoephedrin, die mit Ibuprofen, ASS oder Antihistaminika kombiniert sind. Eine Auswertung von 51 Verdachtsfällen unerwünschter Wirkungen zeigte 31 kardiovaskuläre Ereignisse wie Blutdruckanstiege und Tachykardien.

In einem Fall erlitt ein 42-jähriger Patient nach der Einnahme einer Pseudoephedrin-ASS-Kombination einen Hinterwandinfarkt infolge generalisierter Koronarspasmen sowie Kammerflimmern. Bei schweren kardiovaskulären Vorerkrankungen und unkontrolliertem Bluthochdruck sind derartige Präparate kontraindiziert.

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